„Sehnsucht, Abwesenheit“

Rezensionen

„Sehnsucht, Abwesenheit“

Das La Folia Barockorchester brachte die Annenkirche am Sonntag zum Jubel-Exzess: in einem musikalischen Themenabend rund um die „Glorious Revolution“ von 1688/89 erklangen Ausschnitte aus Henry Purcells Werken, klug in eine neue Dramaturgie gefasst (Fotos: Oliver Killig)

„Mobilisierung, Kampfbereitschaft“, „Verschwörung, Ideologie“ oder „Sehnsucht, Abwesenheit“ waren einzelne musikalische Kapitel in dieser fesselnd durchkomponierten Musikfolge betitelt. Richtiggehend eingesaugt wurden die Hörer in diesen Purcellschen Kosmos; sie verzichteten glücklicherweise darauf, ihn durch Zwischenapplaus zu zerteilen. Umso stürmischer der Jubel, der am Ende dieser Reise in der Annenkirche toste!

Robin Peter Müller, in Dresden geboren und ausgebildet eben hier wie auch in Weimar (als Schüler von Matthias Wollong), rückt der Musik mit seinem La Folia Barockorchester unternehmungslustig zu Leibe. Dynamisch reizen die Musiker die gesamte Ausdrucksspanne aus, schnarren, singen, sägen, fideln, rumpeln und trampeln, wo es die Partitur verlangt oder die Inhalte nahelegen. Diese ungeheure Musizierlust, die kleinere intonatorische Eintrübungen in Kauf nimmt, anstatt die musikalischen Kunststücke mit Sicherheitsnetz und doppeltem Boden anzugehen, sie überträgt sich zwischen den Musikern, von ihnen auf die Solisten und übergangslos auch aufs Publikum. Schrankenlos wird so das gemeinsame Erleben.

Tosenden Schlussapplaus gabs für den direkten, abenteuerlustigen Zugriff auf die Werke.

Am Sonntag konnte sich das Orchester zudem auf die mühelose Gestaltungskunst der Gesangssolisten Anna Prohaska, Julia Böhme, Richard Resch und Nikolay Borchev verlassen, die dieses Musizieren mit Haut und Haar alle vier wunderbar beherrschen. Fast war’s mir hin und wieder eine Schippe Glut zuviel, etwa bei der Frost-Arie aus »King Arthur«, die Nikolay Borchev ein bisschen zu kraftvoll durchzitterte; hier abschnittsweise etwas geheimnisvoller, hintergründiger und rätselhafter zu werden, hätte die Stimmung eindrücklicher werden lassen.

Gern hätten wir die Bestlaune, in der sich das Publikum nach der verjuxt-verjazzten Zugabe befand, mit in den langen, sommerwarmen Abend genommen – allein, die im Programmheft annoncierte Festspiel-Lounge „mit Musikern des Orchesters“ stellte sich an diesem Abend als Stimmungskiller heraus. Ein einsamer Barpianist fingerte sich dort durch Rachmaninow-Kadenzen, dass die Käsewürfel Gänsehaut bekamen. Hätten wir doch den Purcell im Herzen besser den Heimweg angetreten…

13.06.2017Rezensionen