In Stuttgart wird klar, was Dresden fehlt

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In Stuttgart wird klar, was Dresden fehlt

Sommerzeit. Reisezeit! Dieses Jahr bin ich nach Stuttgart gefahren; hier wurde gefeiert und getanzt. Das Ballett, die Stadt, die angereisten Gäste aus der Ballettwelt feierten das zwanzigjährige Jubiläum der Intendanz Reid Anderson beim Stuttgarter Ballett mit einer elftägigen Festwoche. Und gefeiert wurde auch der 55. Geburtstag des Stuttgarter Balletts. Aus diesem Anlass begann die Festwoche nicht in der Oper, sondern im Kino: mit der Uraufführung des SWR-Dokumentarfilms »Von Wundern und Superhelden; 55 Jahre Stuttgarter Ballett«.

Wenn ich da so nachrechne, dann ist es inzwischen auch über 50 Jahre her, dass ich von diesem Ballettwunder aus Stuttgart fasziniert war, dass ich sozusagen mein Urerlebnis mit der Tanzkunst, mit dem Ballett, hatte. Es hatte mich erwischt! Ich kannte so etwas nicht, und die Faszination für die Tanzkunst, für das Ballett, begann bei mir 1965 im Dresdner Großen Haus, dem heutigen Schauspielhaus, als das Stuttgarter Ballett mit John Crankos »Romeo und Julia« gastierte. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass mit der Uraufführung dieses Balletts nach Shakespeare zur Musik von Sergej Prokofjew eine Erneuerung des Balletts an einem deutschen Staatstheater begonnen hatte, die so wohl niemand erwartet hatte. Mit dieser Premiere am 2. Dezember 1962 im Großen Haus des Württembergischen Staatstheaters schlug sie, die „Geburtsstunde des Stuttgarter Balletts“, wie Horst Koegler zum 80. Geburtstag von John Cranko schrieb, der 1961 zum Ballettdirektor in Stuttgart ernannt wurde und am 26. Juni 1973 unerwartet auf dem Rückflug von einer Tournee seiner Kompanie in den USA starb.

»Der Widerspenstigen Zähmung«. Elisa Badenes (Katharina), Constantine Allen (Petrucchio) (Foto: Stuttgarter Ballett)»Der Widerspenstigen Zähmung«. Elisa Badenes (Katharina), Constantine Allen (Petrucchio) (Foto: Stuttgarter Ballett)

Der Begriff „Stuttgarter Ballettwunder“ ist keine schwäbische Erfindung. Es war kein Geringerer als der amerikanische Kritiker Clive Barnes, der nach dem ersten USA-Gastspiel der Stuttgarter mit »Die Zähmung der Widerspenstigen« in New York diesen Begriff prägte. Das war schon 1969. Dazwischen, 1965, hatte Cranko sein Ballett »Onegin« nach Puschkin, mit der Musik von Peter Tschaikowski, herausgebracht. Drei Meisterwerke des 20. Jahrhunderts. Ungebrochen im Repertoire, auch ohne Spuren des Zahns der Zeit, wie ich bei den Aufführungen im Rahmen der Festwoche erleben konnte. Erfreulich, dass bei diesem Jubiläumsmarathon der Blick nicht nur zurück ging, sondern auf eher ungewöhnliche Weise, bei einer gigantischen Gala zum Finale mit vier Uraufführungen von renommierten Vertretern der jüngeren Choreografengeneration wie Itzik Galili oder Edward Clug, dessen so poetischer wie emotionaler Pas de deux »Daydreaming« für Hyo-Jung Kang und Pablo von Sternenfels mich besonders beeindruckte. Weitere Uraufführungen gab es von Kevin O´Day und Douglas Lee.

Natürlich musste man in dieser Gala nicht auf die atemberaubenden Sprünge, Pirouetten und exzellenten Hebefiguren der Ballettkunst mit Tänzerinnen und Tänzern der internationalen Spitzenklasse verzichten; etwa wenn Alicia Amatriain und Jason Reilly Crankos „Hommage à Bolshoi“ tanzten, mit dem Star des Moskauer Bolschoi Balletts Semyon Chudin und der Stuttgarterin Anna Osdacenko Tschaikowskis Pas de deux aus »Dornröschen« in der Choreografie von Marius Petipa erstaunen ließ, wie faszinierend es ist, wenn Können und Kunst zusammengehen und die Technik sich nicht verselbstständigt. Auf die Spitze getrieben, im wahrsten Sinne des Wortes, dann Balanchines Gala-Knaller »Tschaikowsky Pas de deux« mit den Publikumslieblingen Elisa Badenes und Friedemann Vogel.
Somit spiegelte dieses Gala-Programm auch das bis heute ungebrochene Anliegen, bei den Tänzerinnen und Tänzern rechtzeitig choreografische Begabungen zu erkennen, zu fördern und vor allem Möglichkeiten zu schaffen, so entstehende Kreationen einzubinden in den Spielplan des Repertoires.

Nach John Crankos plötzlichem Tod war es Marcia Haydée, die als Ballettdirektorin in seiner Nachfolge wesentlich dazu beigetragen hat, dass Choreografen von Weltbedeutung wie John Neumeier, Uwe Scholz oder William Forsythe beispielsweise ihre Wege gehen konnten. Reid Anderson, der sie ablöste und nunmehr seit 20 Jahren Stuttgarts Ballettintendant ist, gilt als Choreografenentdecker. Mit großer Lust am Risiko wagte er es, insgesamt 95 Uraufführungen möglich zu machen. Und das Publikum geht mit! In diesem Zusammenhang fallen mir natürlich Namen ein wie Bridgit Breiner, kurzzeitig nach ihrer Zeit in Stuttgart auch erste Solistin in Dresden, jetzt Direktorin des Ballett im Revier, in Gelsenkirchen.

