Verjüngt und erfrischt

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Verjüngt und erfrischt

Alle Fotos: Raffaele IraceAlle Fotos: Raffaele Irace

Das ist eine Hommage an den Meister, wie sie stimmiger nicht sein könnte. Im zweiten Jahr des Bestehens hat Jacopo Godani, einst Solist im Frankfurter Ballett von William Forsythe, mit der von ihm geleiteten Dresden Frankfurt Dance Company die neue Saison mit der Einstudierung »One Flat Thing, reproduced«, jener knapp 20 Minuten dauernden Choreografie im Bockenheimer Depot, die hier vor genau 16 Jahren ihre Uraufführung erlebte, wieder auf die Bühne gebracht. Das so außergewöhnliche wie mitreißende Stück für 14 Tänzerinnen und Tänzer an und auf, unter, mit oder gegen 20 Tische, das man schon 2006 beim Gastspiel der Forsythe Company im Dresdner Schauspielhaus sehen konnte, erfährt jetzt durch die hochmotivierte Company eine Verjüngung und Erfrischung, der man sich nicht entziehen kann. Dazu der Sound von Tom Willems, der leise beginnt, dann an Dynamik gewinnt und mit dem akrobatischen Tanz in rasende, schleudernde Bewegungskaskaden übergeht. Hier wird ausgereizt, was in der tanzenden Ekstase möglich ist, wie der Dialog mit der Materie in Form dieser massiven Tische die Korrespondenzen zwischen den hellwach reagierenden Tänzerinnen und Tänzern herausfordert. Wie sie im rasanten Wechsel zwischen genauer, choreografischer Vorgabe und Momenten improvisatorischer Freiheit jeweils über sich hinaus wachsen. Und dazu nimmt man wahr, wie diese Company in einem Jahr zusammen gewachsen ist, wie sich die blutjungen neuen Mitglieder einfügen und am Ende der Wunsch da ist, diese Aufführung mehrmals sehen können, um sich jeweils auf eine andere Tänzerin oder einen Tänzer konzentrieren zu können. Ein Start in die neue Saison, wie man ihn besser nicht wünschen könnte!

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Im zweiten Teil eine europäische Erstaufführung des spanischen Choreografen Rafael Bonachela, »Lux Tenebris«, uraufgeführt im Februar dieses Jahres mit der Sidney Dance Company.  Licht und Finsternis, optische, klangliche und vor allem tänzerische und bewegungsartige Gegensätze bestimmen diese 40 Minuten, die am Ende vom Frankfurter Publikum am Premierenabend stürmisch gefeiert wurden. Die Klangassoziationen von Nick Wales und die Lichtinstallationen von Benjamin Cisterne ergänzen sich immer wieder. Da leuchten räumliche Motive auf, um gleich wieder zu verlöschen, da bewegen sich Tänzer im Licht, um gleich darauf in der Dunkelheit zu verschwinden. Das kann mitunter dazu führen, dass der Zuschauer die Bewegungsmotive weiterhin wahrzunehmen scheint. Das Licht bildet Felder, es schafft Räume. Bisweilen stellt das Licht aber auch Menschen gnadenlos in Situationen als Finsternis empfundener Einsamkeit. Diese Momente, dann die der Kraft einer Gruppe, ein berührendes Duett: immer versucht der Choreograf, die äußeren Einflüsse des Wechsels von Licht und Finsternis zu den Reaktionen der sich dazu bewegenden Menschen in Beziehungen zu setzen. Mehr noch, er scheint davon überzeugt zu sein, dass die Kraft des Lichtes ebenso wie die Unentrinnbarkeit des Verlöschens dem Menschen eigen ist. Dieses Spiel um Werden und Vergehen bekommt besondere Kraft und Faszination durch die Präzision und individuelle Präsenz dieser wunderbaren Tänzerinnen und Tänzer.

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Für den weiteren Verlauf dieser hoffnungsvollen Company ist ein Abend mit Stücken von Jacopo Godani zu Livemusik von Ravel und Bartok angekündigt sowie eine Uraufführung in der bewährten Zusammenarbeit mit den Musikern der Gruppe 48nord.

Premiere in HELLERAU – Europäisches Zentrum der Künste Dresden, am 29. September.

23.09.2016Allgemein, Rezensionen