Vorgeschichte und Rückblick

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Vorgeschichte und Rückblick

Punk auf der Straße, Prenzlauer Berg, Ost-Berlin, 1982, Foto: Ilse Ruppert

Noch bis zum 19. November 2017 läuft im Albertinum die vielbeachtete Ausstellung »Geniale Dilletanten. Subkultur der 1980er Jahre in West- und Ostdeutschland«. Die Schau basiert auf einer Wanderausstellung »Geniale Dilletanten« (absichtlich falsch geschrieben), die das Goethe-Institut konzipiert und in viele Städte der Welt geschickt hatte. Die allgemeinen Lebensverhältnisse in der DDR blieben dabei ausgeklammert.

Erst für Dresden, und offenbar nur für Dresden, wurde die Ausstellung um das Thema »Subkultur der 1980er Jahre in der DDR« ergänzt – dank des Einspruchs und des Engagements von Albertinum-Chefin Hilke Wagner und vor allem des Kurators Christoph Tannert (Künstlerhaus Bethanien), dem wohl profundesten Kenner der DDR-Subkultur-Kunstszene. Dass, wie immer wieder zu hören ist, die Ausstellung auf künftigen Stationen wieder ohne den DDR-Anteil präsentiert werden soll, sagt einiges über die Einstellung westdeutscher Kulturverwalter zur gesamtdeutschen Kunstszene aus.

Im Brennpunkt des DDR-Teils der Dresdner Ausstellung steht, so sieht das auch Teresa Ende in ihrem DNN-Artikel, das – wie wir früher sagten – »Underground«-Festival Intermedia, das am 1. und 2. Juni 1985 in Coswig stattfand.

Publikum, Intermedia I, Coswig 1985, Foto: Matthias Creutziger

Schon zur Vernissage dieser »Dilletanten«-Ausstellung am 14. Juli 2017 war an den Eröffnungsreden und an den Gesprächen während des Abends hörbar, dass die Deutungshoheit in Bezug auf dieses außerordentliche Ereignis (Wie wichtig war »Intermedia« eigentlich und warum?) und die Besitzfrage (Wem „gehört“ »Intermedia« und wer darf darüber etwas sagen?) hart umkämpft waren – teils bis zur Lächerlichkeit. Dass Idee und Konzept für »Intermedia« auf den damals dreißigjährigen Kunstkritiker, Publizisten und Ausstellungsmacher Christoph Tannert zurückzuführen ist, scheint unter Interessenten der Kultur- und Kunstgeschichte der DDR unbestritten. Tannert, seit 1976 in Berlin lebend, hatte 1981, nach einem Studium der Archäologie und der Kunstwissenschaft an der Humboldt-Universität, sein Diplom abgelegt. Er war gut vernetzt auch mit den Szenen und Künstlern in Leipzig, Dresden, Karl-Marx-Stadt und Erfurt, war dort auch immer wieder vor Ort. Beste Voraussetzung also für ein solches Projekt.

Was aber wissen wir über die Vorgeschichte von »Intermedia« in Coswig, über die Vorgänge und Personen, die es ermöglichten, dass das Festival dort veranstaltet werden konnte?

Im Jahre 1982 wurde die Jazzwerkstatt Peitz (bei Cottbus) verboten. Der Jazzveranstalter und Manager Ulli Blobel erhielt Arbeitsverbot als Musiker-Vermittler, stellte Ausreiseantrag und reiste Anfang Februar 1984 aus. Sein Kompagnon Peter »Jimi« Metag blieb in der DDR und vermittelte weiterhin Freejazz-Musiker aus West und Ost an Konzertveranstalter. Nachdem nun aber die »Jazzwerkstatt« als bedeutendes Betätigungsfeld für Jimi Metag (der offiziell nun solo weiterarbeitete) weggefallen war, und nachdem sich immer mehr zeigte, dass die daran anschließende Reihe »Jazzpodium Cottbus« mit Jörg Tudyka sich Schritt für Schritt von der Free-Jazz-Dominanz abwendete, war es für Metag ein glücklicher Umstand (und für das Publikum auch), dass er die Zuständigkeit für die Programmgestaltung der im Juni 1983 beginnenden »Jazz-In«-Reihe in Wolfgang Zimmermanns Clubhaus Coswig erhielt. Im folgenden entwickelte sich dieses Clubhaus immer mehr zur ersten Veranstaltungsadresse für Free Jazz – zumindest in der Südhälfte der DDR. Allein 1983 fanden dort drei mehrtägige »Jazz-In«-Veranstaltungen statt – kleine, aber hochkarätige Festivals – sowie, ebenfalls unter der »Jazz-In«-Rubrik, ein weiteres Konzert Anfang März 1984 im Kino Radebeul-West. Die Zusammenarbeit zwischen Musiker-Vermittler und Veranstalter, zwischen Metag und Zimmermann, lief, wie Zimmermann formulierte, als „sehr gut funktionierendes Verhältnis“ weiter.

