Lehnhoff: Ein Feingeist

Kolumnen

Lehnhoff: Ein Feingeist

lehnhoffNikolaus Lehnhoff war ein Regisseur von Weltgeltung. International gefragt und in seiner Ästhetik so ziemlich überall akzeptiert. In Dresden hat er nur drei Opern inszeniert, die europäische Erstaufführung von Jake Heggies‘ „Dead Man Walking“, den grandios besetzten „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi und zuletzt „L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe“ von Hans Werner Henze. Unvergessliche Musiktheater-Erlebnisse, die allzu rasch wieder aus dem Spielplan genommen worden sind.

Dabei ist jede Zusammenarbeit mit Lehnhoff ein Ereignis gewesen, war bereichernd, lehrreich und verlief stets ohne lautstarkes Debakel, wie es mit so vielen anderen „Star-Regisseuren“ geradezu an der Tagesordnung zu sein schien. War das mit ihm anders, weil er selbst sich eben nicht als einer dieser Stars gesehen hatte? Nikolaus Lehnhoff wusste doch durchaus um seinen Wert, um seine Qualitäten und um seinen hohen Anspruch. Das alles hatte mit Inhalt und Deutung zu tun, mit musikalischem Ausdrucksgehalt und inszenatorischer Umsetzung. Ein nobler Künstler des Musiktheaters.

Der Regisseur wurde 1939 in Hannover geboren und ist nun im Alter von 76 Jahren in Berlin gestorben. Er war der Ästhet unter den Top-Regisseuren, womöglich der internationalste unter den deutschen Musiktheaterheroen. Lehnhoff provomierte über den Humor in Richard Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ – weil niemand vor ihm drauf kam? Dem Schaffen des Leipziger Dichter-Komponisten blieb er zeitlebens verbunden. Insbesondere im Festspielhaus Bayreuth auf dem Grünen Hügel machte der Regisseur von sich reden. Als letzter Assistent von Wieland Wagner wurde ihm dort ein schwer lastendes Etikett angeheftet, dessen er sich aber nie lasterhaft bedient hatte. Im Gegenteil, Lehnhoff wirkte stets in jungenhafter Weise bescheiden. Obwohl die Opernwelt seit langem um seine Krankheit wusste, wirkte er juvenil bis fast zum Schluss. In seine Arbeit spielte die Demut vor dem Werk und vor den Protagonisten eine entscheidende Rolle. Eine seiner Lieblingssängerinnen war über viele Jahre hinweg Anja Silja, die er mit ebenbürtiger Klugheit in zahlreichen Produktionen einsetzen konnte; er hatte aber auch für seinerzeit junge Talente wie Nina Stemme, Michael Volle sowie Thomas Hampson beizeiten ein feines Gespür.

Unvergessen ist seine vehement vorgetragene Begeisterung für Diana Damrau und den damals noch kaum bekannten Juan Diego Floréz im Dresdner „Rigoletto“. Bemerkenswert zudem seine grandiosen Besetzungen und das gleichermaßen subtile wie eigenständige Herangehen an „Elektra“ und „Salome“ an der Oper Leipzig. Und als geradezu legendär gelten sein wesentlich früher herausgekommener Wagner-„Ring“ von San Francisco sowie dessen Neuinterpreation an der Bayerischen Staatsoper München, die unter Wolfgang Sawallisch in der Ausstattung von Erich Wonder binnen Wochenfrist gezeigt wurde. Ein Novum nicht um der Novität willen, sondern um die gesamte Tetraligie in ihrem ureigensten geistig-musikalischen Zusammenhang erlebbar zu machen. Noch lange davor sorgte sein Debüt an der damals von Rolf Liebermann geleiteten Opéra de Paris mit der „Frau ohne Schatten“ für Aufsehen (nicht zuletzt wegen der von Zeitzeugen als unvergesslich beschriebenen Besetzung mit Christa Ludwig und Leonie Rysanek).

Nikolaus Lehnhoff betrieb sein Inszenierungstum mit großer Selbstverständlichkeit ganz aus dem Geist der Musik heraus, hat dafür die passenden Stimmen gewählt und war auch auf die entsprechende Stimmung bedacht. So wählte er seinem Musikverständnis entsprechend die Ausstatter für seine meist ein bisschen edel wirkenden Produktionen: Deren Ästhetik musste sich mit Lehnhoffs Auffassung von der Wirkungskraft der jeweiligen Oper begegnen, dann wurde zumeist auch ein Ereignis daraus. Das bewies sich im klassischen Musiktheater von Wagner und Strauss ebenso wie bei Hans Werner Henze, Puccini, Poulenc und selbst bei einem vergleichsweise fragwürdigen Werk wie „Dead Man Walking“ von Jake Heggies.

Mit seinem Schaffen war der Feingeist Nikolaus Lehnhoff wie kein zweiter deutscher Opernregisseur weltweit wirksam, ist in Europa und Übersee gefragt gewesen, hat in Glyndebourne ebenso für Bewunderer und Schlagzeilen gesorgt wie in Salzburg und Baden-Baden. Ganz zuletzt hat er noch einmal in Mailand am Teatro alla Scala gearbeitet, um dieses Jahr zur Expo Puccinis „Turandot“ (die er einst mit dem Finale von Luciano Berio uraufgeführt hatte) herauszubringen.

Um auf sein Promotionsthema zurückzukommen: Humor war etwas, das man Nikolaus Lehnhoff auf den ersten Blick gar nicht zugetraut hätte. Doch im Gespräch – und auch bei den Probenarbeiten – entwickelte der Regisseur einen feinen und höchst intelligenten Humor Er war eben ein Feingeist, ein gebildeter zumal.

Beizeiten hatte er ein Gespür dafür eintwickelt, seine Arbeiten nicht nur in alle Welt zu exportieren, sondern sie auch für die Nachwelt zu erhalten. Was für ein Glück, dass zahlreiche Produktionen von Nikolaus Lehnhoff heute auf DVD vorliegen. Als zusätzliches Glück ist das zu seinem 75. Geburtstag im Henschel-Verlag herausgekommene Buch „Die Oper ist das Reich des Scheins“ von Birgit Pargner zu sehen: Darin finden sich nahezu alle Stationen und Inszenierungen von Nikolaus Lehnhoff nebst zahlreichen Fotografien und einem stimmungsvollen Porträt dieses Ausnahmeregisseurs.

31.08.2015Kolumnen