Was für ein Klangzauber…

Rezensionen

Was für ein Klangzauber…

Foto: Priska Ketterer

Musik äußert sich traditionsgemäß in einer gearbeiteten Satzgestaltung. Der Klang ergibt sich aus der Ordnung harmonischer Folgen und einer thematisch gearbeiteten Anlage. Schon bei Ludwig van Beethoven in der 4. und 8. Sinfonie verselbständigte sich die Klanglichkeit – und mehr noch seit Wagners Spätwerk. In der Folge wurde der Orchesterklang zu einem vordergründigen Mittel, die Strukturen des Satzes aufzulockern und als Ausdruckselement die Klangfarbe zu nutzen. Das Philharmoniekonzert vom Wochenende zeigte jene flirrenden und webenden Bilder von Klanglichkeit, die der Schweizer Heinz Holliger mit dem Orchester fand. Der Dirigent, Komponist und Oboist, als der er zu den Urvätern moderner Musik der Nachkriegsjahre avancierte, erarbeitete sich diese Klangmagie. Mit seinem Werk »Dämmerlicht« von fünf Gedichten im Stil japanischer Haiku, die er Silvester 1991 in Japan niederschrieb und 2015 für Sopran und Orchester vertonte, wandte er sie ausdrucksintensiv an. Dieses Werk stand in der Mitte des Konzerts. Als Haiku versteht man eine Form von Kurzgedichten mit 17 Silben, die auf drei Zeilen konzentriert sind: „Rabenvogel, starr / wirft das Dämmerlicht zurück / lidlos, tränenlos“. Hiervon leitet sich der Titel des Werkes ab. Und der Komponist entfachte mit dem Orchester eine Fülle von ungewöhnlichen Geräuschen und Tönen, die eine hintergründige Ausdrucksskala eröffneten. Die Sängerin Sarah Maria Sun, die im Frühjahr in der Semperoper als Elsa zu erleben sein wird, bewies ihre Erfahrungen mit neuer Musik bestens. Hier nun war sie ein vokales  Instrument im Orchestergewebe, und traf so den rechten Ton in Holligers vielfarbigem und expressivem Klangzauber. Die Wirkung war so faszinierend, dass begeisterter Beifall ganz unmittelbar aufbrandete.

Aber auch in den drei Liedern von Claude Debussy nach Gedichten Stéphane Mallarmés, die der Komponist 1913 als Klavierlieder fasste und nun Heinz Holliger für Sopran und Orchester bearbeitete, trat der zauberhafte Klang hervor. Er verehre Debussy – meint der Komponist -, weil er ihn für einen der „abgründigsten Komponisten“ halte. Sicher hätte der Franzose eine noch differenziertere Klanglichkeit gefunden, aber Holliger traf einen etwas herberen Klang. Das offenbarte sich, als er am Ende des Konzerts die  farbenreichen drei »Images« Debussys vorstellte.  Zuerst gab es mit »Rondes de Printemps« einen klangvollen ‚Frühlingsreigen‘, der in seiner Modernität der Gestaltung von  Holligers eigenen Kompositionen nahe kam, wenn auch hier schon spanische Rhythmen und Motive sich anzeigten. Sie traten dann aber im 3. Satz »Iberia« stärker in den Mittelpunkt.  Bilder vom Straßenleben breiteten sich aus oder die diffizilen »Düfte der Nacht«, und am Ende prägten sie ein turbulentes Festreiben, temperamentvoll, mitreißend. In der Mitte der drei »Images« stand ein mit »Gigue« überschriebener Satz englischer Folklore, der oft in düster melancholischer Stimmung verharrte.

Die zauberhaften Klangwelten fanden beim Publikum begeisterte Aufnahme. Auch das Orchester dankte dem Dirigenten demonstrativ. Die vornehme Zurückhaltung, die er als Person ausstrahlte, zeigte sich besonders in der ganz eigenen Interpretation von Robert Schumanns »Ouvertüre, Scherzo und Finale« am Anfang des Abends – nicht sinfonisch gesehen, sondern dezent als Sinfonietta.

Geboren 1939 in Langenthal (Schweiz, Kanton Bern), studierte Heinz Holliger Oboe, Klavier und Komposition (bei Sándor Veress und Pierre Boulez). Nach ersten Preisen bei den internationalen Wettbewerben in Genf und München begann für ihn eine unvergleichliche Karriere als Oboist. Im ständigen Austausch von Interpretation und Komposition erweiterte er die spieltechnischen Möglichkeiten des Instruments und setzte sich mit großem Engagement für die zeitgenössische Musik ein. Komponisten wie Hans Werner Henze, Krzysztof Penderecki, György Ligeti, Elliott Carter, Witold Lutosławski, Karlheinz Stockhausen und Luciano Berio schrieben Werke für ihn. Aber auch die Wiederentdeckung vergessener Werke von Komponisten des 18. Jahrhunderts, unter anderem von Jan Dismas Zelenka und Ludwig August Lebrun ist ihm zu verdanken. In der Saison 2016/17 ist Holliger „Composer in Residence“ der Dresdner Philharmonie.

Der Monatsspielplan Jan-Apr 2017 der Philharmonie zum Download…

30.01.2017Rezensionen