„Die Stimme findet ihre Wege.“

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„Die Stimme findet ihre Wege.“

Georg Zeppenfeld wäre fast Musiklehrer geworden. „Ein Leben in sicheren Verhältnissen und mit hohem Frustpotential“, wie er sagt. Schon vor einer Weile hat er sich quasi durch die Hintertür auf die großen Opernbühnen dieser Welt geschlichen. Oleg Jampolski hat das Gespräch mit dem Bass gesucht. 

Foto: Matthias CreutzigerFoto: Matthias Creutziger

Georg Zeppenfeld, vor wenigen Tagen waren Sie als Fürst Gremin in „Eugen Onegin“ zu sehen. Es war Ihr beinahe erster Ausflug in das russische Fach. Manche Russen kommen ja mit den deutschen Partien zumindest ohne Teleprompter nicht so gut zurecht. Sie hingegen wirkten sehr sicher – wie haben Sie das gemacht?
Ich spreche kein Wort Russisch. Eigentlich ist das sogar sehr gut so. Denn wenn ich eine neue muttersprachliche Partie lerne, ist der Kopf meist schneller als die Stimme. Ich kenne dann zwar den Text, aber die Stimme hat noch keine Ahnung, was sie machen muss. Dadurch, dass ich hier in einer Sprache arbeite, die ich nicht verstehe, hat die Stimme mehr Zeit: Bis ich eine Phrase so reproduzieren kann, dass sie zumindest den Anschein erweckt, idiomatisch zu sein, habe ich sie mit der Stimme irrsinnig oft gesungen. Die Stimme findet dann ihre Wege und legt es sich zurecht. Das prägt sich ein. Wenn das Gehirn am Abend plötzlich nicht mehr weiß, wie es weiter geht, wissen es die Artikulationswerkzeuge noch. Notfalls gehen sie ihre Wege auch alleine.

Wenige Tage vorher waren Sie in der neuen »Parsifal«-Inszenierung bei den Bayreuther Festspielen als Gurnemanz zu sehen. Dazwischen »Meistersinger«-Proben in München, jetzt als Nazarener in der neuen »Salome« und als Fasolt im »Rheingold«. Haben Sie keine Angst, sich zu übernehmen?
So unterschiedlich sind all diese Partien gar nicht. Meine Aufgabe in der »Salome« ist nicht einfach, aber kurz. Ich habe sie schon oft gemacht und singe sie wahnsinnig gern. Der Gremin ist auch eine Absahnerpartie. Schwierig wäre es, wenn dazwischen ein Mozart oder gar etwas barockes liegen würde. Dann bräuchte ich mehr Zeit zum umschalten. Das einzig Ungewöhnliche sind die drei verschiedenen Orte.

Wenn wir von verschiedenen Orten sprechen: Haben sie Dresden überhaupt noch nötig?
Ich bin mit Dresden sehr verbunden. Die Dresdner Oper ist das Haus, was mir auf die Beine geholfen hat. Hier wurde mir von Beginn an viel mehr zugetraut als ich erwartet hatte. Mir wurde ein großer Bonus an Vertrauen entgegengebracht. Fast alle meine wichtigen Fachpartien habe ich hier zum ersten Mal gesungen. Das hat mir irrsinnig geholfen. Dresden war mein Tor zur Welt. Deshalb fühle ich mich dem Haus nach wie vor sehr verbunden. Außerdem gehöre ich zu den Sängern, die gerne mit Kollegen arbeiten, die sie schon kennen. So ein bisschen Nestwärme tut mir gut. Deshalb freue ich mich jedes Mal, wenn ich von irgendwo her an das Haus zurückkomme und bekannte Gesichter sehe.

Wie ist es denn für einen Sänger, der weltweit unterwegs ist, in einer Stadt zu leben, die zur Zeit – gefühlt – die unbeliebteste Stadt Deutschlands ist?
Dresden ist mein Zuhause: Ich lebe sehr gerne mit meiner Familie hier. Ich brauche keine Großstadt. Ich bin ein Landei, ich komme vom Dorf und schätze funktionierende Nachbarschaften, wo die Leute sich noch kennen und aufeinander achtgeben. Und das finde ich hier, denn Dresden hat auch sehr dörfliche Wohngebiete. Das, was Dresden gerade unbeliebt macht, hat nun wahrlich nichts mit der Oper zu tun. Die Gründe, die es dafür gibt, habe ich als Zugezogener auch noch nicht ganz durchschaut, aber es tut mir sehr leid für die Stadt. Diesen Ruf hat sie nicht verdient.

