Ihr tanzt ja!

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Ihr tanzt ja!

Gestern gab die Sängerin Lucy Rose ein Gastspiel im Beatpol Dresden. Sie zog eine Menge musikbegeisterter Leute in den Musikclub, und punktete mit ihrer Mischung aus fragil gesungenem, aber kraftvoll gespieltem Indie-Pop. Dass so viele kamen, war ganz entgegen Lucys Erwartungen. Und dann tanzten sie auch noch…

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Mit “Like an Arrow” startet Lucy Rose in ihr Programm. Der Melodieverlauf des berührenden Popsongs hat etwas Verspieltes, der Liedtext etwas Kraftvolles. Die zarte junge Dame hinter dem Mikrophon wirkt entspannt, und performt gemeinsam mit ihrer vierköpfigen Band ihren unaufgeregt schönen Indie-Pop, wobei alle Titel vom aktuellen Lucy-Rose-Album „Work It Out“ (Columbia) stammen. Eine angenehme Stimmung macht sich im Beatpol breit.  Die Zuhörer finden sich scheinbar sofort in die Musik hinein, und tanzen ausgelassen. Stramme Beats von der insgesamt fünfköpfigen Formation gehen gut in jedermanns Beine, und stellen einen kraftvollen Kontrast zur fragilen Stimme von Lucy Rose dar. „Ihr tanzt ja!“ freut sich die Sängerin aus dem britischen Warwickshire. „Meine Freundin aus München hatte mich schon gewarnt, dass man in Deutschland nicht so oft tanzt, aber ihr beweist das Gegenteil!“

LucyRose5aWer die Platte kennt, wird sicherlich neugierig ins Konzert gegangen sein. Sich gefragt haben, wie die Elektrobeats,  die „Work It Out“ so interessant machen, live performt werden können. Die Instrumentalisten an Bass, Keys, Drums und Gitarre erfüllten diese Aufgabe gestern sehr gut. Auch Lucy hauchte nach Hauptphrasen in ihren Melodien kleine Echos nach, als stünde sie gerade im Studio, um ihren eigenen Background einzusingen. Und sie feuerte ihre Instrumentalisten mit deren interessant rhythmisierten Hintergrundsgesängen an. Lucy, die alle ihre Lieder selbst schreibt und besonders stolz auf die Songstories auf der aktuelle Platte ist, gelang es auf der Beatpol-Bühne genauso wie auf der Platte, ihre Erinnerungen und Gedanken in schönen Gesang umzuwandeln. Sie ist richtig gut. Jeder Griff auf der Gitarre sitzt, und der Gesang fließt gekonnt und wohlgeformt von ihren Lippen – sie spielt und singt, als hätte sie ihr Leben nichts anderes gemacht.

Ihre Ausstrahlung live ist faszinierend. Wenn sie das Publikum anspricht, hält sie es kurz und herzlich, manchmal wirkt sie fast schüchtern. Dann aber erzählt sie frei von der Seele hinweg, was sie auf dem Weg nach Dresden erlebt hatte, als würde sie mit ihrem besten Kumpel sprechen. Wenn sie singt, scheint sie die Welt um sich zu vergessen, und wird zur Performerin. Auffällig ist, dass der Sound der Stimme in allen Songs recht ähnlich, fast unaufgeregt bleibt, und den Stücken dadurch einen roten Faden verleiht. Mit ihrem eigenen Dynamik-Range schafft sie es so, mit kleinsten Veränderungen große Wirkungen zu erzielen. Genial. Der Gesang der 26-jährigen Sängerin hat etwas engelhaftes, zartes, weiches, unschuldiges. Die Britin tippelte gestern allerdings nicht nur zart von Song zu Song. In manchen kraftvollen Liedern rockte Lucy, ihre rotblonden offenen Haare wild umherwirbelnd, über die Bühne. Faszinierend, diese Mischung aus fragilem Gesang mit viel Hauch und weichen Stimmfarben, dagegen brodeln die Klänge der Band kraftvoll-rockig. Wer in den kommenden Tagen in Deutschland oder Europa (Münster, Köln, Brüssel, Rotterdam, Amsterdam, Paris) ihre Live-Show erwischen will, sollte sich unbedingt vorher anhören, was die 26-jährige mit dem Album „Work It Out“ zu erzählen hat. Und dann entspannt tanzend in die Live-Performance eintauchen.

LucyRoseDVor dem Konzert hat sich Lucy für ein Interview zur Verfügung gestellt, und etwas über ihr Songwriting, das Touren und ihren großen Traum erzählt.

Danke, dass du dir Zeit für das Interview nimmst! – Dein Album transportiert in jedem Song tiefe Emotionen. Wie hast du es geschrieben?