Abschied von Sue Jin Kang (Foto: Stuttgarter Ballett)Abschied von Sue Jin Kang (Foto: Stuttgarter Ballett)

Ivan Cavallari, von Marcia Haydée engagiert, von Anderson gefördert, wird nach seiner Zeit als Chef des Ballet de L´Opera National du Rhin jetzt Direktor der Grands Ballets Canadiens. Robert Conn ist Ballettchef in Augsburg.
Ob Deutscher Tanzpreis „Zukunft“ oder Deutscher Theaterpreis DER FAUST: der Kanadier Eric Gauthier, seit 1996 Tänzer in Stuttgart, von Anderson 2002 zum Solisten ernannt, räumt seit nunmehr fast zehn Jahren mit seiner 16köpfigen Gauthier Dance Company am Theaterhaus Stuttgart regelrecht ab, wenn es um Erfolge und Auszeichnungen geht. Im Rahmen der Jubiläumswoche hat sich nach 30 Jahren als Tänzerin in Stuttgart die nunmehr 49jährige erste Solistin Sue Jin Kang als Tatjana in Crankos »Onegin« – für mich das Meisterwerk neoklassischer Handlungsballette überhaupt – verabschiedet, um in ihrer Heimat künftig als Direktorin des Koreanischen Nationalballetts zu arbeiten.

Nicht weit entfernt von Dresden, in Prag, wird mit Beginn der neuen Saison Filip Barnkiewicz als Direktor des Tschechischen Nationalballetts seine Arbeit beginnen. In Polen geboren und ausgebildet, wurde er 1991 mit der Waslaw-Nijinsky-Medaille ausgezeichnet, benannt nach dem ebenfalls in Polen geborenen Gott des Tanzes.
Eine der großen Partien von Barankiewicz in Stuttgart war der Petruccio in Crankos Ballettkomödie »Die Zähmung der Widerspenstigen« nach Shakespeare. Am 1. Juli vor acht Jahren gastierte Filip Barankiewicz in der Aufführung dieses heiteren Klassikers im Repertoire des Balletts der Semperoper. Es war die denkwürdige Abschiedsvorstellung für Leslie Heilmann, die seitdem sehr erfolgreich bei Neumeier in Hamburg tanzt – und für Maik Hildebrandt, Dresdens Komödianten mit Sprungfedern, der sich an diesem Tag als Solist verabschiedete, um künftig in München an junge Tänzer seine Erfahrungen weiterzugeben. Wer dabei war, wird es nicht vergessen können, wie er diesem Supermacho von Shakespeares Gnaden mit der Tanzkunst eines augenzwinkernden Choreografen wie John Cranko sprühenden Charme verlieh. Und Christian Spuck: der war Tänzer, Choreograf und Hauschoreograf in Stuttgart, auf sein künstlerisches Konto gehen so erfolgreiche Arbeiten wie »Der Sandmann«, »Lulu.Eine Monstertragödie«, »Das Fräulein von S.« oder ein modernes Meisterwerk wie »Leonce und Lena«. Spuck als zeitgenössischer Erneuerer des Handlungsballetts ist jetzt Chef in Zürich, setzt seinen in Stuttgart begonnenen Weg erfolgreich fort und machte sich inzwischen auch einen Namen als Opernregisseur.

Derzeit gib es sogar zwei Hauschoreografen. Erstens Demis Volpi: der konnte 2013 mit seinem ersten Handlungsballett »Krabat« nach Otfried Preußler auf Anhieb Presse und Publikum überzeugen. Und mit seiner neuesten Arbeit, »Salome« nach Oscar Wilde, ganz frei von Richard Strauss, gelang ihm insofern ein Treffer, als dass seine streitbare Sicht auf diesen Stoff höchst kontroverse Diskussionen entfachte. Marco Goecke ist der andere Hauschoreograf; mit seiner jüngsten Arbeit, dem Ballett »Nijinsky«, ging er gewissermaßen fremd, denn er kreierte es für die Gauthier Dance Company am Theaterhaus. Voller Erfolg, volles Haus bei bislang allen Vorstellungen, Gastspieleinladungen in Massen. Dazu mehr dann in einer eigenen Kolumne…

Am Ende dieser Festwoche, nicht zuletzt auch wegen der überraschenden und zutiefst berührenden Wiederbegegnung mit der »Siebten Sinfonie« von Uwe Scholz zur 7. Sinfonie von Beethoven, 1991 in Stuttgart uraufgeführt, war mir klar, was in der ansonsten in Dresden und anderswo eigentlich recht spannenden Ballett- und Tanzsaison doch gefehlt hatte: die tänzerische Musikalität eines Uwe Scholz, dessen wichtigste Werke, eben auch »Siebte Sinfonie« nicht umsonst mit denen eines Balanchine verglichen werden können.
Eins noch: in der kommenden Saison kann man das Stuttgarter Ballett an zwei Abenden mit seinem Klassiker »Romeo und Julia« gar nicht so weit von hier, nämlich im Deutschen Nationaltheater Weimar, erleben. Gewissermaßen ein Treffen guter Freunde. Hasko Weber, Weimars Generalintendant, war lange Jahre Intendant des Schauspiels in Stuttgart und somit Kollege von Reid Anderson. Offensichtlich haben sie sich gut verstanden.

14.08.2016Features, Rezensionen