„The Angelcy“ – Wir sind keine Helden

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„The Angelcy“ – Wir sind keine Helden

Die Band TheAngelcy nimmt kein Blatt vor den Mund. Wenn die sechs Musiker in Israel von Krieg und Frieden singen und von dem, was diese Zustände aus einer Menschenseele machen können, stimmen hunderte TheAngelcy-Fans ein. Die Liedtexte sind mutig und ehrlich, besonders was die politische Situation in der Heimat der Band betrifft. Durch ihre gewagte Direktheit sind die Songs von TheAngelcy auch zum Hoffnungsträger der desillusionierten israelischen Jugend geworden.

The Angelcy beim Dienstagskonzert im Societaetstheater DresdenThe Angelcy beim Dienstagskonzert im Societaetstheater Dresden

Gestern gastierte die Band im Dresdner Societaetstheater. Vorgestellt wurden die Songs der neuen CD „Exit Inside“ – die allein schon hörenswert ist, deren Songs live aber ganz anders zur Entfaltung kommen. Eine Mischung zwischen israelischen Musiktraditionen und Pop- und Songwriter-Atmosphäre gibt dem Einfallsreichtum des schreibenden Sängers Rotem den Rahmen. Die Arrangements von TheAngelcy haben diesen Rahmen aber in fast jedem Song gesprengt – so beispielsweise mit einfallsreichem, synkopiertem Klatschen, das man ebensowenig erwartet, wie die vielen kontrastreichen Liedtexte, die ein wunderbar tiefgründiges und auflockerndes Flair erzeugen – nicht zuletzt mit der Weise, in der jeder Musiker sein Instrument einsetzte.

Von der Klarinette wurde auch mal nur das Mundstück verwendet und die Gitarre in intensiven Passagen perkussiv benutzt. Manche Lieder klingen fast wie Indie-Rock, wenngleich immer die exotische Farbe bleibt. TheAngelcy präsentiert im aktuellen Repertoire zwar nur englischsprachige Songs und performt mit folkig verkleideten Four-On-The-Floor-Beats, versteckt aber dabei ihre israelischen Wurzeln nicht. Im Gegenteil. Die Arrangements weisen viele interessante instrumentale Blickpunkte auf, und auch die Stimmen haben für unsere Hörgewohnheiten ein eher außergewöhnliches Klangbild – es war ein Erlebnis der besonderen Art, diese junge Band musizieren zu sehen.

The Angelcy Press picture 01

Udi und Uri von TheAngelcy haben sich für Musik in Dresden Zeit für ein Interview genommen.

MiD: Wir haben von euch schon über eure Auftritte in Berlin gehört. Habt ihr schon einmal in Dresden gespielt?

Uri: Die Band noch nicht, aber unser Sänger war schon in Dresden. Das war zur Zeit des World-Cups, da hat er Straßenmusik gespielt. Er hat es als ein intensives, aufgeregtes Erlebnis berichtet. Die Stadt war da wohl ganz schön in Aufruhr.

Udi: Ja, aber an anderen Orten in Deutschland haben wir schon öfters gespielt. Deutschland ist toll, wir mögen das Publikum hier. Irgendwie verwöhnt man uns hier. Natürlich kommen wir da auch immer wieder gern zurück.

MiD: Man spricht über euch als die jungen Stimmen von Israel, wie geht es euch damit?

