Zweimal Lohengrin

Rezensionen

Zweimal Lohengrin

Gleich zwei Lohengrins sind dieser Tage zu erwähnen, in Salzburg einer und einer in Dresden. Aber nicht um den Helden im Wagner‘schen Mythos gehts, sondern um Salvatore Sciarrinos »Lohengrin«, eine vieldeutige zeitgenössische Kammeroper. Damit setzten das Leitungsduo Peter Ruzicka und Christian Thielemann der Salzburger Osterfestspiele zum 50-Jahre-Jubiläum den Akzent einer kleinen Programmerweiterung, die auch bleiben soll: die Osterfestspiele wollen künftig jedes Jahr eine Kammeroper präsentieren, die auch auf die Studiobühne Semper Zwei nach Dresden übernommen wird. Für 2018 soll das »Satyricon« von Bruno Maderno sein.

Fotos: Matthias Creutziger

Der sizilianische Avantgarde-Komponist Salvatore Sciarrino ist bekannt für vielfältiges Kammermusikschaffen und seine Musiktheaterwerke. Nach einer kleinen, romantisch-symbolistischen Erzählung des französischen Dichters Jules Laforgue aus dessen Sammlung »Moralités légendaires« von 1887 schrieb und komponierte er »Lohengrin. Azione invisibile per solista, strumenti e voci«, uraufgeführt in Mailand 1983. Das fünfzigminütige Ein-Frauen-Dramolett bettet ein feinnerviges Psychogramm Laforgues in ein Klanggemälde aus Vokal-Artistik der Elsa, die sich über die Lautmalerei des Orchesters erhebt. Es erzählt von einer Vermählungsnacht – und berührt insofern Richard Wagners »Lohengrin«. Elsa, die einzige handelnde Person, ist von Lohengrin verlassen. Es hatte schon nicht gut begonnen: „Wir trauten uns gefangen in Verlegenheit und Schweigen“. Der so Angetraute konnte mit der Gemahlin nun gar nichts anfangen; zu magere Hüften, er widerstand ihrem Wollen und Begehren. Fix entschwand der Edle wieder, mit einem Schwan aus Daunenfederwolken des zerfledderten Kissens vom Hochzeitsbett.

Salzburg Regisseur Michael Sturminger und seine Kostüm- und Bühnenbildner Renate Martin und Andreas Donhauser zeichneten eine zerbrechliche Elsa als eine Mischung aus spätpubertierender Kindfrau und sinnsuchender Hysterikerin. In der Sopranistin Sarah Maria Sun fanden sie eine denkbar geeignete Interpretin. Die Neununddreißigjährige bewältigte Sciarrinos Gesangslinien in italienischer Sprache brillant. Die in der Partitur dominierenden lautmalerischen Anweisungen gab sie als wahres Geräuschtalent großartig wieder; Hauchen, Zischen, Zwitschern, Surren, Taubengurren, Tropfenploppen – in ständigen Wechsel der Rollen auch zwischen Solistin und den Instrumentalisten. Mit Erscheinung, Figur und Kostüm passte Sarah Maria Sun absolut glaubwürdig in die Rolle einer 18-jährigen Elsa, die am Ende an der Seelenquälerei der misslungenen Hochzeitsnacht zerbricht. Sie erwürgt das innere Kind in sich, auf dass sie endlich erwachsen werde – in Salzburger Deutung des Scripts von Sciarrino.

Aufgebaut hatten die Inszenatoren ein Zimmer der Hochzeitsvilla auf der Bühnenebene der Großen Aula der Universität Salzburg. Karg ausgestattet mit bestimmungsnotwendigem großem Bett und prachtvollem Meeresblick durch luxuriös große Fenster. Wie auch viel Lichtspiel und Exaltation der einzig Handelnden Bewegung in die Szene brachten. Sciarrinos Vorgabe „Unsichtbare Handlung für Solistin …“ mit weniger zu entsprechen, wäre mehr gewesen! Auch zur Konzentration auf die impressive Klangmusik, die, von „Null“-Tönen hochziehend – Atemgeräusche geben Grundlautstärke vor, ein Flötenton ist schon Knall – assoziativ die Kopfwirren der Protagonistin lautmalt. Nach anfänglichem Einhören empfand ich das als großartige neutonige Klangmusik.

Seitensofitten und ein samtener Vorhang begrenzen großzügig – ist halt Salzburg – die Bühne im großen Saal. Davor die 14 Instrumentalisten des Orchesters OENM-Österreichisches Ensemble für Neue Musik, die auch von Sciarrino  erfundene besondere Techniken wie gleitende Flageoletts und drei Töne gleichzeitig von einem Horn auf ihren Instrumenten anzuwenden hatten. Musikalisch erarbeitet und dirigiert von Peter Tilling, dessen Arbeitsschwerpunkte neben klassisch-romantischem Opernrepertoire die Neue Musik und historische Aufführungspraxis sind. Nicht vergessen sollen sein der „Herrenchor“ dreier junger Sänger, die allerdings nicht mehr als nur Tupfer auf das musikalische Gewebe zu setzen gehabt haben.

Drei Aufführungen des »Lohengrin« waren auf dem Programm der Salzburger Osterfestspiele 2017. Alle nicht ausverkauft, doch von einigen wenigen jubelnd beklatscht. Schon vorher hatten sich die Reihen ein wenig gelichtet; vielleicht von denen, die in der Aula den Bombast vermissten, der ihnen das Festspielhauses vis-a-vis geboten hätte.

Dresden übernimmt von Salzburg

Die großartige Interpretin und Solistin des Ein-Frau-Stücks Sarah Maria Sun – sie wird nun auch an der Semperoper gastieren, allerdings in einer neuen Einrichtung, da sich die Salzburger Bühnendimensionen als nicht übertragbar herausstellten. Peter Tilling studiert die Musik in Dresden ein und dirigiert; das Team um Manfred Weiß (Regie), Jan Seegers, Arne Walter, Okarina Peter, Anne Gerber inszenieren szenisch und richten Sciarrinos »Lohengrin« auf der schwarzen Bühne Semper Zwei ein.

Aufführungen am 28. und 30. April 19 Uhr und 1. Mai 16 Uhr 2017

 

27.04.2017Rezensionen