Verwölkt

Kolumnen

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In Dresden wurde das neue Theater der Staatsoperette im Kraftwerk Mitte eröffnet. Zur Eröffnung dieses Kraftwerks der Unterhaltungskultur setzt man auf Bewährtes – und konnte doch mit der Eröffnungsinszenierung von Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« nicht gerade einen Höhenflug starten. In Chemnitz dagegen wurde der Auftrag für die Uraufführung einer Operette vergeben. Dazu gehören Mut und Risikobereitschaft, aber dafür ist die Oper in der Stadt der Moderne ja bekannt. Mehrfach hat sich dieser Mut auch ausgezahlt. Im aktuellen Fall aber leider nicht: die »Südseetulpen« wollen einfach nicht so richtig aufblühen.

Auf einen Text von Constantin von Carstenstein hat Benjamin Schweitzer sein Musiktheater komponiert, konzipiert und arrangiert. Er nennt es Operette. Schweitzer studierte in Dresden und Helsinki, war Mitbegründer und bis 2005 Leiter des Ensembles Courage und schrieb bislang fünf Werke für die Bühne. Die Kammeroper »Jakob von Gunten« nach Robert Walser wurde in einer Koproduktion mit der Dresdner Hochschule für Musik im Jahre 2002 uraufgeführt und erlebte weitere Aufführungen in Solothun und St. Gallen. Die Kurzoper in 11 Stationen »informationen über Bartleby« und das Kammertanztheater »anordnen / verschieben« wurden in Dresden, zu den Tagen der zeitgenössischen Musik uraufgeführt. Die Tragikomödie »Dafne« wurde erstmals konzertant in Berlin gespielt, szenische Uraufführung am Theater in Freiberg, das Stück »nach hause für drei Tänzer und drei Musiker« kam in der Choreografie von Martin Nachbar an den Berliner Sophiensælen heraus. Von Carstenstein, der nach eigener Aussage dazu beitragen möchte, dass sich das Musiktheater, „aus seiner elitären Nische befreit und zu allgemeiner Popularität findet“, schrieb bereits den Text für die Aachen uraufgeführte komödiantische Operette »Prinzessin im Eis« mit der Musik von Anno Schreier. Bei einem guten Glas Pfälzer Wein und nach Schweitzers Lektüre eines Essays, in dem er davon erfuhr, dass die Operette, dieses verkannte und immer wieder todgesagte Genre, eigentlich subversiv sei, fassten Schweitzer und von Carstenstein den Entschluss: Wir machen eine Operette.

Thema und Idee, zwei sympathische Finanzhaie aus der Gegenwart ins 18. und dann sogar ins 17. Jahrhundert zu schicken und sie um jeweils mit so riskanten wie abenteuerlichen Schuldenrettungsaktionen für die englische und die holländischen Krone zunächst in die Südsee segeln zu lassen und dann ihrer Fähigkeiten in Sachen Anlegerticks auf dem Tulpenmarkt tätig werden zu lassen, haben eigentlich das Zeug für eine Operette. Am Ende nämlich sind beide pleite, aber glücklich. Das Kapital fliegt in die neue Welt, Peter Stuyvesandt in Begleitung der schönen Pandora, die einst als blinde Passagierin in der Hanfkiste aus Jamaika nach Europa kam und hier dem Gras entstieg, wollen jetzt an der Wall Street die ganz große Kiste aufmachen. Nach den geplatzten Südsee- und Tulpenblasen wird jetzt die Immobilienblase aufgepumpt.

Die Operettenblase hatte da schon längst keine Luft mehr, denn der Südseetulpentext hat zu wenig Witz, er kommt mitunter recht belehrend daher und die Musik, um ihn in seiner Fülle unterzubringen, ist lange Strecken einfach zu melodramatisch. Was möglich wäre, blitzt immerhin immer wieder auf, wenn Zitate vom Barock bis Broadway, von Mozart oder Wagner bis in den Überschwang der Spätromantik und der Didaktik à la Brecht und Weill witzig eingearbeitet sind. Aber dennoch, Operettenschwung? Fehlanzeige.

Vielleicht hätte man das ganze auch gar nicht Operette nennen sollen? Dann hätte man auch keine Erwartungen geweckt, die sich nicht erfüllen und schon zur Pause im Parkett des Chemnitzer Opernhauses die Reihen lichter werden ließen. Es ist ja schon schwer genug, wie man zur Eröffnung der Dresdner Staatsoperette erleben konnte, das „alte“ Genre zeitgemäß zu präsentieren. An Theorien und Kolloquien darüber, wie zeitgemäß es es eigentlich sei, wie subversiv, wie genial, fehlt es ja nicht. Aber auf den Bühnen sieht man das noch immer sehr selten. Am wenigsten dann, wenn sich die Theoretiker selbst an die Regiepulte setzen, wie vor einigen Jahren, als der Operettenprofessor Volker Klotz zusammen mit Regisseur Wolfgang Quetes am Theater in Erfurt Kálmáns vergessene »Bajadere« auch nicht zu sprühendem Leben erwecken konnten.

Was dennoch möglich ist, war immer wieder an der Staatsoperette, noch im alten Quartier in Leuben zu erleben. Etwa als Regisseur Robert Lehmeier hier mit Lehárs Dauerbrenner »Der Zarewitsch« zeigte, wie subversiv, aktuell und sogar provokant man eine Operette inszenieren kann, ohne den Zeigefinger zu erheben. Das gelang auch mit der letzten Premiere in Leuben, mit Sebastian Ritschels doppelbödiger und dennoch sehr unterhaltsamen Inszenierung von Lehárs »Die lustige Witwe«. Aktuell bin ich gespannt auf ein Gastspiel der Komischen Oper Berlin, wo ja das Genre derzeit boomt und schon mal davon die Rede ist, dass hier der flotte Geist der goldenen Zwanziger wieder fröhlich auferstanden sei, und man am Abend sich über das amüsiere, was  Tage des Fürchten lehre.

Am Sonntag übrigens ist Dagmar Manzel im Dresdner Operettenkraftwerk »Eine Frau, die weiß, was sie will!« (ausverkauft). Mit ihrem Partner Max Hopp schlüpft und springt, singt und tanzt sie in der Inszenierung von Barrie Kosky in die 20 Rollen des musikalischen Lustspiels von Oscar Strauss mit den Texten von Text von Alfred Grünwald nach Louis Verneuil.

19.01.2017Kolumnen