Reformatorische Gewissheit, heutige Skepsis

Rezensionen

Reformatorische Gewissheit, heutige Skepsis

Vom Rang her schweben zart die Töne der Flöte. Es ist die Melodie des programmatischen Chorals von Martin Luther, „Aus tiefer Not schrei ich zu dir…“. Ein junger Musiker wird diesen Text in gebotener Nachdenklichkeit sprechen, und Tänzerinnen und Tänzer geben dazu in einer schlichten Improvisation sowohl als Luthergestalten als auch in gegenwärtigem Gestus den thematischen Anspruch dieses Programms vor.

Diese Woche gab es erstmals in der Semperoper ein Gastspiel des von John Neumeier 2011 gegründeten Bundesjugendballetts. Jeweils für zwei Jahre haben acht Tänzerinnen und Tänzer nach abgeschlossener Ausbildung die Möglichkeit, sich auf ihre berufliche Laufbahn vorzubereiten. Sie sollen hier „physisch und emotional in den Schaffensprozess eines Choreografen“ einbezogen werden, um „auch mit schöpferisch tätig zu sein“, so der künstlerische Leiter des Bundesjugendballetts, Kevin Haigen, der hinzufügt, dass ihn gerade dies in seiner eigenen Karriere als Tänzer wichtig war und für ihn auch das Besondere an diesem Beruf ist.

In Dresden gastierten die jungen Tänzerinnen und Tänzer zusammen mit den 14 bis 19 Jahre jungen Musikerinnen und Musikern des Bundesjugendorchesters, also ein ‚Gipfeltreffen‘. Die Programmauswahl, die choreografischen Beiträge, beziehen sich auf das Reformationsgedenken des Jubiläumsjahres, 500 Jahre nach Martin Luthers berühmtem Thesenanschlag in Wittenberg. Also heißt das Programm »Gipfeltreffen – Reformation« und führt sowohl musikalisch als auch tänzerisch aus der Erinnerung in die mahnende Vergegenwärtigung.

Fotos (2): Silvano Ballone

Mit jenem Choralthema der Flöte beginnt auch die 5. Sinfonie von Felix Mendelssohn-Bartholdy, »Reformation«, des zum Protestantismus konvertierten jüdischen Komponisten, und sie wird musikalisch einen dynamischen Bogen spannen von jenem schlichten Beginn, nach dem berührenden Streicherzitat des »Dresdner Amen«, von Richard Wagner übernommen als Gralsmotiv in seinem monumentalen Erlösungswerk »Parsifal«, bis hin zum Finale der Sinfonie in Lutherischer Standhaftigkeit „Ein feste Burg ist unser Gott“.

Wie diese jungen Musiker unter umsichtiger Leitung von Alexander Shelly dieses Werk aber zum Klingen bringen, das ist schon faszinierend, denn eine gewisse Nachdenklichkeit, ob in den warmen Klängen der Streicher oder im vollen Klang des groß besetzten Orchesters, geht nie verloren. Reformatorische Gewissheit im Dialog mit gegenwartsbezogener Skepsis werden auch den weiteren Verlauf dieses Gipfeltreffens grundieren.

Nach der Pause dann tänzerische und musikalische Lebensfreude pur. Johann Sebastian Bachs dritte Orchestersuite mit John Neumeiers Choreografie von 1981 für das Hamburger Ballett. Dieser flinke Wechsel aus solistischen Varianten der Tänzer mit denen kurzer Duette oder der ganzen Gruppe, von hohem technischem Anspruch, spitzenmäßig für die Tänzerinnen, Sprünge für die Tänzer, höchst anspruchsvolle Hebungen aus dem Repertoire der Kunst des Pas de deux: nicht die absolute Vollkommenheit, aber die individuelle Ausstrahlung der jungen Künstler ist es, die sie überzeugend zeigen auf ihren Sprüngen in die Zukunft, grundiert vom Klang des in seinem frischen Spiel auf seine Weise tänzerisch agierenden Orchesters.

