Schwarze Erde, späte Sinfonien

Rezensionen

Schwarze Erde, späte Sinfonien

Joseph Haydns Sinfonien erklingen heutzutage nicht oft im Konzert. Wenn, dann sind es meist die des späten Haydn aus den „Londoner“ Reise-Jahren. Dabei gibt es bei den 104 überlieferte Sinfonien durchaus Interessantes zu entdecken!

Davon konnte man sich ein Bild machen, als die Dresdner Philharmoniker in einem Konzert in der Schlosskapelle zwei jener frühen Sinfonien vorstellten, die um 1772 entstanden sind. Haydn war bereits 12 Jahre im Dienste der Familie Esterhazy engagiert und erlebte in jener Zeit seine experimentierfreudigen Sturm-und-Drang-Jahre (Goethes „Werther“ entstand 1774). Davon zeugten die Aufführungen zweier Sinfonien in der Schützkapelle des Dresdner Schlosses.

Der Dirigent Andreas Spering, Spezialist für Alte Musik und ihrer Aufführungspraxis, stellte sie vorbildhaft in packenden Interpretationen vor. Hier war zu erleben, wie experimentierfreudig der 40jährige Komponist im harmonischen Bereich, in der freien Handhabung der polyphon-kontrapunktischen Arbeit und einer originellen Durchgestaltung die Musik erfasste. Dem Dirigenten gelang es, die Werke so zu packen, dass alle Details bestens Geltung fanden. Das war so spannend umgesetzt, dass trotz aller Wiederholungen (eine bisher nicht durchgehend übliche Praxis), in keinem Moment spannungsschwache Redundanz aufkam. Das war nicht nur instruktiv, sondern auch ein echtes künstlerisches Erlebnis, auch von den engagiert mitgestaltenden Musikern. Auf diese Weise erklangen die Sinfonien Nr. 46 in H-Dur und Nr. 47 in G-Dur mit dem Untertitel »Palindrom«. Bei letzterer sind im Menuett besondere satzechnische Kunstfertigkeiten angewandt, aber in so gekonnter Weise, dass das vom Hörer als natürlich und nicht als gekünstelt akzeptiert wird. Das, was in den Aufführungen der beiden Werke beeindruckte, war eben das Unwirsche, Drängende, aufbegehrend Provokative der Musik voller Spannung und Ausdrucksintensität.

Als Konzertwerk des Abends gab es eine Uraufführung für Blockflöte und Kammerorchester des spanischen Komponisten Jose Maria Sanchez-Verdu („composer in residence“ der Dresdner Philharmonie), »Kemet« betitelt (‚Schwarze Erde‘). Es versucht, die Atmosphäre des antiken Ägypten lebendig werden zu lassen. Die schwarze Erde ist die des Nilschlamms der fruchtbaren jährlichen Überschwemmungen, die in neueren Klangflächen zur Wirkung kommen sollten (nicht alle raumakustischen Effekte waren unmittelbar erfassbar). Die Blocklflöte – einmal als Tenor, zum anderen in Sopranlage – charakterisierte das Historische der Situation dieser Überschwemmungen. Ein vorzüglicher tonlich ausgewogener und spielerisch perfekter Solist Jeremias Schwarzer vermochte die oft ungewöhnlich Tongebungen überzeugend zu realisieren. Die Aufführung fand eine freundliche Aufnahme, passte gut in den Konzertablauf im historischen Gewölbe der Schützkapelle und der Graffiti des beeindruckend restaurierten Schlosshofes, den man durchschreiten durfte, um in den Konzertsaal zu gelangen.

06.06.2016Rezensionen