Dresdner Allerlei

Kolumnen

Dresdner Allerlei

Bach-EmojiDer einstige Leipziger Thomaskantor Johann Sebastian Bach ist in seinem Leben viel unterwegs gewesen. Hat weite Strecken zurückgelegt, bevor er dieses Amt antreten konnte, ging dann aber nach Dresden, um hier sein Glück zu versuchen. Trotz aller Bücklinge und auch religiöser Verrenkungen – der katholische Hof lehnte ihn ab. Dabei hatte der gläubige Protestant für den aus Machtgründen reichlich wendehalsigen Sachsen-Adel sogar eine musikalische Empfehlung verfasst, um sich als „unterthänigst-gehorsamster Knecht“ um „gnädigste Gewehrung meines demüthigsten Bittens“ zu bewerben. Vergebens. Erst 1736 erhielt er nach jahrelangem Betteln den Titel als „königlich polnischer und kurfürstlich sächsischer Compositeur bey Dero Hoff-Capelle“ zugesprochen. Kaufen konnte er sich davon allerdings nichts. Leipzig hingegen ist weltweit als Bach-Stadt berühmt.

Dass Sachsens Landeshauptstadt den großen Musiker mitsamt all seinen Verehrern jedoch im 21. Jahrhundert ein zweites Mal brüskiert würde, hätte man kaum für möglich gehalten. Der in kultureller Hinsicht gern etwas knausernde Stadtrat hatte 2015 ein Bachfest an der Elbe nicht für nötig befunden. Die kommunalen Mittel würden das nicht hergeben. Dass Dresden an solch einem Bachfest nur gewinnen kann, kam offenbar kaum wem in den Sinn. Womit übrigens nicht nur das Geld gemeint ist. 1968 hat sich die Stadt ein solches Fest leisten können. Und 2015 sollte das nicht möglich sein?!

Der Aufschrei war dementsprechend groß und fand ein Echo. Ein Netzwerk von Enthusiasten rettete in erstaunlich kurzer Zeit dieses 91. Bachfest für Dresden. Nun kann es vom 23. September an bis zum 3. Oktober stattfinden. In diesen Zeitraum sind nicht weniger als 76 Veranstaltungen an 22 Spielstätten gepackt worden. Wer da nur Bach erwartet, Bach ganz pur, wird sich wundern. Die klangvolle Vielfalt ist, ja, verwunderlich.
Denn dieses nun doch mit Hilfe der Stadt bzw. deren Kulturinstitutionen sowie dank der Kulturstiftung des Freistaats, dem Kreuzchor, der Stiftung Frauenkirche und namhaften Sponsoren ermöglichte Fest wird garantiert mächtig bunt und möglicherweise eine Art Dresdner Allerlei. Den Veranstaltern scheint daran gelegen zu haben, all diese sehr unterschiedlichen Facetten abzubilden, um möglichst allen und jedem etwas zu bieten. Also gibt es Orgelmusik und Turmblasen, sind Andachten und Kantaten mit dabei, werden Pilgerreisen, sogar Jazzprogramme und Crossover in den Bachtagen offeriert. Den Jüngsten kommt man gar mit einer Adaption der tschechischen Trickfilmserie »Der kleine Maulwurf«. Für Heiterkeit sorgt darüber hinaus die Serkowitzer Volksoper mit »Präludium und Unfug«.
Die Basis des 91. Bachfestes ist und bleibt aber Bach. Der ertönt in der Langen Bach-Nacht sowohl zur Eröffnung als auch zur Halbzeit, ist mit der h-Moll-Messe sehr original und mit den Goldberg-Variationen auf dem Akkordeon (!) sowie am Cembalo und auch im Jazz vertreten. Ausgehend von seinem Ricercar aus dem Musikalischen Opfer gibt es sogar eine Uraufführung: Ekkehard Klemm wird – gemeinsam mit weiteren Dirigenten und der Singakademie Dresden – sein »Ricercar a 5,9« herausbringen, eine spannende Verbeugung vorm Großmeister.
So wie künstlerische Vielfalt repräsentiert werden soll, sind auch höchst unterschiedliche Solisten und Ensembles angekündigt. Die Sächsische Staatskapelle erinnert just an ihrem Gründungstag an Johann Sebastian Bach sowie an Johann Gottlieb Naumann, würzt dies aber mit Musik der zum zweiten Mal nach Dresden geladenen Capell-Compositrice Sofia Gubaidulina.

In der langen Reihe der seit 1901 veranstalteten Bachfeste dürfte dieses zweite in Dresden stattfindende dank der hiesigen Musiklandschaft und der Fülle an Ambitionen also außergewöhnlich abwechslungsreich werden.

02.09.2016Kolumnen