Elsas Trauma

Rezensionen

Elsas Trauma

 

Foto: Klaus Gigga

Was geschah, nachdem ihr Ritter und Gatte Lohengrin, der Schwanenritter, Elsa verließ? – Wagner lässt die Verlassene allein zurück. Der französische Dichter Laforgue geht in seiner Erzählung »Lohengrin, Sohn des Parsifal« ihrer Innerlichkeit nach. Der Italiener Salvatore Sciarrino gestaltet daraus eine „unsichtbare Handlung für eine Solistin, Instrumente und Stimmen“, eine melodramatische Szenerie. Das Team um Manfred Weiß in Semper Zwei der Sächsischen Staatsoper nahm in deutscher Erstaufführung die Anregungen für eine Inszenierung auf. Es zeigte sich als ein ungewöhnliches Werk, das keine Oper ist, denn es wird nicht gesungen. Es ist Musiktheater mit einer fiktiven Handlung. Die Solistin, die in weißem Schwanenkostüm die Aufführung trägt, steht auf einem hohen Podium, einer Kanzel gleich, agitiert gestisch und nutzt ihre Stimme zur Artikulierung von italienischen Textfragmenten. Zum Verständnis sind sie auf der Szenenwand in deutsch lesbar. Die stimmliche Artikulierung besteht aus geräuschhaftem Schnalzen, Schmatzen, hörbarem Atmen, Husten, Flüstern, Schreien. Ein Kammerorchester mit Streichquintett, verstärktem Bläserquintett plus Trompete und Posaune steht als akzentuierendes und Hintergrund schaffendes Geräuschensemble zu Verfügung. Auch hier – kaum Töne, dafür aber viel ungewöhnliche Klangbildungen, Geräuschflächen. Im Rahmen der Tradition psychodramatischer, ja psychotraumatischer Gestaltungen von Debussys Melisande über Schönbergs »Pierrot lunaire« setzt sie  Sciarrino in diesem »Lohengrin« mit eigenen Mitteln fort.

„Ist dies das Leben oder schließlich doch nur eine Nacht trügerischen Wahns“ ist das Motto, das am Anfang auf die Bildfläche projiziert wird. Mit der für neue Musik spezialisierten Solistin Sarah Maria Sun war eine Darstellerin zu erleben, die auf eindringlich intensive Weise und ausstrahlungsstarkem Engagement das imaginäre Geschehen, die „unsichtbare Handlung“ sichtbar wirken ließ und nachvollziehbar machte. Das war fantastisch, packend. Ihre stimmliche Gestaltung gab vor, was der Dirigent  Peter Tilling mit dem Instrumentalensemble der Giuseppe-Sinopoli-Akademie als Geräuschorchester flächig hinzugeben konnte. Gebannt lauschte man den zirpenden, quakenden, pfeifend fremdartigen Klängen von fantasievoller Vielfalt, sah dem engagierten Spiel der Elsa zu, die sich psychotraumatisch der Erlebnisse mit Lohengrin enttäuscht und verzweifelt erinnert. Drei junge Männer begleiten sie gelegentlich mit sparsamen Akkorden. Nach einer Dreiviertelstunde ist der Spuk vorbei. Zurück bleibt ein tief beeindruckendes Erlebnis einer Aufführung besonderer Art, die mit viel Beifall aufgenommen wurde.

01.05.2017Rezensionen