Musikwelten aus der »Stadt der Winde«

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Musikwelten aus der »Stadt der Winde«

Kaum jemand vereint die Essenz der Kulturregion rund um Triest und Friaul Julisch-Venetien mehr in sich als Alfredo Lacosegliaz. Der Künstler, ein Kind slowenischer Eltern (der Name »Lakoseljac« wurde italianisiert), lebt und arbeitet in der ehemals österreichischen, seit Ende des Ersten Weltkrieges italienischen Hafenstadt, die vom Schriftsteller Veit Heinichen »Stadt der Winde« genannt wurde. Von Anfang nahm Lacosegliaz alle multikulturellen Einflüsse der Großregion auf, was seine Aktivitäten als Musiker und Textdichter geprägt hat.

Foto: Archiv LacosegliazFoto: Archiv Lacosegliaz

Nach allerersten, jugendlichen, eher rockigen Musikprojekten in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre gehörte Alfredo Lacosegliaz in der Mitte der siebziger Jahre zu den Mitbegründern der Triestiner Gruppe Giorni Cantati, für die er auch die erste LP mit einspielte. Diese Gruppe – sie existierte etwa 1974 bis 1979 – war ein typisch Triestiner Kind. Sie zählte zur sogenannten Folk Revival-Bewegung und spiegelte die Musik aus Julisch Venetien wider, Klänge verschiedener Nationalitäten, Italiener, Slowenen, Kroaten, Rumänen, Deutsche, Juden aus der Gegend zwischen den Julischen Alpen und dem Golf von Triest, zwischen Venedig und Istrien, gesungen in den jeweiligen Sprachen oder im Venetisch-Triestiner Dialekt. Das Repertoire der Gruppe bestand aus Volksliedern und populären Melodien aus der Zeit um die Jahrhundertwende, teils mit deutlich politischem, manchmal mit Gassenhauer-Charakter, manchmal wie Tänze klingend, immer im Volke wurzelnd – eben traditionelle Musik.

Nach seinem Ausstieg aus diesem Ensemble folgten erste Plattenaufnahmen unter eigenem Namen, bevor Alfredo 1978 in Mailand das Ensemble Gruppo Folk Internazionale mitbegründete, aus dem dann das berühmte Ensemble Havadià hervorging. Mit diesen Musikanten gab Multiinstrumentalist Lacosegliaz zwischen 1979 und 1981 viele Konzerte in europäischen Ländern, darunter in Deutschland in Städten wie Hamburg, Köln oder Tübingen. Die Band war der Bewegung »Rock in Opposition« zugehörig. Die Nähe zur Theatermusik, zum politischen Lied und zum Chanson, in die sich das Ensemble Havadià hinentwickelt hatte, führte zu einer Zusammenarbeit der Musiker aus Italien mit Wolf Biermann und dessen Frau Eva-Maria Hagen; Alfredo Lacosegliaz arrangierte damals vier der zwölf von Biermann stammenden Titel der LP »Ich leb mein Leben« Eva-Maria Hagens, die die Sängerin mit dem Ensemble Havadià 1981 aufnahm. Nur wenige Monate darauf schrieb Alfredo Lacosegliaz drei der fünf Kompositionen für das Theaterstück »Spiegel« (»Specchi«); diese Bühnenmusik, eingespielt ebenfalls vom Ensemble Havadià,  erschien 1982 auf einer 12-Inch-Vinyl-Platte. Kaum war diese Scheibe veröffentlicht, zerfiel das Ensemble. Alfredo Lacosegliaz wandte sich anderen, eigenen Projekten zu.

Mit seiner CD »Dom Taty Tomka« (1997 – »Das Haus des Vaters des kleinen Tom«, ein polnischer Zungenbrecher) präsentiert Alfredo eine klingende Reise von Mitteleuropa bis in die Levante. Klezmer, Balkanisches, Italienisch-Triestinisches, kroatische Klapa-Sounds, arabisch angehauchte Perkussion, Griechisches und mystische Oud-Klänge lassen diese Musik zu einem »vielfarbigen« Erlebnis werden. Im Laufe der Jahre komponierte Lacosegliaz zahlreiche Film- und Theatermusiken (darunter die Musik für fast alle Bühnenstücke von Moni Ovadia, einem aus Plovdiv stammenden jüdischen Musiker, Schauspieler und Stü-ckeschreiber), Lieder, Musik für Klanginstallationen sowie Vertonungen von Texten berühmter Schriftsteller und Lyriker. Von 2004 bis 2009 war er künstlerischer Direktor der »Tage der Kunst« in Triest.

