Liberté, Égalité, Fraternité? Von wegen, Merde!

Rezensionen

Liberté, Égalité, Fraternité? Von wegen, Merde!

Massimo Gerardi kommt aus dem Süden, studierte Tanz in Udine und Reggio Emilia. Dann kam er nach Deutschland. Zunächst tanzte und choreografierte er im Westen, beim movingtheatre.de, in Köln. Mit dieser Kompanie gastierte er im Osten, auch in Dresden, im projekttheater, zur Tanzwoche. In Köln erhielt er zweimal den Theaterpreis. Dann kam er wieder nach Dresden: als Choreograf und Dozent an die Hochschule für Tanz. Derzeit ist er unterwegs als freiberuflicher Choreograf; zuletzt in Gießen, wo mit dem Choreografen Tarek Assam als Chef des dortigen Tanztheaters der moderne Tanz das Stadttheaterpublikum ganz schön begeistert.

Fotos: Rolf K. Wegst

François Villon, 1431 bis 1463, wurde mitten in Paris groß, alt ist er  nicht geworden. An der Universität bringt er es zum Magister, mit 24 Jahren tötet er im Streit um eine Frau einen Priester – wie denn das – gerät aus der Bahn und bleibt auf der schiefen. Was das Begehren und den Sex angeht, da hat er wohl an beiden Ufern der Seine die Angel ausgeworfen. Er raubt ein Jahr später mit einer Gaunertruppe die Kassen der theologischen Fakultät an der ehrwürdigen Sorbonne aus und schreibt seine ersten Gedichte. Viel Galgenhumor ist in diesem Kleinen Testament, dem am Ende seines Lebens das große folgen wird und die berühmte »Ballade der Gehenkten«. Welche Ironie: Villon wird zum Tod durch Erhängen verurteilt, dann aber zu zehn Jahren Verbannung begnadigt.

Dass Brecht die Balladen des Francois Villon übersetzt hat, ist leider nicht so bekannt. Bekannt sind vor allem die Rezitationen dieser lasterhaften Balladen in der milderen Übersetzung von Paul Zech durch die Aufnahmen mit dem exzentrischen deutschen Schauspieler Klaus Kinski, dem es nun wieder vor allem darauf ankam, sich – auch verbal – in Szene zu setzen. Er gab sogar seiner Autobiografie als Titel ein Zitat aus einer Ballade von Villon, das selbst Menschen bekannt sein dürfte, die weder Villon noch Kinski kennen: „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“.

Der Tanzabend von Massimo Gerardi, »Seid was ihr wollt«, nach Kinskis Rezitationen für drei Tänzerinnen und vier Tänzer beginnt mit einem programmatischen Auftritt des Tänzers Sven Krautwurst. Er ist Villon, er ist Kinski, er ist mit seinen High Heels im lässigen Edelpelz vor allem ein „Klaus Kinky“ als tänzelnder Traum einer Dragqueen, so wunderbar verrückt, verdreht, verqueer und gibt das Thema des Abends an. „Seid was ihr wollt“ – so der Titel, aber könnt ihr damit leben, dass andere es absolut nicht akzeptieren können, wie ihr leben wollt, seid ihr gewappnet für die Balancen auf diesem schmalen Grat zwischen Akzeptanz und Ächtung.

Und dann setzt er noch eins drauf, „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ schlürft Kinskis Stimme aus dem Off, der Tänzer lässt den Pelz fallen, darunter trägt er wenig, nur einen vorn knappen und hinten in die Kimme gerutschten erdbeerroten Slip. Und so wird dieser Abend weitergehen: anzüglich, aber niemals angreifend, überhöht in kraftvollen Tanzbildern, mit Gefühlspersiflagen und dann wieder mit sensiblen Szenen in der Freiheit der Akzeptanz ganz unterschiedlicher Lebens- und Liebesentwürfe. Manchmal schlägt der Humor voll zu. Alle Burka, oder was? Wenn alle verhüllt sind, dann müsste doch gleiches Recht für alle gelten und der Überraschungseffekt bleibt denen vorbehalten, die sich freiwillig enthüllen. Mit herrlichem Augenzwinkern wird hier im Theater schon mal nachgeholfen, denn diese Burkas enden kurz über den Knien und da sieht man schon ob er oder sie darunter steckt, wer – wie Villon zitiert wird – „lang hat und auch lang hängen lässt“. Dann wieder sind diese Protagonistinnen und Protagonisten auf der Suche, eben noch im Rausch der Freiheit alle Grenzen biologischer Vorgaben niedergerissen zu haben, jetzt in der Einsamkeit, „ich kenne alle, nur nicht mich“.

