Zeitzeuge eines Wiederaufstiegs

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Zeitzeuge eines Wiederaufstiegs

Foto: Matthias Creutziger

Als ich 1985 zur Sächsischen Staatskapelle kam, war schnell klar, dass Reinhard Ulbricht, Konzertmeister der zweiten Violinen, zu den gewichtigen Persönlichkeiten gehörte, denen man sich als Neuling ehrfurchtsvoll vorstellte. Er begrüßte mich sehr freundlich und sagte: „Machen Sie vor allem viel Kammermusik, das ist das Wichtigste.“ Ich war konsterniert! In einem herrlichen Orchester angekommen, wollte ich natürlich Opern und Symphoniekonzerte spielen – und nun sollte ich „vor allem viel Kammermusik“ machen … Erst nach und nach begriff ich, dass er mir damit eines unserer wichtigen Erfolgsgeheimnisse ans Herz gelegt hatte.

Der bewundernde Blick auf das Musikerleben unseres Kollegen und Ehrenmitglieds Reinhard Ulbricht zeigt in geradezu einmaliger Weise das Wirken einer Persönlichkeit, die über Jahrzehnte die Geschicke unseres Orchesters entscheidend mitgestaltet hat. Er eroberte sich die Musik im geistigen Umfeld von Dresden. Es waren die Musiker und Traditionen unseres Orchesters, die ihn prägten. Als Schüler unserer Konzertmeister Willibald Roth und Erich Mühlbach wurde er 1947, gerade einmal zwanzig Jahre alt, Kapellmitglied. Die schweren Anfangsjahre, einerseits geprägt von äußeren Provisorien – man spielte im Kurhaus Bühlau die ersten Opernaufführungen – andererseits von grandiosen künstlerischen Höhepunkten, bei denen Dirigenten wie Joseph Keilberth und Rudolf Kempe am Pult der Kapelle standen. Reinhard Ulbricht war und ist Zeitzeuge dieses Wiederaufstiegs!

Natürlich ist sein Name untrennbar verbunden mit dem Kammermusikleben Dresdens; Eva Ander, Herbert Collum, Amadeus Webersinke sind seine Partner, er gründet mit Imanuel Lucchesi ein erstes Dresdner Kammerorchester und ist Mitglied der Dresdner Kammersolisten und des Dresdner Klavierquartettes.

Folgerichtig ist auch sein inzwischen legendäres Wirken als Lehrer. Auch hier stellt er sich in die Tradition unseres Orchesters, selbst unterrichtend für den künstlerischen Nachwuchs zu sorgen. 1986 erhält eine Professur an der Dresdner Musikhochschule und ist ein international gefragter Violinpädagoge, gibt u.a. Seminare in Budapest. Generationen von Schülern, viele davon auch in unserem Orchester, legen bis heute Zeugnis ab von dem schier unvorstellbaren Pensum, das er neben dem Orchesterdienst bewältigt hat. Das Aufzählen all der Früchte eines überreichen Musikerlebens bleibt unvollständig. Umso nachhaltiger und größer sind Bewunderung und Dank für dieses Leben im Dienste der Musik, besonders im Dienste der Sächsischen Staatskapelle Dresden.

Herzlichen Glückwunsch zum 90. Geburtstag, lieber Reinhard! Wir wünschen Dir Gesundheit und freuen uns, wenn Du uns weiter als Hörer unserer Konzerte von der Ehrenloge aus die Treue hältst!

Friedwart Christian Dittmann
Solocellist der Sächsischen Staatskapelle Dresden

22.05.2017Allgemein