Kunst und Klientel

Kolumnen

Kunst und Klientel

Glaube bloß niemand, die Sächsische Staatskapelle sei nur zum Fußballspielen nach China gereist. Ein Match im Fernen Osten erhöht die Klickzahlen diverser Netzwerke, aber das allein ist noch kein Reisegrund. Wer es gern zugespitzt mag, muss auf den Gedanken kommen, die Kapelle diente der Begleitmusik zur Abschiedstour des Noch-Ministerpräsidenten von Sachsen. Der ist schon mal in der Volksrepublik gewesen, ohne sich an gewissen postmaoistischen Auslegungen von Menschen- und Meinungsfreiheit zu stoßen. Warum er nun auch seinen letzten vom Steuergeld finanzierten Ausflug im Schatten von Pekings Großmacht verbringen will, bevor er dann bald in die redlich verdiente Vergessenheit taucht, hat freilich nur ganz, ganz wenig mit Kunst und Kultur zu tun, dafür aber sehr viel mit schnödem Kommerz. In einer für Mitglieder seiner Parteigruppe erstaunlichen Offenheit bekannte der Osterreiter vorm Abflug in die Stadt Wuhan, dass ihn das Schicksal der sogenannten kleinen Leute nicht schere. Der Volks-Vertreter will vor allem eins: verkaufen. Nein, nicht das Volk, dafür bekommt er ja nichts, sondern Luxusgüter aus Sachsen. Meißner Teller und Tassen, Zeitanzeiger aus Glashütte sowie dicke Autos aus der verlängerten Werkbank von Zuffenhausen.

Derselbe Mann, der einst für die Verteilung von Mangeln und Mängeln zuständig war, widmet sich jetzt dem Vermarkten von Überflüssigem. Und damit ist er sogar ganz erfolgreich: 2016 haben die Firmen des Freistaates Waren im Wert von 5,5 Milliarden Euro nach China exportiert. Sachsen ist damit das Bundesland, das China als größten Handelspartner hat. Der reisende Sachse hat also genau jene zehn Prozent der etwa sechs Millionen Einwohnen von Wuhan im Auge, die umgerechnet mehr als 120.000 US-Dollar pro Jahr verdienen. Bei denen sitzt das Geld locker, ganz klar.

Aber nicht nur für die Wirtschaftsvertreter spielt die Staatskapelle in diesen Tagen. Zu den Konzerten strömen auch die „kleinen Leute“: das chinesische Konzertpublikum ist geschätzt zwanzig Jahre jünger als das deutsche, in den Reihen sieht man erstaunlich viele Kinder von acht, neun, zehn Jahren. Die verstehen noch nichts von Politik. Aber vielleicht und hoffentlich bald mehr von Mozart und Strauss. Denn im Gegensatz zum Fußball – da spielt man bekanntlich gegeneinander – wird die Musik ja füreinander gespielt.

18.11.2017Kolumnen