Eine Brücke zwischen Toulouse und Irland

Rezensionen

Eine Brücke zwischen Toulouse und Irland

Die aus Toulouse stammende Band DOOLIN hat Dresden nun bereits dreimal mit ihrer Mischung aus innovativer irischer Musik und französischen Liedtexten, Pop-, Jazz- und Rap-Einflüssen begeistert. Zum Konzert am Mittwochabend in der Dreikönigskirche überraschten sie mit der Musik ihres neuen Albums, und einem besonderen Gast.

Fotos: Marion N. FiedlerFotos: Marion N. Fiedler

 

Sechs Franzosen, die irische Musik spielen, waren für das Konzert in der Dreikönigskirche angekündigt, und pünktlich um acht sprangen sie auf die Bühne. Als die Lichter im Saal ausgingen, hub eine keltische Flöte zum Spiel an. Jacob Fournel erfüllt mit seiner Tin Whistle sogleich den Raum. Zwei Gitarren, Fiddle, Alkordeon und Bodhran lieferten den lebendigen Viertelstomp. Die ersten Füße wippen mit.

Vom Kleidungsstil her könnte man vermuten, dass die sechs Musiker aus einer anderen Zeit stammen – oder gerade vom Feld reinkamen. Die Musik ist nicht so eben, wie man es von Folksongs her typischerweise erwartet. Gleich der erste Song darf aus dem Gleichtakt ausbrechen. Die Phrasierungen der Stücke betonen ungleiche Einheiten und werden von klugen Arrangements getragen. Und das kommt beim Publikum super an. Die ersten Zuhörer fangen zu tanzen an.

In Nashville wurde die frisch gepresste Platte also aufgenommen. Ein Lied aus Music City folgt. Die Franzosen lassen das Publikum auch gleich mitsingen. Gefragt wird aber nicht groß. Die sechs Musiker erwarten, dass die Zuhörer sofort mit voller Energie, wie sie die Band auch selbst ausstrahlt, einsteigen. Als das nicht geschieht, kommentieren sie in einer Mischung von französischen, deutschen und englischsprachigen Beschwerden in gespielter Empörung die Situation – und brechen den Song ab. Die lockere, mitreißende Energie der Band versöhnte schnell, und der Saal sang beim darauf folgenden zweiten Versuch mit voller Stimme mit.

Herausragend war der Gesang des 40-jährigen Sängers und Akkordeonspielers Wilfried Besse. Sein voller Stimmklang reisst mit, seine geerdete Art der Phrasierung schmiegt sich bei den irischen Nummern wohlig ins Ohr. Nicht nur die Stilistik der keltischen Gesänge beherrscht er. Auch einem Popsong und auf Weltmusik gerappten HipHop stellte er vor. Schnellere Songs leben unter seiner Stimme durch eine sicher geführte, fast simple Phrasierung auf. Aber auch langsame Stücke kann er glaubwürdig liefern. Die von ihm live dargebotene Version des Brel-Chansons ‚Amsterdam‘ ist die schönste, die ich je gehört habe. Wilfried Besse legt Fernweh und ein fast verspieltes Gewicht in den Liedtext. Nachdem diese aufblühende Ballade verklungen war, hätte man für einen Augenblick die Stecknadel fallen hören können.

Alle Instrumentalisten von DOOLIN präsentierten sich als sehr gute Musiker. Das überraschendste Solostück des Abends lieferte Percussionist und zweitjüngster Musiker der Band Josselin Fournel, und bewies sein Talent auf der Bodhràn. Ein pulsierender weicher Groove mit gespannten Höhen und Tiefen in Tonlage wie Dynamik, aufmunternd eingestreuten Doppelschlägen und klackenden Gegenbeats formten interessante Synkopen im fast zehnminütigen Solostück.

Der Fiddler Niall Murphy trug mit vollem Klang und schönen improvisierten Melodielinien ebenfalls zu Gänsehautmomenten bei. Sein Solo überzeugte mit klanglicher Vielfalt und abgerundeter rhythmischer Präzision. Kurz vor Ende des Konzerts wurde er als das jüngste und jüngst hinzugekommene Bandmitglied vorgestellt, und dass DOOLIN ab sofort nicht mehr rein französischer Abstammung sei. Niall Murphy ist gebürtiger Ire, und wie es scheint, ab sofort vielleicht öfter dabei.

 

12.11.2016Rezensionen