„Welcome, guys!“

Kolumnen

„Welcome, guys!“

Erinnern Sie sich noch an den „Lohengrin“-Hype, der ein Elsa-Hype war, weil er ein Netrebko-Hype gewesen ist? Die teuren Karten waren rasch ausverkauft, nationale und internationale Medien standen Schlange, die Erwartungen wuchsen ins Unermessliche. Aber am Ende wurde auch hier nur mit Wasser gekocht. Christian Thielemann dirigierte klangschön sensibel, Staatskapelle, Chor und Solisten durften sich bestens aufgehoben und geleitet fühlen. Und die zum Star des Abends erhobene Netrebko konnte sich obendrein noch auf einen Teleprompter verlassen, der neben dem Chefdirigenten im Orchestergraben Elsas Texte anzeigte. Anna Netrebko ist Profi. Sie sang stimmschön mit dem Versuch der Textverständlichkeit. Ihr Blick schien auf den Dirigenten fixiert; wer es nicht wusste, konnte nicht ahnen, dass sie neben dem Taktschlag zum Text schielte. Das alles sah jedoch nicht annähernd so peinlich aus wie der chinesische Wunderknabe Lang Lang, der in einer Videobotschaft „Welcome, guys!“ ausruft, um von Rio aus die Jungs vom Dresdner Kreuzchor als weiteren Kulturpartner der Volkswagen AG zu begrüßen. Der Event-Künstler, der dem Vernehmen nach demnächst die Kreuzschule besuchen soll, versuchte sich erst gar nicht in der deutschen Sprachwelt. Muss er auch nicht. Er ist ja Pianist.

Wir dagegen hatten geahnt: das Elsa-Debüt von Anna Netrebko im Dresdner »Lohengrin« sollte ihr Eintrittsbillett für die Bayreuther Festspiele sein. Zu dumm nur, dass die Opern von Richard Wagner dort ausschließlich in deutscher Sprache gesungen werden. Anna Netrebko hat ihren lingualen Ausflug indes schon bereut. Zeitungsmeldungen zufolge kann sie „keinen deutschen Text memorieren“, Thielemann aber habe ihr „eingebläut, dass es auf die Worte ankommt.“ Der Musikchef von Staatskapelle und Grünem Hügel wolle „Tttexssssttt hören! Vokale! Konsonanten!“, das muss für die Sängerin von der Newa wirklich sehr hart gewesen sein. Nun aber will sie erst einmal Puccini singen. Italienisch ist schließlich die wahre Sprache der Musik!

Bayreuth hat damit – nach dem abrupten Weggang des „Parsifal“-Dirigenten Andris Nelsons – ein neues Debakel. Singt Anna Netrebko 2018 am Hügel oder singt sie nicht? Ganz ehrlich, die Welt kennt keine dringlicheren Probleme. Darum kreist sie in Schockstarre um Lohengrin und den Schwan. „Nie sollst du mich befragen!“

12.08.2016Kolumnen