DER FAUST für DIE KUH

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DER FAUST für DIE KUH

cowNa, das ist doch mal eine tolle Nachricht, noch dazu ein wunderbarer Zufall. Der angesagte, gut vernetzte schwedische Choreograf Alexander Ekman erhielt den Deutschen Theaterpreis »DER FAUST« am Sonnabendabend im Theater Freiburg für sein Ballett »COW«. Fast zeitgleich fand in der Semperoper die Premiere einer Neukreation des Ballettklassikers »Don Quixote« statt, denn hier brachte Ekman mit dem Semperoper Ballett im März des letzten Jahres seine nun ausgezeichnete Choreografie »COW« heraus. Noch als die Beifallsstürme für die Dresdner Tänzerinnen und Tänzer am Sonnabend brandeten, flüsterte eine Besucherin in der Reihe hinter mir ihren Nachbarn zu: „Sie haben den Faust bekommen!“

Das stimmt zwar nicht so ganz, denn die Auszeichnung ging an Ekman, für eine Arbeit in Dresden. Außergewöhnliche Kreationen hat der nun seit fast zehn Jahren als Newcomer gehandelte Choreograf auch anderswo auf die Bühne gebracht, für manche, wie seinen »Schwanensee« in Oslo, setzte er sogar die Bühne unter Wasser. „Ich hätte natürlich auch auf einer leeren, dunklen Bühne inszenieren können. Aber man lebt nur einmal und heute! Deshalb möchte ich große, verrückte Dinge tun, und zwar jetzt“, so Ekman zu seinem feuchten Einfall damals.

Für verrückt hielten manche dann ja auch seine Idee, in Dresden die Kühe tanzen zu lassen. Stachelnde Kakteen hatte er ja schon zuvor aus den ehrwürdigen Brettern, die in Dresden nicht immer die Welt bedeuten, wachsen lassen. Nun kann man nicht sagen, dass »DER FAUST« als undotierter Preis von weltweiter Bedeutung sei. Aber im Tanzland Deutschland, in dem der Freistaat Sachsen keine so ganz unbedeutende Rolle spielt, im zu Ende gehenden Tanzjahr 2016, da ist das schon ein Grund sich zu freuen.

Wir sind Faust! »DER FAUST« für eine Produktion aus Dresden, die noch dazu, wie eben Ekmans »COW«, „auf einzigartige Weise choreografischen Humor mit moderner Tanzkunst verbinde“, so gratulierte der kaufmännische Geschäftsführer und kommissarische Intendant der Semperoper, Wolfgang Rothe, dessen Herz ja ohnehin dieser Kunst entgegen schlägt und wahrscheinlich noch höher schlug, als eben diese „spektakuläre Choreografie, die das Seelenleben einer Kuh thematisiert“, den ehrenden Faustschlag erhielt. Wolfgang Rothe war dabei.

Dresdens Ballettdirektor Aaron S. Watkin, leider nicht. Er brachte ja eben genau an diesem Abend seine Neukreation des »Don Quixote« heraus, der übrigens etwas mehr choreografischer Humor ganz gut getan hätte. Zählt jetzt nicht so sehr. Was zählt, ist die Tatsache, dass Ekman diesen Preis nicht erhalten hätte, hätte er nicht mit dieser Ballettkompanie seine Ideen verwirklichen können!

Der Preis wird seit 2006 vergeben. Veranstalter des Deutschen Theaterpreises DER FAUST sind der Deutsche Bühnenverein, die Bundesländer, die Kulturstiftung der Länder und die Deutsche Akademie der Darstellenden Künste. Die Theater schlagen vor, eigene Produktionen dürfen es aber nicht sein. Eine Jury aus Intendanten, Ballettdirektoren, Regisseuren und anderen Theaterschaffenden wählt aus. Schliesslich stimmen die Mitglieder der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste über die Vorschläge schriftlich ab, das sind immerhin gut 370 Kunstschaffende verschiedener Bereiche, 70 von ihnen sind derzeit als Tänzer oder Choreografen dabei. Angesichts dieses Auswahlverfahrens ist das für Gerhard Stadelmaier „ein etwas inzüchtiger Theaterpreis“. Da es keine Pflicht gibt, dass die Abstimmungsberechtigten die nominierten Produktionen gesehen haben, bleibt die Hoffnung, dass sich wenigstens einige der 70 Ballett- und Tanzspezialisten als Akademiemitglieder auf den Weg nach Dresden, Kassel oder Regensburg gemacht hatten oder sich zumindest auf einem eigens für diesen Zweck vom Bühnenverein eingerichteten Portal die Produktionen angesehen haben. Damit sind ja auch Türen und Tore geöffnet etwa nach der Devise: Führst du meine Kuh aufs Eis, dann mache ich mich für deinen Suspense-Grusel-Krimi stark!

Zu den letztlich drei nominierten Choreografien im elften Faust-Jahrgang gehörten dann nämlich Yuki Moris »The House«, mit dem Ballett das Theaters Regensburg, Johannes Wielands, »you will be removed«, am Staatstheater Kassel und eben »COW« von Ekman mit dem Semperoper Ballett Dresden. Die Kuh hat das Rennen gemacht, ganz in Ekmans Sinne: in der Ruhe dieses Tieres liegt für ihn die Kraft. Nach Sachsen geht dieser Preis für eine Choreografie übrigens nicht zum ersten Mal. Stephan Thoss erhielt ihn 2007 für »Giselle M.« mit dem Ballett der Theater Chemnitz, in Hellerau wurde William Forsythes »Yes we can’t« ausgezeichnet. Indirekt ging der Preis nochmals nach Hellerau für die Koproduktion »Megalopolis« von Constanza Macras mit der Berliner Schaubühne.

Und so wird es am Ende immer sein. Die einen jubeln, die anderen wundern sich. Auch Alexander Ekmans »COW« wurde nämlich unterschiedlich aufgenommen: für den Kritiker der Sächsischen Zeitung in Dresden ein Ärgernis, für die Kollegin in Dresdner Neueste Nachrichten ein Grund zur Freude. Von über 40 Tanzkritikerinnen und Tanzkritikern war in der Umfrage der Fachzeitschrift tanz für zwei diese Dresdner Produktion die »Aufführung des Jahres« der Spielzeit 2015/2016. „Witzig, schräg, originell und für die motivierte Truppe (gemeint ist das Semperoper Ballett) ein wichtiger Schritt nach vorn“, begründete Manuel Brug aus Berlin seine Wahl, „absurd, überraschend, frech“, so die Begründung von Angela Reinhardt aus Stuttgart.

Meine Euphorie hielt sich in Grenzen, ich fand, das war „ein an den Hörnern herbei gezogener Spaß mit dem Semperoper Ballett Dresden“. Und so muss es sein. Keine Kunst ohne Widerspruch. DER FAUST ist ein Theaterpreis, der auf die Leistungskraft und künstlerische Ausstrahlung der Theater aufmerksam machen will, und da dürfte es im Hinblick auf das, was Ballettdirektor Aaron S. Watkin in kontinuierlicher Arbeit mit dem Dresdner Semperoper Ballett erreicht hat, auch kaum noch Widerspruch geben.

07.11.2016Kolumnen