Udi: Wir haben nur wenige Songs, die über Israel oder die politische Situation in unserer Heimat sprechen. Wir singen zum Beispiel nicht detailgetreu darüber, was genau in unserem Land passiert. Uns interessieren die Emotionen, die wir erleben. Wir sehen uns als Individuen, die über die eigenen Erlebnisse und Gefühle gemeinsam Musik schreiben, und diese dann performen. Dass man uns als junge Stimmen Israels bezeichnet, haben wir, besonders hier in Europa, schon recht oft gehört. Dem stimmen wir aber nicht zu. Wir sind keine Helden! In unserem Land gibt es mutige Leute, die sich für den Frieden einsetzen. Wir sind nicht so mutig, und legen den Fokus eben auf das, was in uns vorgeht. Viele unserer Lieder handeln von persönlichen Erlebnisse, von Liebe, oder von unseren Familien. Es war nicht unser Wunsch, die Stimme unserer Generation oder für unser Land zu werden. Ich denke, dass wir das auch nicht werden können, auch wenn wir über Israel singen. Unser Sänger und Komponist Rotem hat seit langem gefühlt, dass er eine Verantwortung trägt, aber dies ist aus ihm natürlich herausgekommen. Er konnte einfach nicht wegschauen. Ihm war es wichtig, authentisch zu schreiben und die Songs so wahrheitsgetreu wie möglich zu formulieren. Für ihn wäre es merkwürdig, wenn er als Israeli all die Sachen erlebt, die im Land gerade passieren, und eben nicht darüber schreibt.

Uri: Genau. Wir mischen das, wie sich das Leben in Israel aus verschiedenen Emotionen zusammenmischt in unsere Musik hinein. Selbst in den Liebesliedern in unserem Repertoire kommt der Krieg vor. Er ist Teil unseres Lebens geworden.

Udi: Ja, aber um es noch einmal auf den Punkt zu bringen. Rotem mag es nicht, wenn man ihn als den mutigen Revolutionär darstellt. Er schreibt und singt einfach, was ihm auf der Seele liegt. Und wir kämpfen eben auch nicht. Wir leben, sehen, beschreiben.

MiD: In Israel habt ihr aber viele begeisterte Anhänger und Befürworter gewinnen können.

Uri: Das stimmt. Wir sprechen aber schon eher für unsere Generation. Viele Leute lieben uns dafür, dass wir unsere Gedanken teilen, die eben nicht nur wir so haben. Aber man spricht über gewisse Dinge nicht, weshalb sich die Leute durch uns auch ein kleines Stück geöffnet haben. Viele von ihnen sprechen aber gar nicht so gut Englisch, um jedes Wort zu verstehen. Ich glaube, ihnen geht es einfach nur darum, mal loszulassen. In Israel wird die Musik ja hauptsächlich in Hebräisch gesungen. Schon allein aus dieser Sicht sind wir keine Patrioten.

MiD: Darf man fragen, aus welchem Beweggrund ihr eure Songs auf Englisch präsentiert?

Udi: Ich denke, auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Zum einen gehören wir zu den Leuten, die als Israelis zum anderen Teil der Welt kommen wollen. Wir haben tiefe Wurzeln in unserer Heimat, aber wir wollen uns auch den anderen Kulturen öffnen, besonders eben was die Musik und Traditionen in anderen Gegenden anbelangt.

Udi: Das stimmt. Wir werden mit zweierlei Einflüssen erwachsen. Zum einen ist das die israelische Kultur. Aber auch mit anderen, westlichen Inhalten. Viele TV-Shows, Filme und andere visuelle Beiträge werden uns in Englisch vorgetragen. Damit sind wir großgeworden. In den Filmen sehen wir dann die hebräischen Untertitel, aber das Englisch verstehen wir inzwischen als wäre es unsere Muttersprache. Man wächst da einfach rein.

Uri: Das Wichtigste ist aber, dass wir im Kontakt mit der Welt sein wollen, dass wir auch von Israel aus eine Nachricht in die englischsprechenden und westlichen Länder senden wollen.

MiD: Wenn ihr auf die Bühne tretet, was bewegt euch dann innerlich?

Udi: Uns alle bewegt der Wunsch, Brücken zu bauen. Wir als Band haben keine spezifische Nachricht. Wir haben viele kleine Nachrichten, die von uns als Menschen kommen. Wir fühlen, dass wir in einen kulturellen Austausch kommen wollen, und Leute aus aller Welt treffen wollen. Dieser Wunsch wird immer stärker, jetzt, da wir mit den eigenen Liedern bereits durch die Welt reisen dürfen. Für uns ist es genial, einfach mal auf die Reise zu gehen und neue Leute zu treffen.

