Wo man singt, da …

Kolumnen

Wo man singt, da …

Es gibt kein Literatencafé in dieser Stadt. Gibt es keine Literaten in Dresden? Gibt es ein Musikantencafé, gar einen Musikantentreff wie weiland den Leipziger Coffe Baum? Da trafen sich Schumann und Umfeld, lasen aus der und schrieben für die Neue Zeitschrift für Musik. Sie debattierten über neue Werke, über Konzerte und gewiss auch über das Zeitgeschehen darüber hinaus. Dresdens Musikschriftsteller und -kritiker treffen sich heute entweder im Netz oder auf Friedhöfen – wenn mal wieder einer von ihnen gegangen ist. Still und unheimlich geht da der Blick in die Runde, wer wohl der Nächste sein mag …

Immerhin gibt es noch so eine Art Szenekneipen selbst in Dresden. Strickstrümpfe finden sich im Aha!, angehende Musikerinnen und Musiker nebst ihren Lehrkräften nähren sich gesund in der Brennnessel mit eins, zwei, drei ’n‘. Und ebensovielen ‚e‘. Aber das merkt man nicht, wenn man nicht gerne liest.

Wer gerne liest, könnte es sich in der Villa Augustin gemütlich machen. Da gibt es Bücher (fast) ohne Ende, und sommers kann man im Garten sitzen, Kaffee und / oder Wein genießen – muss nur den Lärm vom nahen Albertplatz ignorieren (können). Ruhiger gehts im Eivissa zu, wo man immer mal Susanne Paulus und Alexander Keuk vom katzensprungnahen Opus 61 trifft. Nicht weit entfernt von diesen beiden Etablissements gibt es das Schwarzmarkt-Café. Einer der raren Leseorte in dieser Stadt. Seit kurzem liegt da die Junge Freiheit aus, passend zu BILD und Lokalkolorit. Ein Grund, warum das Lokal immer mehr Zeitgenossen meiden. (Die nahe Weinzentrale hat sich als literaturfreundliche Alternative erwiesen; indes, sie öffnet erst am Nachmittag und damit selbst für Neustädter zu spät für die Lektüre.)

Im Café Neustadt, im Lloyds oder dem neuen Biocafe Kuchenglocke um die Ecke hätten Blätter derartiger Gesinnung keine Chance. Dafür gibt es im Café Neustadt ab und an Komponistengespräche, meistens zum Frühstück. Da lass Dich ruhig nieder; aufgewecktes Babygeschrei und fürsorgliche Mütter sorgen für einen lebensfreundlichen Hintergrundchor. Wer lieber des Heimatsenders Kulturprogramm lauscht, bekommt seinen Espresso auch auf der Louisenstraße bei Büchers Best. Fantastischen, um die Ecke gerösteten Heeßen bekommt der verkaterte Kritiker auch im Oswaldz, ein stummes, aber vielsagendes Gummibärchen wird diesem beigelegt im Combo; an beiden Orten stolpert man über Musiker der lokalen Orchester und bekommt zum Käffchen gleich noch ein nettes Wort über die Rezension des letzten Abends…

Und Kantinengespräche, ja, die gibt’s sicherlich auch. Stets ausschweifend und mitunter in öffentliche Bereiche wie des Kraftwerks Pförtnerhäuschen T1 und des Kleinen Hauses Bistro Klara flüchtend. Genreübergreifend locken Alte Meister kulinarisch verwöhnte Mitmenschen ebenso an wie eine bildende, darstellende, musizierende und touristische Künstlerschaft.

Ein echtes Künstlercafé müsste natürlich auch wirkliche Richtungsstreitereien aushalten können. Da wirds auch mal laut – weswegen sich (trotz des guten Kaffees!) leider das neue Café im Kulturpalast nicht eignet: dort gibts zwar den besten Ausblick (über den Altmarkt), aber die Gäste werden von bebrillten Bibliothekarinnen streng angesehen, wenn die Lautstärke übers Flüsterlevel steigt. Dresden, du brauchst ein echtes Künstlercafé! Oder gibt es das schon, und wir haben’s nur noch nicht gefunden?

23.06.2017Kolumnen