Unerwünscht

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Unerwünscht

Die Dresdner haben Dagmar Manzel gefeiert. Am 22. Januar war sie im Kraftwerk Mitte beim Gastspiel der Berliner Komischen Oper »Eine Frau, die weiß, was sie will«. Diese musikalische Komödie von Oscar Straus, in der genialen Inszenierung des Intendanten der Komischen Oper, Barry Kosky, ist ein Hit, nicht zuletzt wegen des genialen Tricks, mehr als 30 Rollen von Dagmar Manzel und ihrem grandiosen Partner Max Hopp spielen und singen zu lassen. Manzel gibt hier nicht nur eine gefeierte Operettendiva, sondern auch gleich noch ihren eigenen Liebhaber und diverse andere Personen.

Das Berliner Publikum war schon zur Uraufführung begeistert gewesen. Sie fand 1932 im Metropoltheater, der heutigen Komischen Oper, statt. Fritzi Massary war damals der Star. Es sollte ihre letzte Berliner Premiere sein – und dies nicht nur, weil das Metropoltheater pleite war. Fritzi Massary war Jüdin. Schon bald nach der Premiere wurden die Aufführungen massiv gestört. Sprechchöre: „Juden raus“, „Wir wollen auf deutschen Bühnen keine Juden sehen“. Die Massary verließ Deutschland, der Komponist Oscar Straus ebenfalls. Einer seiner Söhne, Leo, schaffte das nicht. Er kam im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau um.

Ich war auch in der Dresdner Aufführung, ich habe auch gejubelt, ich habe die Manzel auch gefeiert und ihren Partner Max Hopp. Aber dann gingen mir doch beunruhigende Gedanken durch den Kopf. An einem Donnerstag im letzten Frühling weigerten sich die Musiker des Orchesters, in der Bukarester Nationaloper zu spielen. Erklingen sollte das zweite Klavierkonzert von Schostakowitsch, und auf der Bühne war eine Aufführung der großartigen Choreografie »DSCH« von keinem geringeren als Alexei Ratmansky angesetzt. Aber es konnte nicht getanzt werden, denn es gab keine Musik. Wir spielen nicht!, so der Dirigent Tiberiu Soare zum Publikum. Der Grund? Diese Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne repräsentieren nicht das Ballett der Bukarester Nationaloper: zu viele Ausländer!

Zu diesen „Ausländern“ gehört kurioserweise auch Alina Cojocaru. Die weltbekannte Tänzerin wurde in Bukarest geboren, erhielt ihre Ausbildung allerdings in Kiew, bevor sie 1997 an die Royal Ballet School in London wechselte. Sie kehrte wieder nach Kiew zurück und trat als Erste Solistin in die dortige Compagnie ein. Ein Jahr später erhielt sie eine Verpflichtung an der Royal Ballet Company und avancierte am Ende der Saison zur Solistin. Am 17. April 2001 ernannte sie Sir Anthony Dowell nach einer Vorstellung von »Giselle« zur Ersten Solistin. Im September 2013 wechselte sie als führende Erste Solistin zum English National Ballet und gastierte regelmäßig beim Hamburg Ballett, beim American Ballet Thetatre und bei weiteren Compagnien weltweit. Nun wollte der Star in seiner Heimat tanzen – unerwünscht! Unerwünscht auch ihr Partner, der dänische Tänzer und Choreograph Johan Kobborg, den man eigens verpflichtet hatte, um dem internationalen Ruf des Bukarester Balletts wieder aufzuhelfen.
Was zunächst wie ein willkürlicher Sprung der Gedanken anmuten mag, erschließt sich dennoch, denn wir landen in Thüringen, an den Bühnen der Stadt Gera und am Landestheater Altenburg. Haben die vier Mitarbeiter und Künstler des Ensembles, von denen man zu Beginn dieses Jahres hörte, vorsichtshalber ihre Verträge nicht mehr verlängert, weil sie es erst gar nicht so weit kommen lassen möchten, dass sie von protestierenden Kunstverteidigern von den Bühnen gebrüllt werden? In der Öffentlichkeit sind sie schon mehrfach rassistisch beleidigt worden, aufgrund ihrer Hautfarbe und Sprache sind sie verbal angegriffen worden, so konnte man mehreren Meldungen und auch Stellungnahmen des Theaters und seines Generalintendanten Kay Kuntze entnehmen.

Man kann davon ausgehen, dass es sich bei den Pöblern nicht um Theatergänger handelt. Die Aufführungen laufen gut, und das Ensemble ist international aufgestellt. Ein rein thüringisch besetztes Staatsballett wäre ja auch irre. In der gesamten Company gibt es nur eine deutsche Tänzerin. Insgesamt sei jeder sechste der 300 Mitarbeiter ein Ausländer, so Kuntze in einer Meldung des MDR. Ausländer raus hieße hier, und das übrigens nicht nur in Altenburg und Gera, Theater aus.

02.02.2017Kolumnen