Russisches zu Ostern

Rezensionen

Russisches zu Ostern

Pjotr Kontschalowski: Sergej Prokofjew. Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Galerie Neue Meister (Quelle: Deutsche Fotothek)

Wer mit der Erwartung zum Philharmoniekonzert ging, hier nun Rimski-Korsakow oder Tschaikowski zu erleben, der musste enttäuscht sein. Es gab ein ganz anderes Programm, ein weniger festliches als gewöhnlich zu Ostern. Mit Befriedigung hörte ich das Finale des Abends mit Rachmaninows »Sinfonischen Tänzen«. Es ist jenes Werk, das 1940 im amerikanischen Exil entstand. Im Dezember 1917 verließ der Komponist in der unruhigen Zeit der Revolution seine Heimat. Vergessen aber konnte er sie nicht, seine Jugend in Moskau, vor allem nicht die schöpferischen Sommeraufenthalte auf dem Landsitz Iwanowka. In Erinnerung an die Heimat und voller Heimweh entstanden drei Sätze, die der englische Dirigent Michael Francis mit der Philharmonie in einer lebendigen Interpretation vorstellte. Das Werk entstand drei Jahre vor seinem Tode 1943, und im 3. Satz zitiert er ahnungsvoll das Dies irae des Requiems. Ansonsten lebt die Musik von jenen weit gespannten russischen Kantilenen und den pastoralen Klangbildern seiner heimatlichen Landschaften.

Dass die Zeiten sich verändert haben, verdeutlichte jene Sprache des jüngeren Emigranten Igor Strawinsky, dessen Landsitz Ustilug in den Wirren der Revolution ebenfalls verlorenging. Allerdings war er schon seit Jahren in Paris und in der Schweiz zuhause. Seiner Heimat aber fühlte er sich noch immer verbunden. Seine Ballette »Feuervogel« und »Petruschka« machten das genauso deutlich wie das apokalyptische »Frühlingsoper« (Sacre du printemps) von 1913. Immer wieder verbindet sich seine Musik mit Erinnerungen an Petersburg. 1920 entstanden seine »Sinfonien für Bläser«, die – im Gedenken an den Tod von Debussy geschrieben – aber in dem Stückwerk des kleingliedrigen Ablaufs voller widerborstiger Klangexperimente ist. Teilweise dominierte ein Choral, aber dazwischen mischten sich Motive von »Petruschka« und »Sacre« im russischen Tonfall. Die Bläser der Philharmonie trafen unter dem Gastdirigenten jenen aggressiv-sperrigen Grundton dieses Werkes von 1920 aufs Beste.

Aggressiv und provokativ war auch das Konzertwerk des Abends, das 5. Klavierkonzert des russischen Komponisten Sergej Prokofjew. Es ist das letzte Werk in der französischen Emigration des Meisters von 1932. Inzwischen hatte er sich bereits entschlossen, in das sowjetische Russland zurückzukehren. Gleichsam ohne Rücksicht hämmert das Klavier samt Orchester expressivste Passagen. Dem englischen Pianisten Steven Osborne gelang ein atemberaubendes Spiel nicht nur in den dissonanzreichen Klangbildern, sondern auch in der faszinierenden Pianistik voller Akrobatik und Schlagkraft. Nur wenig Platz finden hier melodische Phrasen, wie sie den sowjetischen Komponisten von »Peter und der Wolf« oder dem Ballett »Romeo und Julia« später kennzeichnen. Das Konzert war tief beeindruckend und packend. Die Begeisterung des Publikums erbat eine Zugabe: »Oiseaux Tristes« (Trauernde Vögel) aus den »Miroirs« von Maurice Ravel von 1905, ein tief bedrückendes Klavierstück, das Steven Osborne wie schon das Klavierkonzert hinreißend spielte.

Als Hinweis auf die englische Heimat der beiden Interpreten des Abends nahm der Dirigent ein kleines Werk seines Landsmanns Michael Tippett ins Programm – die neobarocke »Kleine Musik für Streicher« aus dem Jahre 1945. Es wurde ein Ruhepunkt nach dem schlagkräftigen Prokofjewkonzert und vor den spätromantischen Tänzen Rachmaninows.

17.04.2017Rezensionen