Sind sie zu weit gegangen, wie damals Villon, dem der Galgen drohte? Drei Tänzer, hier gefangen in je einer engen Zelle, ihre Bewegungen sind Überlebenstänze. In der vermeintlichen Freiheit, jedenfalls im geschützten Raum des Theaters, werde sie sich in fast kindlicher Manier an den Händen halten, aus einem Kreistanz werden hilflose Verknotungen der Körper, bis die falsch verstandenen Nähe die Freiheit erdrückt. Massimo Gerardi verwandelt eine der Zellen, die jetzt leer sind, in ein Altarbild für die Heilige Jungfrau, die aber bald den Mantel der Heiligkeit ablegt und sich in entsprechender Kleidung darunter, oder was davon geblieben ist, zu ihren wahren Anbeterinnen und Anbetern in dunklere Räume und Nischen begibt.

Und hoch auf einem der großen, beweglichen Versatzstücke der Bühne von Katja Wetzel, an deren Wände man nun weiß auf schwarz lesen kann, was die Wut des Alltags nach wie vor gebiert, wenn sich zwei Männer küssen, „Nougatstecher, Homo, Schwuchtel“, sitzt Villon selbst und führt sein Ebenbild am langen Gummigalgen zu Kinskis Abgesang: „Und wenn ich lache, dann habe ich geweint, und wenn ich weine, bin ich froh, daß mir zuweilen auch die Sonne scheint, als könnte ich im Leben ebenso zerknirscht wie in der Kirche niederknien… ich, François Villon, verehrt und angespien.“

Tanz und Sprache, was oftmals schwer zusammen kommen will, wenn die Protagonisten selber rezitieren oder problematischer noch, improvisieren, hier gelingt es. Denn Kinskis Aufnahmen von 1959 kommen aus der Ferne und klingen auch so. Eine akustische Rauminstallation unterstützt die Idee von der Zeitbrücke, die von Villon über Kinski zu uns führt und zu jenen Menschen auf der Bühne, die je für sich in Anspruch nehmen eben nicht Villon oder Kinski zu sein, sondern eben „Kinky“.

Erst kaum vernehmbar, dann doch stärker, kommt rhythmischer Sound von Ivan Pavlov dazu, Sprache, Klang und Bewegung; der Raum im kalten Neonlicht wird weit, und die Kraft des Tanzes geht über die Konnotationen des Textes hinaus. Es sind am Ende die so kraftvollen und dennoch verletzlichen Tänzerinnen Maria Adriana Dornio, Mamiko Sakurai und Clara Thierry, sowie die Tänzer Marcel Casablanca Martínez, Yusuke Inoue, Sven Krautwurst und Lorenzo Rispolano, die diesen Tanz wagen auf dem schmalen Grat der Grenze zwischen Anerkennung und Ablehnung, zwischen Annahme und Vernichtung, zwischen dem Anspruch zu sein, was man will und dem Ausweiten der Grenzen, was nötig ist, um zunächst einmal zu erkennen, was man will. Auf jeden Fall ergreifen sie am Ende doch noch selbst das Wort wenn sie in ihren Bewegungen in die Andeutungen höfischer Vorgaben zurück zu gehen scheinen, um dann den visionären Ruf der Revolutionen doch zu hinterfragen, „Liberté, Égalité, Fraternité, Merde.“

08.06.2017Rezensionen