Spätes Bayreuth-Debüt eines Dresdners

Kolumnen

Spätes Bayreuth-Debüt eines Dresdners

imageWir haben das Bayreuther Sommertheater nicht vermisst. Als es in den letzten Tagen doch hochkochte, die Temperaturen stiegen, saßen wir mit einer Kiste gut gekühlten, jungen belgischen Bieres (Leffe »des Vignes« – „Arômes subtils de raisins blancs“) am Mittelmeerstrand und genossen es, weit weg zu sein.

Heute Abend aber haben wir in der blauen Stunde einen bejahrten Château L’Hospitalet von Gérard Bertrand aus dem Languedoc aufgemacht. Die Weine des La-Clape-Massivs (Syrah, Mourvèdre und Grenache, auf Kalkstein) wurden lange unterschätzt; aber sie sind in den letzten Jahren immer besser bewertet worden und vom Geheimtip nun endlich zum stolzen Aushängeschild der Narbonne-Region geworden.

Beim zweiten Glas erreichte uns dann die Nachricht: Haenchen machts. Der 73-jährige Dresdner ersetzt den 37-jährigen Rigaer. Haenchen, der den Parsifal schon an mehreren großen Häusern dirigiert hat, erhält – zugegebenermaßen auf spektakulärem Umwege – nun die Einladung auf den Grünen Hügel. Gerade war er im wohlverdienten Ostseeurlaub angekommen, als Katharina Wagner anrief.

Haenchen kennt die Musik, er kennt viele der Orchestermusiker (aus Dresden), und sie ihn. Mit dem Künstlerischen Leiter des Hügels – daraus hat er nie einen Hehl gemacht – verbindet ihn künstlerisch nicht viel. Zu unterschiedlich sind die Wagner-Auffassungen der beiden. Umso interessanter, wie das Produkt der letzten Proben am Ende nun aussehen wird. Sollte es nicht ganz den Erwartungen entsprechen, wird ihm niemand einen Vorwurf machen. Wer zu so einem späten Zeitpunkt in eine kriselnde Produktion einsteigt, hat nichts zu verlieren – er muss außer eisernen Nerven eigentlich nur noch ein Quentchen Glück mitbringen. Aber Wenn denn doch alles klappen sollte, werden die Premierenbesucher des »Parsifal« erleichtert jubeln ob des gelungenen Überraschungs-Debüts. Es wäre nicht der Beginn einer Weltkarriere (die hat Haenchen bereits erfolgreich absolviert), und mit ziemlicher Sicherheit auch nicht der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Es wäre stille Genugtuung für ihn, und vielleicht die Krönung eines dirigentischen Lebenswerkes. Und Bayreuth wäre wieder einmal von Dresden aus gerettet worden.

05.07.2016Kolumnen