Für das Bühnenprogramm »La Luna la Contarà« (2003 auf CD erschienen), das in wundersamer Weise alte Märchen und Sagen aus Istrien vorstellt, schuf Lacosegliaz die Musik, führte Regie und arbeitete als Dramaturg.
In spezieller Weise widmete sich der Triestiner Musiker der Kunst seiner Region mit einem Lyrik-Musik-Projekt im Jahre 2008. Hier hat Lacosegliaz eigene Musik zu Texten der Dichter Pier Paolo Pasolini, Carolus L. Cergoly und Srečko Kosovel, die für diese Region besonders wichtig sind, komponiert und eingespielt. So entstand die CD »Tre poeti del Friuli Venezia Giulia«. Mit seiner CD »Panduro« (2010) knüpfte Lacosegliaz an frühere Projekte an. Auch hierbei handelt es sich um eine wilde musikalische Galoppfahrt durch verschiedene Regionen zwischen Norditalien und dem Nahen Osten. Dabei beschreibt er sinnbildlich auch Widersprüchliches seiner Heimatstadt Triest. Die Panduren, ursprünglich im Österreich-Ungarn Maria Theresias gewaltsam wütende paramilitärische Einheiten, die die Adligen auch zum Schutz ihrer Güter und Paläste einsetzten, sind hier im Triest der Gegenwart steinerne Krieger-Plastiken über den prachtvollen Eingangsportalen der Stadtvillen, die symbolisch die Palazzi beschützen sollen und die ständig durch den »modern way of life« beleidigt werden, weil sie, wie Lacosegliaz schmunzelnd sagt, machtlos mitansehen müssen, wie junge Leute ihnen an die Grundmauern pissen.

Aktuell erschien im Jahre 2011 das Hörbuch »La Cotogna di Istanbul« von Paolo Rumiz, der als mehrfach preisgekrönter Journalist und Schriftsteller zahlreiche Reportage-Reisen – teils mit dem Fahrrad – auch durch die Balkanstaaten unternahm. Die Musik dazu hat Alfredo Lacosegliaz beigesteuert; sie umspannt wiederum den volksmusikalischen Raum von Italien bis in den Nahen Osten, hat aber auch kammermusikalische Momente.
Das gesamte literarisch-musikalische Programm – also Textvortrag und Musik – des Hörbuches wird auch live als Bühnenstück aufgeführt. Mit seinem Duo WindRose bringt Alfredo Lacosegliaz die Vielfalt seiner über Jahrzehnte geschaffenen Musik konzentriert auf die Bühne. Melodien und Rhythmen sind reduziert auf das Wesentliche, Lacosegliaz selbst nennt dieses Programm »eine Unterhaltung zwischen Tamburitza und Violine« (Cristina Verità). Und diese Unterhaltung widmet sich der Multikulturalität der Stadt Triest und der sie umgebenden Region, ein witziges, augenzwinkerndes »Gespräch«, das von Klugheit, geschichtlichem Bewusstsein und – zuallererst – von mitreißendem Musikantentum zeugt. »Mit der Einladung zu Konzert und Diskussion hat mir das Italienzentrum der TU Dresden die Möglichkeit gegeben, erstmals seit 35 Jahren wieder in Deutschland mit meiner Musik aufzutreten«, freut sich der Allround-Künstler aus Triest.

Konzert WindRose

Alfredo Lacosegliaz, Tamburizza, Perkussion, Gesang
Cristina Verità, Violine, Gesang
Freitag, 29. Januar 2016 (19 Uhr, Einlass 18.30 Uhr),
Jazzclub Tonne, Tzschirnerplatz 3-5, 01067 Dresden



Das Konzert bildet den Auftakt für das wissenschaftliche Kolloqium »Alte Heimat, neue Heimat. Erinnerung in Literatur und Landschaft des Grenzraums« am 30. Januar 2016. 
Beide Veranstaltungen können unabhängig voneinander besucht werden.

04.01.2016Allgemein