Angst, Liebe, Risiko: Mozart

Kolumnen

Angst, Liebe, Risiko: Mozart

Wenn Liebe wirklich Liebe ist, dann ist sie meist mit Angst und Risiko verbunden. Denn liebende Menschen können meist überhaupt noch nicht ahnen, worauf sie sich eingelassen haben. Risiken gehen sie ein und Ängste stehen aus – das ist Hingabe, Besitznahme, das ist Theater und schreit nach Musik. Wolfgang Amadeus Mozart, dieser komponierende Genius unter den genialen Liebenden, er hat sich all diesen Risiken furchtlos gestellt, wieder und wieder. Er hat diese Themen auf die Bühne gebracht und in Noten gesetzt.

Bevor der Salzburger Meister sein bahnbrechendes Opern-Triumvirat »Le nozze di Figaro«, »Don Giovanni« und »Così fan tutte« komponieren konnte, hatte er händeringend nach guten Vorlagen gesucht. Mehr als 100 Texte soll er gelesen haben, die alle nichts getaugt hätten, beklagte er sich in einem Brief an den Vater Leopold. Doch dann traf er Lorenzo da Ponte in Wien, der dort – dank kaiserlichem Dekret – als Hofdichter angestellt war, in diesem Amt aber vor allem für seinen Landsmann Antonio Salieri und für den Spanier Vincente Martín y Soler Texte verfasste. Ehe sich da Ponte dem sieben Jahre jüngeren Mozart zu öffnen bereit war, verging einige Zeit, in der die beiden offenbar ebenso unterschiedlichen wie ähnlichen Genies einander beargwöhnten. Sie konnten ja nicht ahnen, wie wenig gemeinsame Zeit ihnen danach nur noch blieb.

Auch der israelische Dirigent Omer Meir Wellber hatte eigenen Aussagen zufolge eine ganze Weile gebraucht, eher er die Musik Mozarts durchdringen und für sich erschließen konnte. Als der Funke dann aber übersprang, hatte es richtig gezündet. Das geschah in Dresden und soll auf die einstige Semperoper-Intendantin Ulrike Hessler zurückgehen. Denn die hatte dem aufstrebenden Dirigenten (der auch als Komponist und begnadeter Interpret an quasi sämtlichen Tasteninstrumenten von sich reden macht) nach seinem Dresdner »Daphne«-Debüt eine Mozart-Oper angeboten. Wellber blieb skeptisch und willigte erst dann ein, als ihm der ganze Mozart-da-Ponte-Zyklus offeriert wurde. Nicht, weil da sowieso niemand Nein sagen kann, sondern weil solch ein Gesamtkunstwerk für alle daran Beteiligten in höchster Weise spannend und herausfordernd ist.

Ergebnis sind nicht nur diese drei Opern gewesen, denen weitere Verpflichtungen (»Ariadne auf Naxos«, »Guntram« u.a.) folgten und woraus nun ein schieres Mozart-Fest geworden ist, sondern darüber hinaus ein mit großem Vergnügen zu lesendes Büchlein. Omer Meir Wellber beschreibt darin sehr persönlich und detailliert, wie er sich diesem Opern-Zyklus angenähert hat, er analysiert die Partituren dieser drei, wie er meint, „Opern für die Ewigkeit“ und er findet heraus, welche stilistischen Novitäten sich Mozart gewagt hat. Fasziniert von der unglaublichen Freiheit, die Mozart seinen Interpreten gelassen hat – geradezu ein Vertrauen in die Zukunft, das Wellber immer wieder mit improvisatorischen Rezitativ-Begleitungen einlöst, mal am Cembalo, mal am  Hammerklavier und sogar am Akkordeon -, preist er all dies als Quelle der Spontanität.

Dennoch sieht sich der multitalentierte Künstler nicht als Autor, sondern wollte nur seine persönliche Dresdner „Reise zu Mozart“ notieren. Er hat sich hier in einen über Jahrhunderte greifenden Dialog begeben, der weit über den einst zwischen Mozart und da Ponte geführten hinausgeht. Das wird allerdings in fiktiven Kaffeehaus-Begegnungen sehr glaubhaft beschrieben. Wellber setzt diese Dialoge gleichsam fort, nicht nur in Schriftform, sondern mit allen am Kunstwerk im Orchestergraben und auf der Bühne Beteiligten und bezieht dabei das Publikum ganz selbstverständlich mit ein. So ist ein Buch entstanden, das alle Menschen ansprechen soll, die sich für Mozarts Musik interessieren. Eine Einladung aber auch, in alle Welt gerichtet, zu diesen Mozart-Opern nach Dresden zu kommen, weil sie hier im Moment möglicherweise so frisch klingen wie nirgendwo sonst. Seine »Momente mit Mozart« werden so auch zu einer Werbung für Dresden. Freilich sei es für ihn wesentlich leichter, so Wellber, spontan zu musizieren als spontan zu schreiben. Wohl auch deswegen hat er sich für dieses Buch mit der Autorin Ingeborg Kloepfer zusammengetan. Beide sind sie zu den Mozart-Tagen 2017 in Dresden und werden am Sonntag (23. April) um 11 Uhr im Societaetstheater ihr Mozart-Buch von der Angst, dem Risiko und der Liebe dem Publikum vorstellen. Um 14 Uhr gibt es am selben Tag Wellbers Mozart-Pasticcio in Semper Zwei.

Omer Meir Wellber: »Die Angst, das Risiko und die Liebe. Momente mit Mozart«. Ecowin Verlag, 136 S., 14 Euro

22.04.2017Kolumnen