Lucy Rose (LR): Ich liebe es, Musik zu schreiben. Ich schreibe eigentlich die ganze Zeit. Schon als ich 16 war habe ich bereits Songs verfasst. Nicht um Musik auf ein Album zu bringen. Einfach für mich. Mit dieser Veröffentlichung hört ihr eine Weiterführung dessen, was ich in den letzten Jahren geschaffen habe, in diesem Lebensabschnitt, in dem ich jetzt bin. Ich habe nicht zuviel drüber nachgedacht. Die Lieder kamen mir auf natürliche Weise. Ich möchte nicht sagen, dass es leicht ist, Lieder zu schreiben. Es ist wahrscheinlich sehr schwer. Aber ich versuche es nicht anzuzweifeln, was da passiert, oder gar den Prozess zu verstehen. Es ist fast ein Wunder, ein Rätsel, warum die Sätze so aus mir herauskommen wie sie es tun. Wenn ich das Glück habe, dass ich mich selbst und andere damit anstecken kann, ist das genial. Und das ist das Schönste am Schreiben.

Gerade in den Break-Up-Songs hast du tief in dich selbst in dich hineingefühlt, und dich getraut Dinge zu formulieren, wie sie so eigentlich nie gesagt werden. Wie fühlst du dich damit?

LR: Ich denke, dass ich nicht unbedingt positive Songs schreibe. Ich beschreibe Situationen, erkläre sie. Und webe die beruhigenden und schönen Elemente mit hinein. Aber manchmal geht’s dir einfach nicht gut, manchmal gibt es etwas Beunruhigendes in deinem Leben, und du spürst, was du sonst nie spürst. Dann kannst du diese Gefühle oft auch gar nicht richtig beschreiben. Manche gehen so tief, dass jedem und egal wem die Worte fehlen, um sie zu fassen. Als ich diese Songs geschrieben habe, ging es mir anders, als ich mich eben im normalen Alltag fühle. Und wenn ich solche tiefen Gefühle beschreibe, können die Zuhörenden dann in den entstandenen Songs mitfühlen. Es scheint, auch wenn ich manchmal nur eine Handvoll Leute erreiche, dass diese mich dann aber richtig spüren können. Und die verstehen mich dann. Damit geht es mir sehr gut. Diese Verbindung ist dann nämlich auch tiefer, als hätte ich nur irgendeinen Song geschrieben. Daher schreibe ich aus mir selbst heraus, und über das was ich tief in mir drin fühle. Das macht auch das Schreiben von Songs schwer.

Wie meinst du das?

LR: Na, kein Job ist leicht, besonders. wenn du etwas aus dir selbst heraus schaffst.  Das ist echt schwer. Ich bin mir sicher, dass es genug Leute gibt, denen es nicht schwerfällt zu schreiben. Aber wenn es wirklich easy wäre, dann würden ja alle schreiben, es würde dann ja jeder tun. Musik ist so aufregend, es ist ein Beruf den ich gern ausführe. Ich kann mich mit vielen Menschen aus verschiedenen Regionen und Kulturen, Religonen und Gefühlen verbinden, und Zuhörer können damit etwas anfangen. Versuch mal, einen Song zu erschaffen, mit dem wirklich viele Leute etwas anfangen können, das ist die Kunst dahinter. Um es kurz zu fassen, du könntest viele Songs auf ziemlich einfache Weise zu schreiben, aber ich denke es ist sehr schwer, einen wirklich guten Song zu schreiben. Und dort komme ich wieder zu dem Punkt, wo ich beim Komponieren immer versuche es auf den Punkt zu bringen, wie ich mich fühle. In wenigen Worten, auf eine Weise, wie es noch keiner gesagt hat. Manchmal spiele ich und spiele ich und nichts passiert. Aber manchmal kommt dann eben der eine Song, auf den man gehofft hat.

Was möchtest du mit deinen Liedern erreichen?

LR: Ich schreibe die Musik zuerst einmal für mich selbst. Es gibt dann immer mal Dinge, die ich einfach für mich selbst ausdrücken möchte. Das ist so auch eine Art Therapie für mich. Ich schreibe, um mich selbst zu verstehen. Jetzt schreibe ich natürlich auch als Beruf. Ich möchte, dass diese Schiene, auf der ich gerade fahre, weitere Gleise gelegt bekommt. Es ist nicht immer leicht. Manchmal habe ich Angst, dass es nicht weitergeht. Ich möchte, dass meine Karriere noch weiter führt, ich möchte meinen Beruf so lange ausführen wie ich kann. Einfach, weil ich es liebe, Musiker zu sein. Die Songs sind auch Gleise geworden. Die Menschen, die ich erreichen will, sollen meine ehrlichen Gedanken hören, als Mensch. Das ist für mich der Weg, um eine Kommunikation zu schaffen. Ich verfolge im Übrigen den Erfolg der Platte auch nicht im Detail. Ich mache Musik nicht, nur um Erfolg zu haben. Ich mache Musik aus meinen eigenen Emotionen heraus. Meine Lieblingskünstler zum Beispiel haben mich mit deren Songs erreicht, und für mich sind sie Helden. Für andere Leute mögen sie nicht wichtig sein, aber durch Lieder erreichen sie mein Herz und berühren mich. Das ist die Kraft, die Songs haben.

Inwiefern ist dein zweites Album anders als das erste?

