Was kann Kunst, was kann das Ballett?

Kolumnen

Was kann Kunst, was kann das Ballett?

Ich weiß nicht, ob Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der im April vor 50 Jahren im Alter von 91 Jahren starb, ein Ballettfreund war. Ich weiß aber von einem Ballettbesuch im Moskauer Bolshoi-Theater, am Sonnabend, dem 10. September 1955. Es war der Abend des zweiten Verhandlungstages zwischen den Staatsführungen der Sowjetunion und der Bundesrepublik Deutschland. Die Gespräche stellten für beide Seiten eine enorme Herausforderung dar. Seitens der Sowjetunion war ja erst im Januar desselben Jahres der Kriegszustand mit Deutschland offiziell für beendet erklärt worden. Nun drängte man auf diplomatische Beziehungen zwischen Bonn und Moskau sowie auf eine Einbeziehung der DDR auch im Hinblick auf mögliche Perspektiven einer Wiedervereinigung beider deutscher Staaten. Adenauer hatte zudem das dringliche Anliegen, die Rückkehr der fast 10.000 Kriegsgefangenen möglich zu machen, die als verurteilte Kriegsverbrecher in sowjetischer Gefangenschaft schmorten.

Und was hat das alles mit Ballett zu tun?

Eigentlich war es ja gar nicht geplant, die Gäste aus Deutschland mit Ballett zu erfreuen; denn eigentlich sollte an jenem denkwürdigen Abend des 10. September 1955 im Moskauer Bolshoi-Theater eine Aufführung der Oper »Boris Godunov« stattfinden. Das wurde kurzfristig geändert. Es gab »Romeo und Julia« von Serge Prokofjew, nach Shakespeares gleichnamiger Tragödie. Die Choreografie stammte von Leonid M. Lawrowski, von der sowjetischen Erstaufführung 1940 am Leningrader Kirov-Theater. Lawrowski hatte auch am Libretto mitgearbeitet, in dem sich am Ende die verfeindeten Familien auf dem Friedhof einander die Hände zur Versöhnung reichen.

Nach einem entsetzlichen Eklat bei den Verhandlungsgesprächen zwischen den Vertretern Deutschlands und der Sowjetunion standen sich an diesem Abend in der Prunkloge des Bolshoi-Theaters zwar keine verfeindeten Familien, aber bis dahin auf keinen Fall freundliche oder gar versöhnungsbereite Politiker gegenüber. Die Deutschen hatten sich im Verlauf der Verhandlungen noch einmal die ausführliche Auflistung der Kriegsverbrechen und Gräueltaten, vor allem an der Zivilbevölkerung, vorhalten lassen müssen und reagierten darauf mit einem regelrechten Gegenangriff. Sie verwiesen auf die Taten sowjetischer Soldaten in Deutschland. Durch einen Fehler in der Übersetzung wurde auch hier von Gräueltaten gesprochen. Da platzte dem ohnehin für seine Spontaneität bekannten Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, damals noch zweiter Mann in der Regierung unter Nikolai Alexandrowitsch Bulganin, der Kragen. Die Aussichten auf einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen waren minimal geworden. Bulganin hatte Adenauer kurz zuvor noch vorgeschlagen, ihm doch schriftlich diplomatische Beziehungen zuzusagen. Er sage ihm im Gegenzug zu, die deutschen Kriegsgefangenen zu entlassen; das aber könne er nur mündlich. Adenauer solle ihm einfach vertrauen. Adenauers Berater fanden diesen Deal gar nicht gut.

Und dann das Ballett. Es soll eine sagenhafte Aufführung gewesen sein. Die Primaballerina Galina Sergejewna Ulanowa tanzte die Julia. Was mag dem ersten deutschen Bundeskanzler dabei durch den Kopf gegangen sein? Wir Nachgeborenen kennen die Fotos und Filmaufnahmen, die um die Welt gingen und jenen denkwürdigen Augenblick festhielten, als sich das Publikum im Theater von den Plätzen erhob, sich alle Blicke auf die Menschen in der Loge richteten und es dann – offensichtlich doch ganz spontan – geschah: so wie wenige Minuten zuvor auf der Bühne über den Leichen der unschuldig und tragisch gestorbenen Kinder sich die Mitglieder ihrer Familien die Hand zur Versöhnung gereicht hatten, so taten es nun auch Adenauer und Bulganin. Und mehr noch. Adenauer schrieb jene Nachricht an Bulganin. Als die deutsche Delegation ihre Heimreise antrat, hatten die Vorbereitungen für die Entlassungen der Kriegsgefangenen begonnen. Vielleicht sollten Politiker öfter ins Ballett gehen, vor allem, wenn Verhandlungen zu scheitern drohen?

Vor 55 Jahren brachte John Cranko mit dem Stuttgarter Ballett seine choreografische Version von »Romeo und Julia« heraus. Cranko verzichtete wie fast alle Choreografen nach ihm auf die Versöhnungsszene, die Shakespeare so wichtig war. Hätte Lawrowski 1940 Shakespeare auch misstraut, hätten kluge Leute nicht kurzfristig 15 Jahre später den Spielplan des Moskauer Bolshoi-Theaters geändert… vielleicht kann die Kunst der getanzten Visionen ganz ohne Worte doch mehr ausrichten, als man ihr oftmals zutraut?

28.04.2017Kolumnen