Der Sprung von Bach in die Gegenwart ist gewaltig. Eine Uraufführung, »Reversal« des 1970 geborenen niederländischen Komponisten Michael von der Aa, hier als Vertreter der melodischen Moderne. So wie in dieser Komposition die klanglichen Perspektiven wechseln, so in der dazu kreierten Choreografie des im letzten Jahr mit dem Deutschen Tanzpreis in der Kategorie „Zukunft“ ausgezeichneten Tänzers und Choreografen Andrey Kaydanowskiy aus Russland vom Ballett der Wiener Staatsoper, die optischen. Eine tanztheatermäßige, kurze Abfolge von Szenen junger Menschen in der Konfrontation mit der Vergänglichkeit, mit Gruppenzwängen, Einsamkeit und Tod. Ein großes Thema für die jungen Tänzer, letztlich Scheitern als legitimer, künstlerischer Versuch, sich dem zu stellen, das Licht – hier eine brennende Kerze – nicht verlöschen zu lassen. Das kann man kurzweg kritisch, vielleicht auch in gewisser Überheblichkeit abtun als naiv und zu direkt, dann aber übersieht man, wie nahe und authentisch eine solche Art der Auseinandersetzung mit solchen Erfahrungen für junge Menschen ist, wie nahe sie auch dem Pathos in ihren Hoffnungen auf erhellende Erfahrungen sein dürfen, im Theater ist das ein Licht von oben, dass dies im Leben sie nicht immer bescheinen wird, dürfte ihnen gewiss sein.

Und sie machen keinen Hehl aus ihren Unsicherheiten, wenn in einem selbst entwickelten tänzerischen Zwischenspiel auf aktuelle Erfahrungen angesichts von Militanz und Terror samt babylonisch anmutender Sprachverwirrungen angespielt, bevor eine stark pantomimisch geprägte Choreografie von Zhang Disha als Uraufführung zu Enjott Schneiders sinfonischem Gedicht für Orchester, »Ein feste Burg« aus dem Jahre 2010, das Programm beschließt. Das sinfonische Gedicht beschreibt einen musikalischen Weg von falsch verstandenem, militantem Lutherischem Pathos hin zu versöhnlichen Klängen vogelzwitschernder Naturlyrik als alle Religionsvarianten übersteigende und verbindende Klangvision.

Die Chinesische Choreografin inszeniert ein bitteres, ironisches Spiel, bei dem den Tänzerinnen und Tänzern putzige Spielzeugraketen aus Gummi aus den Körpern wachsen. Da ist es nicht nach Luther, die Welt, die da voller Teufel ist, das ist das Teufelszeug in ihnen, wer das Augenzwinkern übersieht, mag das für Kitsch halten. Dass da inmitten der tanzenden Waffenbrüder und Schwestern eine Geburt vor sich geht, dass dieser Heilgen Familie kein Kind geschenkt wird, sondern eine schlichte Schere aus dem grünen Bündel gewickelt wird mit der man sich die Waffen vom Leibe schneiden kann, das ist so unwirklich wie es schon wieder komisch ist und dennoch im tänzerischen Spiel der jungen Leute, die auch noch ihr „Apfelbäumchen“ pflanzen, begießen und gedeihen lassen, nicht unberührt lässt.

So bin ich an diesem Abend, bei diesem Gipfeltreffen hin- und her gerissen zwischen Berührung und Verwirrung, zwischen Zustimmung und Widerspruch. Dann aber, als Zugabe, einfach die pure Lebensfreude: ein Tanz auf dem Vulkan der Temperamente zu mitreißender Musik. Leonhard Bernsteins rhythmischer Funkenflug der Ouvertüre zu »Candide« – eine tänzerische Hommage, nicht zuletzt an John Neumeier, der ja auch in tiefer Ehrfurcht selbst einst den Erlöser in seiner Choreografie zu Bachs Matthäus-Passion tanzte und auch Reißer wie »West Side Story« oder »On the Town« choreografisch inszenierte. Wie der Nachwuchs ihm hier eine hinreißende Reverenz erweist, daran dürfte er seine Freude haben, wenn das Bundesjugenballett, am 4. Februar im Théâtre de Beaulieu in Lausanne tanzen wird – denn hier wird Neumeier mit dem erstmals in der Kategorie „Lebenswerk“ vergebenen Prix de Lausanne geehrt.

22.01.2017Rezensionen