Uri: Dem stimme ich zu. Das ist uns selbst nicht ganz so klar, was uns bewegt, wir machen einfach mit. Und es kann jede Nacht anders sein. Ich denke, jeder einzelne von uns will einfach mit Leuten resonieren, und in Kontakt mit anderen Bräuchen kommen, über das Leben hier vor Ort hören. Wir bringen unsere eigenen Erfahrungen mit dem Leben auf die Bühne. Um zum Beispiel auch nach dem Konzert darüber sprechen. Das passiert oft, und das ist gut. Wir erhalten uns oft musikalisch wie in Gesprächen nach den Shows über die verschiedenen Arten von Liebe, die unterschiedlichen Ängste, die ein Mensch fühlen kann. Auch eben über Schmerzen, die gerade die junge Generation durchsteht.

The Angelcy CD coverMiD: Auf dieser Tournee dürft ihr euren ersten Plattenvertrag mit Sony feiern, gleich für die ersten Aufnahmen, die ihr gemacht habt. Wie fühlt sich dies an? Wie ist es zu eurer Platte gekommen?

Uri: Wir freuen uns über all diese Sachen. Vor allem, dass wir gleich unser erstes Album auf dem Label Jive Epic produzieren konnten, einer Sony-Tochter. Bevor wir ins Studio gegangen sind, hatten wir die Songs schon sehr lange performt gehabt. Gerade unser Sänger würde es so formulieren, dass die Lieder eine Verschmelzung seiner Arbeit darstellt, die sich über die Jahre zusammengetragen hat. Die Band hat zwei, drei Jahre zusammengespielt, bevor wir daran gedacht haben ins Studio zu gehen. Wir haben in Litauen und Deutschland damals schon erste Konzerte gespielt, ohne eine CD in der Tasche zu haben. Sozusagen als Generalprobe, zum Austesten. Jedes Mal, wenn wir in die Länder zurück kamen, wurden es mehr Leute, die unsere Musik hören wollten. Das ist ein geniales Gefühl!

Udi: Die Studiosessions waren lang und fast schmerzhaft. Das Entstehen des Albums war ein schwieriger Prozess, wir vergleichen es immer mit der Geburt eines Kindes. Wir haben drei verschiedene Studios ausprobiert. Eins war nicht so ganz auf unserer Wellenlänge, weshalb wir viele Tracks wiederholt eingespielt haben. Insgesamt waren drei Mixer am Start. Es fühlte sich irgendwie dramatisch an, wie die CD so langsamschrittig geworden ist. Es war alles sehr aufwendig. Wir hatten Unterstützer über Crowdfunding, zum Schluss reichte das aber nicht. Wir haben dann jeder persönlich investiert, damit wir die Musik veröffentlichen können. Wir als Musiker finden, dass unsere Kunst niemals fertig ist. Weshalb es uns schwer gefallen ist, den Release, also die Veröffentlichung zu akzeptieren. Rotem sagt, wir haben das Album nicht veröffentlicht, sondern einfach nur abgeschüttelt.

Uri: Aber wir wollen, dass sich unsere Musik auch jetzt nach dem Festhalten unserer Aufnahmeversion der Songs weiterentwickeln darf. Unsere Songs dürfen atmen und wachsen. Das ist uns sehr wichtig. Und ich glaube auch, dass es das ist, was unsere Zuhörer mögen – egal, ob wir in einer großen oder kleinen Bühne spielen. Egal wie viele Menschen da sind, wir wollen die Herzen unseres Publikums öffnen. Uns sind diese kleinen Shows vielleicht sogar noch wichtiger als die großen Festivalauftritte.

MiD: Ich danke euch für eure Zeit, und wünsche euch alles gute für eure weitere Tournee!

Mehr Infos zur Band findet ihr auf ihrer Homepage.

Fotos: PR / Wolfgang Kreher

 

22.02.2016Allgemein, Features, Interviews, Neue Aufnahmen