Im Gedenken an Rosalie

Rezensionen

Im Gedenken an Rosalie

Neben Wagners Opern hat sich Leipzigs Ensemble Richard Strauss zugewandt. Die Premiere von »Salome« war eingebettet in Aufführungen von »Arabella« und »Frau ohne Schatten«. Auch nach der zweiten Aufnahme der Salome gab es tosenden Beifall, standing ovations. Tatsächlich – die Leipziger Aufführung wurde zu einer Sternstunde Strauss’scher Oper oder – wie das Werk im Wagnerschen Sinne benannt wurde – „Musikdrama“ in einem Aufzug.

Unter der Stabführung von Ulf Schirmer gab es eine musikalische Gestaltung, die auf ungewöhnliche Weise die inneren Strukturen aufdeckte. Nicht die impressive Exotik einer Mondnacht, von der Narraboth und auch Salome schwärmen, wird in klanglicher Flächigkeit zur Wirkung gebracht; die Leitmotive trugen eine expressive Interpretation. Man vermeinte Wagners »Ring« zu hören. So plastisch klar bestimmten sie den Ablauf der musikalischen Gestaltung. Die von Strauss solcherart benannte „psychische Polyphonie“ war unmittelbar verfolgbar, ergab sinfonischen Orchestersatz. Die Expressivität wurde zu fast expressionistischer Klanggewalt, machte jene von Herodes gespürte Katastrophe nachvollziehbar. Man war ständig in die Spannung des Ablaufs einbezogen, erlebte eine unvergessliche musikdramatische Akzentuierung. »Salome« – ein Gipfelwerk des Expressionisums? – . Nach der intensiven, spannungsvoll atemberaubenden Interpretation vom Intendanten und GMD der Oper Leipzig, Ulf Schirmer, muss man es so empfinden!

Fotos (2): Kirsten Nijhof

Damit die Aufführung gelingen konnte, benötigt man natürlich ein Sängerensemble, das diesen Intentionen folgen kann. Interessanterweise waren es vor allem die als kühl verleumdeten Skandinavier, die so heißblütig gestalteten. Vor allem galt das für eine faszinierende, sich voll ausspielende Salome mit Elisabet Strid, die in Bayreuth als Freia und Senta debütiert hatte und in Leipzig als Brünnhilde aufmerken ließ. Dass sie eine vorzügliche klang- und ausdrucksstarke Stimme zu bieten haben würde, war zu erwarten. Aber was sie an gestaltungsintensiver Darstellung der anspruchsvollen Partie der Salome über die Szene brachte, war phänomenal. Sie überzeugte als jenes Mädchen aus dem pervers verworfenem Hofe des Herodes, das durch die Begegnung mit dem so anders gearteten Jochanaan in jene grenzenlose Leidenschaft verfiel, die am Ende nur mit dem abgeschlagenen Kopf des Geliebten Erfüllung fand. Aber erst als sie Herodes den bedingungslosen Schwur abverlangte, tanzte sie. Dieser Tanz wurde vom Inszenierungsteam vor allem von Rosalie, die für Bühne und Kostümierung die Verantwortung trug, als Maskenspiel realisiert. Keine sieben Schleier fallen, sondern choreographisch-pantomimisch werden die Tanzvariationen angedeutet, bis am Ende Salome selbst tanzt. Sie gestaltet so intensiv, dass der ihr verfallene, geile Herodes sie vergewaltigt. Als ihr nun gegen seinen ahnungsvollen Widerstand der Kopf des Jochanaan auf einer silbernen Schüssel überreicht wird, drückt sie ihn an sich, lebt jene Liebe, die sie sich grenzenlos erträumte.

Ihr Umfeld am Hofe des Herodes ist in der Inszenierung von Aron Stiehl, die der Regisseur schon in Frankfurt/Main realisierte, als dekadent gezeichnet, also pervers sexualisiert, Michael Weinius aus Stockholm prägte als Herodes die Partie in aller Breite mit Gestaltungsfreude: herrschsüchtig gegen die Untertanen, angsterfüllt gegenüber den Prophezeiungen des Jochanaan, aber dennoch seiner grenzenlosen Lust nachgehend, ist er die Hauptfigur seiner Welt. Aber als er am Schluss die liebesverzückte Salome am Leichnam des Propheten sieht, ist er entsetzt und gibt den Befehl: „man töte dieses Weib!“.

Alle Solisten wurden am Ende gefeiert: Karin Lovelius als Herodias vom Leipziger Ensemble, der Russe Sergej Pisarew als Narraboth (der in Salome verliebte Hauptmann der Palastwache). Erwähnenswert ist auch das Quintett der um religiöse Einschätzungen streitenden Juden. Die besondere Atmosphäre schuf Bühnengestalterin Rosalie, die wenige Tage vor der Premiere starb. Ungewöhnlich – wie erwartet – suchte sie nach einer besonderen Atmosphäre, die sowohl der Hofhaltung, die in der oberen Etage der Bühne vor sich ging und mit einer langen Treppe in die  Kasematten der Wachen führt. Dort sah man auch den Einstieg zum Kerker, aus dem Jochanaan seine Prophetenstimme ertönen ließ. Der Finne Tuomas Pursio gab dieser Gestalt besondere stimmliche und in der Erscheinung bemerkenswerte Ausstrahlung. Die szenischen Vorstellungen Rosalies äusserten sich ungewöhnlich, aber irgend wie treffend auch in dieser letzen Arbeit der an vielen Bühnen (auch in Bayreuth mit einem märchenhaften »Ring«) wirksam gewordenen und gerühmten Ausstatterin. Ihr war denn auch diese Leipziger Aufführung im Gedenken gewidmet. Die beeindruckende Leipziger »Salome« war mit ihrem spannungsvoll durchgehenden sinfonischen Zug und einer lebendig leidenschaftlichen Sängergestaltung eine unvergessliche Interpretation dieses genialen Werkes.

Wieder am 20. Oktober, 16. Dezember 2017, 10. März 2018

01.07.2017Rezensionen