Wenn die bunten Fahnen wehen

Rezensionen

Wenn die bunten Fahnen wehen

„Wenn die bunten Fahnen wehen, geht die Fahrt wohl über’s Meer….“, nun ja, als ich das als Kind gesungen habe, ging die Fahrt bestenfalls übers Land, einmal immerhin bis ans Meer, an die Ostsee, aber nicht darüber. Jüngst ging es für mich auch nicht übers Meer, wieder mal übers Land und ins „Ländle“, in die Hauptstadt, nach Stuttgart. Dort wehen derzeit die bunten Fahnen: zum zweiten Mal gibt es das biennale Colours International Dance Festival, ins Leben gerufen und präsentiert von Eric Gauthier. Ich habe diese Fahrt nicht bereut, im Gegenteil. Der Titel ist Programm, das Festival ist wirklich voller Farben und für etliche der dort präsentierten Kompanien, Künstlerinnen und Künstler ging die Fahrt auch wirklich übers Meer.

Eric Gauthier (Foto: Maks Richter)

Gauthier und die vor zehn Jahren von ihm gegründete Kompanie Gauthier Dance am Theaterhaus Stuttgart haben das Festival eröffnet. »Mega Israel« heißt die neue Produktion, und sie ist mega! Drei Choreografien der derzeit angesagtesten Choreografen aus Israel, zwei davon, Hofesh Shechter und Ohad Naharin, sind auch in Dresden bekannt. Die Newcomer Sharon Eyal und Gai Behar sollten auch bald Gelegenheit haben, sich in hier vorzustellen, denn ihre für Stuttgart neu eingerichtete Kreation »Killer Pig« für sechs Tänzerinnen hat es in sich. Die Tänzerinnen haben die nötige Power und vor allem das technische Können, um den rasanten Ansprüchen dieser den Tanz auf halber Spitze bevorzugenden Choreografie zu entsprechen. Dazu erobern sie, ohne auch nur ein Minimum weiblicher Präsenz aufzugeben, insbesondere bei den raffinierten Sprüngen, auch jene Bereiche, die bislang eher ihren männlichen Kollegen zugedacht sind. Ja, sie geben sich auch kämpferisch, diese grandiosen Tänzerinnen von Gauthier Dance, sie kennen die Kraft der synchron geführten Gruppe und sie kennen den Wandel, wenn sie sich im leichten Reigen wie in einer schönen Hommage an die Zeit der Ballets Russes fast schwebend durch den Raum bewegen.

Zuvor, bei zu erwartender Lautstärke, die aber nicht mit Krach zu verwechseln ist, Hofesh Shechters »Uprising«. Als hätten die sieben Tänzer von Gauthier Dance nur darauf gewartet, auf blanken Sohlen, ganz lässig und locker gekleidet, dass dieser dröhnende, rockende Beat, wie man ihn bei Shechter kennt und erwartet, sie aufeinander losgehen lässt. Was heißt hier gehen, sie gehen sich an! Aggression ist angesagt, wer gibt den Ton, wer ist der coolste? Das könnte man schon so sehen und sähe doch nur einen Teil dieser nicht gänzlich unironischen Sicht auf männliche Dominanztänze. Denn wie sollen sie sich nahe kommen, diese coolen Kerle, wenn sie nicht rempeln oder raufen? Am Ende, wenn sich musikalische Fragmente aus Mozarts dramatischer Sinfonie Nr. 40 KV 550 zu den verzerrten Beats mischen, wenn sich die sieben Tänzer zu einem Barrikadenbild finden und ein rotes Minifähnchen wie einst beim von seinem Vater vernachlässigten Gavroche aus Victor Hugos Roman »Die Elenden« im leichten Winde weht, dann ist es doch klar: Männer müssen tanzen, sonst sind sie verloren.