LR: Es hat mehr Drive, aber es zeigt mich. So wie ich eben jetzt bin. Es zeigt dir meinen Lebensabschnitt, den ich gerade lebe. Die Alben verändern sich mit mir, weil ich ja über mein Leben schreibe, so ehrlich wie es nur geht. Genauso wie mein erstes Album anders gewesen ist, wird auch mein nächstes Album die Person aufzeigen, die ich dann sein werde. Ich könnte dir auch nicht sagen, welcher von den zwölf Songs auf „Work It Out“ mein Lieblingslied ist. Das ändert sich täglich.

Hast du Musik studiert?

LR: Nein, ich habe mir aber das Gitarrenspiel selbst beigebracht.

Du bist mit einer Band unterwegs – ist das deine Band?

LR: Ich hatte die neuen Songs geschrieben, hatte sie in meinem Kopf, und auch schon ein paar Arrangements. Ich wollte die Lieder einfach nur live spielen und ausprobieren, und habe daher ein paar Freunde in London angesprochen. Jetzt bin ich mit ihnen auf Tournee, das ist schon echt cool.

Und wie hast du deinen Produzenten Rich Cooper kennengelernt?

LR: Ich habe mit Rich, da der Produzent meines ersten Albums nicht verfügbar war, die Musik für einen TV-Spot eingespielt. Die Einnahmen von diesem Spot haben es auch ermöglicht, dass ich für mein zweites Album ins Studio gehen konnte. Ich wollte das Cover zuerst nicht aufnehmen, aber es lag mir sehr am Herzen, das zweite Album zu ermöglichen. Obwohl auch Rich lieber einen meiner eigenen Songs aufgenommen hätte, klickte es zwischen uns sofort. Die eigenen Sachen habe ich dann danach mit ihm produziert. Als ich das Resultat gehört habe, wusste ich aus dem eigenen Bauchgefühl heraus, dass das zweite Album mit ihm passieren muss.

Wer von euch beiden hat über die Mischung zwischen Elektro und akustischen Instrumenten entschieden?

LR: Es war eine Kollaboration. Ich vertraue ihm sehr, und habe mich auf seinen Instinkt verlassen. Ich wusste zwar wie ich die Lieder haben wollte, aber letztlich ist die Platte ein Produkt von zwei Menschen. Wenn du dich entscheidest, mit jemandem zu arbeiten, dann verlässt du dich auf seine Entscheidungen. Dieses Vertrauen ist die Basis, um in ein Studio zu gehen.

Erzähl uns von deiner Tour!

LR: Ich bin schon drei Wochen unterwegs. Es fühlt sich genial an. Ich habe tolle Orte kennengelernt, Es ist schön, hier in Deutschland zu sein. Zum Beispiel was die Show in Erfurt angeht. Es ist klasse, dass dort eine surreal große Crowd in das Konzerthaus gekommen ist. Obwohl ich da noch nie vorher gespielt habe. Und Dresden, das war schon ne Nummer. Ich guck so eine Woche vorher auf den Tourneeplan und sehe, dass null Tickets verkauft sind. Da hab ich meinen Booking-Agent angerufen, ob das so stimmt, was da los sei. Bis heute habe ich ja aber keine Antwort erhalten, nur hier vor Ort haben wir rausbekommen, dass es nur Karten an der Abendkasse geben wird. Touring ist aber vor allem spannend, wenn ich die Leute dann treffen kann, die es in mein Konzert gelockt hat. Meine Musik ist ja sehr ehrlich, ich präsentiere auf dem Album die Person, die ich denke, die ich gerade bin. Es ist eine interessante Kommunikation. Wir in der Band waren alle sehr erfreut, dass wir bei euch in Dresden spielen konnten. Und auf jeder Show waren bisher sehr nette Leute und haben mich auf Songs angesprochen. Ich finde es genial, wenn Leute wegen einem Song kommen, mich ansprechen und mir Fragen stellen. Mich macht es glücklich, Leute zu treffen, die wirklich Interesse und Herz haben. Und hier in Deutschland habe ich wahrhaftig aufrichtige Leute kennen gelernt. Und auch Kids, die mich über das Internet entdeckt haben, und die sich die Zeit nehmen, genau hinzuhören.

Hast du einen Traum?

LR: Ich möchte meinen Beruf so lange machen, wie es geht. Und ich möchte bei mir selbst bleiben. Aber man weiss ja nie, wie man sich so verändert. An einem Tag möchtest du dies oder das. Was du vom Leben möchtest. Am Folgetag willst du vielleicht etwas ganz anderes erleben. Wie zum Beispiel in einem Haus an einem schönen Strand leben, und dir über nichts mehr Gedanken machen zu müssen. Das Leben ändert sich ja dauernd. Auf meinem Album hast du auch zwölf Songs, das sind zwölf Perspektiven auf mein Leben, auf meine Persönlichkeit.

Wir danken dir für das Interview, und wünschen dir noch eine schöne Tournee!

 

Fotos: Marion N. Fiedler

 

01.10.2015Allgemein, Interviews, Rezensionen