Ambivalente Sicht auf Dresden

Rezensionen

Ambivalente Sicht auf Dresden

Die Riesaer „elbland philharmonie“ nutzt nicht nur mit ihren unterhaltenden Konzerten, sondern auch mit vier Sinfoniekonzerten ihre Aufgaben als sächsisches Orchester. Das Dritte Philharmonische Konzert erklang in Pirnas Marienkirche, in der Riesaer Stadthalle, im Theater Meißen und am Wochenende im Saal der Landesbühnen Sachsen in Radebeul. Gut besucht, offenbarte der Abend, dass es ein echtes Interesse an „ernster“ Musik auch außerhalb Dresdens gibt.

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Das Programm – gut gewählt – zeigte anfangs Werke musikantischer Virtuosität. Beginnend mit Boris Blachers „Concertanter Musik“ von 1937, erhielt der Abend bald ernstere Töne in musizierfreudiger Gestaltung. Blachers Werk hielt sich inzwischen fast als einziges des 1975 in Berlin verstorbenen Komponisten im Repertoire der Orchester. Musikantische Frische, geprägt von einer faszinierenden Formgestaltung mit einem fast ostinaten, markant rhythmischen Motiv, strahlte mitreißende Atmosphäre aus, und machte den Musikern des Orchesters unter Christian Voß sichtlich Spaß, ließ eine Atmosphäre der Spielmusiken der 1930er Jahre aufleben, die auch in den 1940er Jahren die frühe DDR-Musik bei Johannes Paul Thilman oder Siegfried Kurz hierzulande bestimmte .

Das Spielerische gewann in Sergej Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini aus den Jahre 1934 ernstere Züge. In den 24 Variationen, die der in amerikanischer Emigration lebende Russe fantasiereich entfaltete und aus einer professionellen Virtuosität geboren ist, mischt sich das allmählich mehr oder minder verdeckt aufgenommene und am Ende in voller Größe zitierte Thema des Dies Irae aus dem Requiem in den Ablauf. Der seit 2001 in Dresden lebende Pianist Christoph Berner vermochte mit Staunen erregender Fingerfertigkeit und variabler Ausdrucksgestaltung die verschiedenen Klangbilder aus dem Paganini-Thema herauszulocken, das schon im 19. Jahrhundert Pianisten wie Liszt, Schumann und Brahms inspirierte und im 20. Jahrhundert etwa bei Blacher oder Witold Lutoslawski Aufnahme fand. Was hier an Spielfreude von Pianist und Orchester ausstrahlte, das wurde in der 2. Sinfonie e-Moll Rachmaninows zum sinfonischen Bekenntnis des russischen Meisters, der in den Jahren 1906 bis 1908 die Melancholie eines „letzten Romantikers“ in der kulturfreundlichen Elbestadt erlebte. In weit ausschwingenden thematischen Melodien entfaltet der Komponist ein sinfonisches Bild, das in vier Sätzen eine Vielfalt an Orchesterfarben zur Darstellung seiner Ideen nutzte, die von kämpferisch treibendem Beginn über ein turbulent ausbrechendes Scherzo mit groß angelegter Fuge im Trio (eine Verneigung vor deutschem Kontrapunkt), bis zu einem tragisch nachsinnendem Adagio führt und am Ende in einer relativ freien Folge von halb tänzerisch markanten Teilen und pastoralen Ansichten von  Rachmaninows russischen Heimat ausklingt. In der Interpretation von Christian Voß und seinen Musikern breitete sich eine ambivalente Sicht auf das für eine Zeit zur geruhsamen Heimat gewordene Dresden aus.

Friedbert Streller

14.03.2016Rezensionen