Kreuzkantor legt „Hand ins Feuer“

Kolumnen

Kreuzkantor legt „Hand ins Feuer“

Was Rache und Sühne betrifft, da sind die Weltreligionen sehr streng. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wenn die eine Wange, dann auch die andere … Genau das macht den heutigen Zustand der Welt aus, im Zeichen von gekreuzten Balken, halben Monden und und und. Warum sollte, was im Großen so schlecht bestellt ist, im Kleinen denn anders oder gar besser sein? In einem Knabenchor beispielsweise, der – wie jetzt dessen Intendant mitteilen ließ – „seiner christlichen Tradition und den daraus abgeleiteten Werten verpflichtet“ sein soll. Geraten nun die verbliebenen Reste der Christenheit in Gefahr, wenn erwachsene Mitglieder dieses Chores sich wie junge Menschen benehmen und selbst darüber bestimmen, nach den Jahren gemeinsamer Schulzeit an einer Abiturientenfahrt teilzunehmen?

Roderich Kreile lässt wissen: „Tugenden wie Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und gegenseitiges Vertrauen sind Erziehungsziele und gleichzeitig Basis unseres Tuns. Die Abiturienten sollten nach neun Jahren im Dresdner Kreuzchor Garanten dieser Ideale sein, da sie ja auch eine starke Vorbildwirkung für die Jüngeren im Chor haben.“ Selbstbestimmung kontra Vorbildwirkung?

Der Anlass zu Kreiles Brandbrief war das Fehlen von fünf Mitgliedern des Kreuzchores bei einigen Proben vor der diesjährigen Sommertournee. Die jungen Männer waren tatsächlich so frei, den Chorproben diesen einmaligen Ausflug gen Mecklenburg vorzuziehen, um anschließend sofort wieder mit vollem Einsatz für den Chor zur Verfügung zu stehen. Was dann aber nicht mehr gewünscht war. Das Quintett wurde von der Tour suspendiert. Vier weitere Kruzianer der 12. Klasse erklärten sich solidarisch und verzichteten ebenfalls auf die Konzerte in Süddeutschland, der Schweiz sowie in Berlin und Wittenberg. Die Chorleitung, der seit langem ein gespanntes Verhältnis zum Kreuzgymnasium nachgesagt wird, war bass erstaunt. O-Ton Kreile: „Bis vor kurzer Zeit hätte ich in dieser Hinsicht für die meisten Kruzianer aus Klasse 12 meine Hand ins Feuer gelegt.“ Dann halte auch die andere hin? Oder: Wer Feuer sät …? Bevor jetzt alles babylonisch durcheinander gerät, nochmal ein Wort des Intendanten: „Wohlgemerkt: hier wurde die Axt an die Fundamente der inneren Setzung des Kreuzchores gelegt.“

Der Chor ist inzwischen mit seinem flotten „Marken“-Bus abgefahren und trägt seinen Ruf in die Welt. Schöne Reise noch!

16.06.2017Kolumnen