Kleine Eiszeit

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Kleine Eiszeit

Beim Anblick der neuen CD des Ensembles „La Folia“ läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken. Nackte, geigende Engel vor stechend blauem Hintergrund? Sollte das Cover als Provokation gedacht sein, ist es gelungen. Etwas Entspannung erlaubt das auf den Innenseiten informativ und optisch wesentlich ansprechender gestaltete Beiheft. Nach der Darstellung des Ensembles und des Solisten wird der Hörer eingeladen, sich die Umstände der Entstehung der aufgenommenen Werke zu verdeutlichen. Diese Einstimmung auf die Epoche und das Umfeld enthält dann auch den Hinweis auf die sogenannte „kleine Eiszeit“, die während dieser Zeit in Europa das Klima bestimmte und beispielweise in Venedig das Zufrieren der Lagune bewirkte, worauf Antonio Vivaldi in seinen „Vier Jahreszeiten“ möglicherweise Bezug nimmt. Dementsprechend hoch sind die Erwartungen beim Hören. Und hier lauern dann wirklich eisige Überraschungen.

Das grundsätzliche musikalische Gestaltungkonzept von La Folia beruht auf dynamischen Kontrasten; „schroff“ und „draufgängerisch“ nannte der Konzertmeister Robin Peter Müller die Herangehensweise seines Ensembles einmal im Interview. Dass das Ensemble hauptsächlich auf Effekt durch Attacke und Klangschärfe baut, geht auf Kosten von Eleganz und emotionaler Expressivität, die der italienischen Barockmusik ebenso innewohnen wie die stark extrovertierte Gestik.

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Gerade die Welterstaufnahme des Brescaniello-Konzerts profitiert vom guten Zusammenspiel im Ensemble. Faszinierend dort das Duett zwischen Solopart und 1. Tutti-Geige, deren Nennung das Booklet leider verschweigt. Das Zuspielen der Bälle zwischen den Musikern entfaltet seine Wirkung besonders in den Ecksätzen. Indes bleibt der Gesamteindruck von dieser Komposition etwas blass gegenüber anderen Werken, die in dieser Epoche für die berühmte Dresdner Hofkapelle und deren Umfeld entstanden.
Womit wir beim Standardrepertoire wären. Die „Vier Jahreszeiten“ gestaltet das Ensemble sensibel und klanglich vielseitig. Die Aufmerksamkeit des Hörers wird durch reizvolle Ideen gefangen wie das Hinzufügen eines Bordun-Basses (3. Satz „Frühling“), quasi improvisiert angelegte Solopassagen (3.Satz „Sommer“) und perkussiv gespielte Orchesterparts (1.Satz „Frühling“ und „Winter“). Erwähnenswert die klanglich faszinierenden Einwürfe der Bratsche im 2. Satz des „Frühlings“. Klangschichtungen wie im Mittelsatz des „Herbsts“ zeigen, welches klangliches Potential dieses Ensemble besitzt. Bedauerlich, dass es zugunsten der motorischen Aspektes so wenige Entfaltungsmöglichkeiten eingeräumt bekommt. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die breite Klangpalette der Darmsaiten nicht ausgenutzt wird. Bei einem Ensemble, das mit historischen Instrumenten konzertiert, ist diese Beschränkung verwunderlich. Und über die Dauer der CD läuft eben auch das Zurücktreten der Tutti-Passagen zugunsten des barocken Concertare-Prinzips Gefahr, in die Gleichförmigkeit abzurutschen.

muellerMein persönlicher Favorit auf dieser CD: der innig und mit warmem, lebendigem Ton gespielte 2. Satz des „Winters“, der endlich einmal nicht mehr die eher unangenehmen Aspekte einer Eiszeit in Erinnerung ruft, sondern auch die farbige Vielfalt der im Sonnenlicht glitzernder Eiskristalle, der nach dem Zurückweichen des Schnees erwachenden Natur vor dem nächsten Kälteeinbruch.  Eine Reise in exotisch blühende Klang-Landschaften verspricht auch der zweite Satz des D-Dur Konzertes. Eine wunderbare Idee, den Satz mit Anklängen an Harmonik und Spielweisen zu bereichern, die man aus Sinti- und Romamusik kennt. Endlich darf die Sonne die von Eis und Schnee scharfen geschliffenen Kanten in weiches Licht tauchen und man ist auch eher bereit, kleine Intonationstrübungen als Farbnuancen anzusehen.

Die Akustik des Japanische Palais‘ bietet sicher eine angenehme Spielsituation für die Musiker, ohne die Notwendigkeit digitaler Effekte für eine natürliche Raumwirkung. Gleichzeitig offenbaren sich auf dieser CD aber auch die Tücken dieses Saales: so sind Übergänge von Solo- zu Tutti-Abschnitten häufiger unpräzise, und auch innerhalb des Ensembles verbinden sich parallele Passagen nicht immer ganz nahtlos. Schade zuletzt, dass die Continuo-Gruppe von der Abmischung her speziell in langsamen Sätzen oft im Hintergrund agiert. So sind beispielweise Orgelpunkte im D-Dur-Konzert nah an der Grenze zum Unhörbaren gehalten.
Am ärgerlichsten jedoch sind die Intonationstrübungen speziell bei den virtuosen Soloparts von Robin Peter Müller. Angesichts der erwähnten hervorragenden akustischen Bedingungen bleibt es nicht nachvollziehbar, warum die Aufnahme am Ende doch mit so wenig Sorgfalt erstellt wurde, zudem ein Making-of-Film,  der der SACD nach einiger Mühe ebenfalls zu entlocken ist, bestätigt, dass dieses Problem während der Aufnahmen bekannt war! In Konzertauftritten mag die Nachlässigkeit mit engagierter Spielweise und dem Gesamterlebnis des Auftritts verrechenbar sein; auf CD trübt es auch nach wiederholtem Hören den Gesamteindruck. Und das im Beiheft hervorhebend erwähnte Spiel „aus Reproduktionen des Erstdruckes“? Es entpuppt sich im Film als die Nutzung einer Urtext-Ausgabe der Bärenreiter Edition- eine absolut gängige Praxis.

So kommt jeder, der mit „Eiszeit“ hauptsächlich Frieren, harte Kontraste und Scharfkantiges assoziiert, mit dieser CD auf seine Kosten. Wer nuancenreiche Einspielungen schätzt, die neben starken Kontrasten auch feingliedrige und ausgewogene Expressivität bieten, der wird an La Folias geigenden Nackedeis keine rechte Freude haben.

Beate Schnaithmann

 

La Folia live in Dresden:

9. September 2015, 20 Uhr Fürstengalerie
Antonio Vivaldi: Il grosso mogul
Kaushiki Chakraborty (Gesang), Mehmet C. Yesilçay (Oud), La Folia Barockorchester, Robin Peter Müller (Violine & Leitung)

23. September 2015, 20 Uhr Schlosskapelle
ZEIT.RAUM.SCHICHTEN In Bearbeitung. Werke des italienischen Barock, adaptiert von Johann Sebastian Bach
ensemble polyharmonique, La Folia Barockorchester

04.09.2015Neue Aufnahmen