Zimmermanns Clubhaus Coswig galt alsbald als eingeführte Adresse für wilde Musik und schräge Kulturprogramme und geriet ins Blickfeld von Christoph Tannert, der einen Veranstaltungsort für die »Intermedia«-Idee brauchte – und eben hier auch fand. Es kam zu Vorgesprächen, in denen, so Zimmermann, Metag mehrfach von »Intermedia« abgeraten hatte. Zimmermann formuliert recht deutlich: „Metag war kein Befürworter der Intermedia“. In seinem Buch »Die Akten Jazz & Show« bezieht sich Wolfgang Zimmermann auf seine Stasi-Akte und zitiert aus dem Bericht, den Annemarie König unter dem Decknamen IMS „Isolde Peukert“ lieferte (König war pikanterweise Vorsitzende der IG Jazz im Clubhaus Coswig), dass „das gesamte Programm gemanagert wird durch einen gewissen Tannert“ und weiter, „dass eben Herr Metag den Tannert abgelehnt hat“. Aus diesem Bericht geht ebenfalls hervor, dass Zimmermann Metags Einwände zugunsten Tannerts beschwichtigt habe. „Solange von offizieller Seite gegen einen Künstler kein Auftrittsverbot vorliegt“, so Zimmermann, dürfe der bei ihm im Clubhaus auftreten.

Metags Skepsis gegenüber »Intermedia« könnte darin begründet gewesen sein, dass nun Musikformen, mit denen er künstlerisch nichts anfangen konnte, ein Podium erhalten würden, das bisher fast ausschließlich ihm und seinen Musikern zur Verfügung stand. Auch könnte der Gedanke eine Rolle gespielt haben, dass – als mögliche politische Folge von »Intermedia« – das Clubhaus Coswig als bis dahin geduldeter Free-Jazz-Ort gefährdet oder gar disqualifiziert werden könnte. Der Free Jazz-Szene wäre in einem solchen Fall ein wichtiger Veranstaltungsort verloren gegangen.

Folgerichtig war Metag dann in die zwei Tage der »Intermedia« gar nicht involviert. Er hatte weder Musiker beigesteuert, noch war er in den Ablauf der beiden Abende integriert. Tannert erinnert sich: „Jimi Metag hatte mit der Veranstaltung nichts zu tun. Auch nicht mit den Gagen. Alles lief über den Veranstalter, das Klubhaus.“ Und das Klubhaus, das war Wolfgang Zimmermann.

So unrecht hätte Jimi Metag mit seinen Befürchtungen nicht gehabt. Es kam so, wie er möglicherweise vermutete, jedoch mit einem anderen Dreh: nicht Metag selbst, der als Musiker-Vermittler auch nach der Intermedia weiterarbeiten konnte, wurde in seiner Berufsausübung gestoppt, sondern Zimmermann, der als Folge von »Intermedia« noch im Sommer 1985 als Clubhausdirektor entlassen, aus der SED ausgeschlossen und mit einem kulturpolitischen Tätigkeitsverbot belegt wurde – eine für ihn existenzbeeinträchtigende Maßnahme. Einzelne »Intermedia«-Künstler wie »Klick & Aus« und »Pfff« erhielten Auftrittsverbot.

08.11.2017Features, Rezensionen