Im Gegensatz zu Ihren Kollegen hat der Erfolg Sie nicht überrollt. Sie haben sich vielmehr hochgearbeitet. Wie gehen Sie jetzt damit um?
Ich genieße den Erfolg sehr. Erfolg hat aber nichts mit der Größe eines Hauses zu tun. Es gibt einen großen Unterschied zwischen Erfolg und Publicity. Ich habe auch an meinem ersten Haus in Münster Erfolg gehabt. Das war fantastisch, darüber habe ich mich genauso gefreut, wie wenn ich jetzt in Bayreuth gut abschneide. Die ersten Schritte waren mindestens genauso wichtig, wie die, die jetzt kommen. Lernen funktioniert durch eine maßvolle Überforderung, die man an sich herantragen lässt und sich damit so gut wie möglich auseinandersetzt. Wenn das gut geht, ist der Erfolg wie ein warmer Regen. Man wird ja als Sänger stärker als in den meisten anderen Berufen direkt mit dem Feedback auf die eigenen Bemühungen konfrontiert. Es ist immer ein Abenteuer, da man nie genau weiß, was passiert, wenn man vor den Vorhang tritt. Dieses Abenteuer habe ich immer sehr genossen.

Unter Kollegen gelten Sie als ein sehr intelligenter Sänger. Wie setzen sie sich mit Ihren Partien auseinander?
Zunächst einmal versuche ich, den Plot und die Beziehungen der Personen allein aus dem Stück heraus zu verstehen. Wenn dabei etwas unklar bleibt, ziehe ich auch Literatur zu Rate, etwa bei historischen Personen oder Begebenheiten. Das ist wichtig, um bei der Inszenierung mitarbeiten zu können. Der Regisseur muss merken, dass er einen Partner vor sich hat, keine Spielfigur. Ich möchte auf der Bühne jede Sekunde wissen, was meine Figur denkt, was sie mitkriegen muss, was sie nicht mitkriegen darf. Die Musik ist da manchmal sogar störend. Sie verführt zu sehr dazu, Dinge zu tun, die man im echten Leben nie tun würde. Daher versuche ich anfangs jedes Stück wie ein Schauspiel zu behandeln, indem ich Texte spreche.

Bei einer Probe in Münster war der Pianist nicht pünktlich zu einer »Don Carlos« Probe gekommen. Wir haben dann schonmal angefangen und das Stück einfach gesprochen. Irgendwann fingen wir an, die Texte frei ins Deutsche zu übersetzen. Im Nachhinein war es die beste Probe, die wir für das Stück hatten. So mache ich das seitdem öfter. Wenn man zunächst nur das Drama denkt, macht es die Figur beim Spiel glaubwürdiger.

Wie war es in Bayreuth, mit zwei verschiedenen Dirigenten am »Parsifal« zu arbeiten?
Mit Andris Nelsons hatte ich dieses Stück bereits mehrfach in konzertanten Aufführungen gesungen. Nelsons ist ein Klangfetischist, er spürt sehr dem dramatischen Klangerlebnis nach. Das ist eine ganz klare Lesart, der man als Sänger instinktiv folgen kann. Hartmut Haenchen kommt aus einer ganz anderen Richtung, die aber auf ihre Weise auch sehr verständlich ist. Er hat sich sehr genau mit der Quellenlage auseinandergesetzt, hat gesehen, was im Autograph steht und was Wagner später geändert hat. Daraus hat er exzerpiert, was Wagner im Detail gewollt hat und eine Lesart entwickelt, die vor allem dem Sprachfluss folgt. Das war anders, aber auch klar und schlüssig. Für die Anpassung an dieses neue Konzept war fast keine Zeit vorhanden, was für alle Beteiligten einigermaßen anstrengend war, aber – wie ich glaube – letztendlich gelungen ist.

Bässe altern spät – welche Partien wünschen Sie sich für Ihre weitere Karriere?
Ich singe wahnsinnig gern Verdi und die älteren Italiener. Im Belcanto ist für mich noch sehr viel zu holen. Im Russischen gibt es noch sehr viel schöne Musik. Was ich noch fast nie gemacht habe ist französische Oper. Nur für Verismo habe ich meine Vorliebe noch nicht entdeckt, aber da gibt es für Bässe auch nicht wirklich viel zu tun.

Sie haben ihr Examen gemacht und wären fast Lehrer geworden. Ein Beruf, in dem Sie derzeit in Sachsen sehr gefragt gewesen wären. Was würden Sie als Lehrer tun, um Jugendliche für die Oper zu begeistern?
Ganz sicher: viel singen! Das ist der erste und wichtigste eigene Bezug zum Musizieren. Wenn das ‚Instrument‘ Körper schon im Kindesalter selbstverständlich wird, hat es nicht diesen Peinlichkeitsfaktor. Natürlich erspürt man den sinnlichen Reiz einer Belcanto-Stimme nicht als Jugendlicher, aber selbst zu singen ist dazu die wichtigste Brücke. Als Musiklehrer hätte ich wohl gut die Hälfte des Unterrichts damit verbracht.

Die Oper ist und bleibt ein komplexes Phänomen, weil sie die Wahrnehmung und das Reflexionsvermögen schult: Sowohl über menschliche und gesellschaftliche Themen, als auch über die kulturelle Überlieferung, die unser Leben viel stärker prägt, als wir uns oft klarmachen. Und das ist für mich ein Traumberuf, nicht zuletzt weil man nicht aufhören muss zu spielen. Das freie Denken, das nach alle Richtungen offene Spiel, das bei Kindern ganz selbstverständlich ist, kann man hier zum Beruf machen.

Georg Zeppenfeld ist u.a. heute Abend im »Rheingold« zu erleben.

22.10.2016Interviews