Kulturbehauptungsstädte

Kolumnen

Kulturbehauptungsstädte

Was ist das Schönste an Dresdens Bewerbung zur Kulturhauptstadt des Jahres 2025? Dass sich kurz nach der Absage vier Jahre zuvor alle darin einig sein werden: gemeinsam wäre es zu schaffen gewesen. Gemeinsam? Ja, Chemnitz, Dresden und Leipzig in einem unverwechselbaren Dreiklang. Damit hätte ein Zeichen gesetzt werden können. Vielfalt in der Region: Industrielle, adelsgestrige und Bürgerkultur im Verbund. Man hätte sämtliche mitteldeutschen Trümpfe ausspielen und mit den vorhandenen Pfunden gebündelt wuchern können.

Statt dessen aber treten die beiden südsächsischen Städte als Konkurrenten an. Leipzig hält sich weise zurück und überlässt solch kulturstädtischen Schwergewichten wie Halle und Magdeburg das Feld der Mitbewerber. Auch die beiden Sachsen-Anhalter hätten nur gemeinsam eine Chance haben können, vielleicht gar mit der Bach-Stadt Köthen in ihrer Mitte.

So aber wollen sich die Kulturstädte vereinzelt behaupten und setzen auf Postkarten-Ideen der Bürgerschaft sowie auf den „gelben Fluss“ auf dem Bewerbungsplakat (was den meisten Betrachtern gewiss erst erklärt werden muss). Die originellsten Aktionen wurden in ortsüblicher Weise abgekupfert, in diesem Fall vom spanischen San Sebastián, voriges Jahr neben Wroclaw eine der europäischen Kulturhauptstädte.

An eine gemeinsame Bewerbung der beiden Partnerkommunen in Sachsen und Schlesien hat offensichtlich niemand gedacht. Was wäre das für ein tapferes, starkes Europa-Potential gewesen! Aber wer spricht in so traurigen Zeiten wie heute schon noch von Europa …

Überhaupt: Kultur ist keine Frage des Tempos. Während Wroclaw Konzertsaal, Stadion, Flughafen- und Autobahnausbau gestemmt (mit heftigen europäischen Fördergeldern, das sei nicht verschwiegen) und nebenher noch die Altstadt auf Vordermann gebracht hat, bleibt Dresden weiterhin von der Eisenbahnanbindung gen Hauptstadt abgekoppelt, behält einen schwach frequentierten Flugplatz bei Klotzsche, verzichtet auf das Konzerthaus so konsequent wie auf Radwege – hat aber ein Kraftwerk Mitte gestemmt, das den Namen mit der Kultur zwar nicht tragen kann, ihn aber durchaus mit Leben erfüllt. Respekt davor, ganz ehrlich!

Aber: Kaum sind vier, fünf Wochen ins Land gegangen, die Überraschung über die doch tatsächlich pünktliche Eröffnung der neuen Spielstätten von Staatsoperette und tjg hat sich gelegt – schon denkt man kommunalpolitisch darüber nach, was aus den bisherigen Brachflächen werden soll! Marodistan Leuben verkaufen? Wenn ja, an wen, wofür und wie teuer? Über die Zukunft des einstigen Operettengeländes sollte diese Woche im Stadtrat diskutiert werden, das Thema aber wurde vertagt. Kam ja so plötzlich, das mit dem Auszug. Nachdem die Belegschaft jahrelang auf Teile ihres Einkommens verzichtet hat, um den Neu- bzw. Umbau ihrer jetzigen Arbeitsstätte zu finanzieren, wird der Verkauf oder die Umnutzung nun auf die lange Bank geschoben. Anderenfalls hätte ja kräftig Geld ins neualte Kraftwerk fließen können …

Kultur ist keine Frage des Tempos?
Kultur ist überhaupt keine Frage, Kultur sollte Antworten geben.
Aber vielleicht sollte erst einmal das Ding mit dem Konjunktiv geklärt werden.
Dann könnte darüber nachgedacht werden, welche Chance jetzt mit der vereinzelten Kulturhauptstadtbewerbung verschenkt worden sein dürfte.

28.01.2017Kolumnen