»Minus 16« (Fotos: Regina Brocke)

Und dann tanzen sie alle, die 16 Tänzerinnen und Tänzer von Gauthier Dance, »Minus 16« von Ohad Naharin, gabs auch schon mal in Dresden, als das Semperoper Ballett das ehrwürdige Opernhaus rockte. Jetzt reißt es die Menschen im Theaterhaus Stuttgart von den Sitzen, wenn die traditionelle Musik aus Israel sich mischt mit Romantik von Chopin und im immer wieder so beeindruckenden wie auch verstörenden »Echad Mi Yodea«, jene wilde, provokante Laola-Welle der Tänzer auf den Stühlen zum traditionellen jüdischen Gesang der Familien, die beim Pessachfest an den überstürzten Aufbruch des Volkes Israel aus der Ägyptischen Gefangenschaft und den Beginn des Weges durch Wüste und Rotem Meer in die verheißene Freiheit erinnert; wenn sich die Tänzerinnen und Tänzer fast nackt machen und am Ende Kleider und Schuhe in die Mitte geworfen werden, dann ist es klar: Das ist Naharins Kraft des Protestes, die er in diese Arbeit gelegt hat. Und um diese über alles Mitreißende und Dekorative hinaus zu vermitteln, braucht man starke Tänzerpersönlichkeiten. Hier zählen weder Perfektion allein, noch die Vollkommenheit der Symmetrie. Hier zählt die totale Hingabe, und die kann man erleben.

Aber es ist nicht nur dieser mitreißende Charakter der Arbeiten von Naharin in »Minus 16«. Es sind auch sehr sensible Passagen, wie etwa das Duo zu Antonio Vivaldis Vertonung des 126. Psalms, jenem Hoffnungsgesang, der von der Vision, einmal zu sein „wie die Träumenden“, erzählt. Und auch die Einladung an das Publikum mitzutanzen, eine mitunter heikle Angelegenheit, gelingt, da die Tänzerinnen und Tänzer ihre Partnerinnen nicht allein lassen und so aus der wunderbaren Verführung keine Vorführung wird. Und dann gibt es sie doch, diese Verführung pur, mitunter gibt es an einem Abend im Theaterhaus in allen vier nicht gerade kleinen Sälen Aufführungen und am späten Abend, bis kurz vor Mitternacht, begeistern noch die Superartisten der Australischen Kompanie Gravity & Other Myths mit ihrem choreografischen und akrobatischen Aktionen in der Show »A Simple Spaces« in der Sprthalle und bringen einen wunderbaren Hauch der Ästhetik des Cirque du Soleil zum Ausklang eines Festivaltages am ersten Wochenende.

»Killer Pig«

Insgesamt 20 Gastspiele und Uraufführungen gibt es, Tanz in vielen Facetten und Farben, auch in der Stadt, wenn alle eingeladen sind, mitzutanzen. Das Spektrum der Gastspiele reicht vom Klassiker wie »Romeo und Julia« vom Ballett Zürich bis hin zu Helena Waldmanns Stück auf aktuellem, politischen Hintergrund, »Gute Pässe schlechte Pässe«. Auch ein unschlagbares Stück, wie »A Dance Tribute to the Art of Football«, von der Dänischen Jo Strømgren Kompani kommt erstmals nach Stuttgart. In Dresden gab es dieses Ballett für echte Männer zu dröhnendem Rock und herzerweichenden Opernarien allerdings schon vor Jahren, kurz nach der Uraufführung, zur Tanzwoche, im noch unsanierten Festspielhaus in Hellerau zu sehen. Manchmal hat Dresden eben auch in Sachen Tanz die Nase vorn!

Foto: Simon Wachter

Zurück vom Stuttgarter Colours Festival, wünschte ich mir aber doch auch bei hiesigen Festivals etwas mehr von dieser großartigen Stimmung. Das stimmt die Kommunikation, da gibt es stimmige Formate, die das Publikum einbeziehen und ansprechen und, was ja nicht unwesentlich ist, da stimmt auch die Gastronomie. Und so klingen die ohnehin langen Abende im Theaterhaus immer lange aus, bei gutem Wein und guten Kontakten, Gesprächen, Diskussionen, was nicht zuletzt wohl auch Verdienst des so charmanten wie gewitzten, ständig anwesenden und ansprechbaren Initiators des Festivals, Eric Gauthier ist, dem es so mit allen Beteiligten gelingt, eine Stadt einzubeziehen, für alle Altersgruppen Angebote zu machen, und mit dem Tanz und der Vielfalt dieser Kunst, die ohne Toleranz und Internationalität nicht möglich ist, Verbindendes schaffen, wo oft genug derzeit das Trennende Konjunktur hat.

18.07.2017Rezensionen