„Nationales Kulturgut“

Kolumnen

„Nationales Kulturgut“

Image (2)Es ist also doch noch nicht alles faul im Staate D. wie Deutschland, Vorname Bundesrepublik, wo die Kultur bekanntlich Ländersache und obendrein permanent gefährdet ist. Die fortwährende Kleinstaaterei äußerst sich nicht zuletzt darin, dass es hierzulande kein Bundeskulturministerium gibt und manche Schulzeugnisse jenseits von Ländergrenzen keine Note mehr wert sind.

Immerhin wurde aber vor 17 Jahren die Stelle eines Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geschaffen, die derzeit von einer Beauftragten wahrgenommen wird. Man stelle sich vor, von dieser Dame und/oder von ihren Referenten ginge die Idee aus, Musik unter gesetzlichen Schutz zu stellen. Das klänge ja beinahe wie Schutzhaft. Werke, die vor mehr als 70 Jahren entstanden sind, würden zu „nationalem Kulturgut“ erklärt – was Feingeister ganz böse an das Heilige Römische Reich deutscher Nation und vor allem an dessen schmutzige Widergänger erinnern könnte. „Wer Beethoven aufführt oder verfälscht oder aufgeführte oder verfälschte Werke von Beethoven im Ausland zum Klingen bringt, wird mit Ausreiseverbot nicht unter drei Jahren bestraft.“ So etwas könnte da drinstehen.

Als erstes würden vermutlich die Strauss-Erben auf solch eine Ankündigung reagieren und Garmisch-Partenkirchen einschließlich Teile des Freistaats Bayern expatriieren. Möglicherweise sogar die Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte (vulgo: GEMA) privatisieren. „Heldenleben“ und „Don Juan“, „Ariadne“, „Arabella“, „Elektra“ und „Salome“ gäbe es ab sofort nur noch gegen Bargeld. In Griechenland nicht ohne Vorauszahlung. Sodann kämen Stockhausen-Jünger auf die Idee, Kürten zum Grünen Hügel zu erklären, um von dort aus die Weltmarktpreise für elektronische Musik zu diktieren. Haydns „Kaiserquartett“ dürfte ab sofort nur noch in Regierungsvierteln erklingen, bis schließlich die Autoren von Klingeltönen die Ausfuhrbestimmungen für ihren Akustikmüll selbst reglementierten.

Die Wogen schlügen immens hoch, bis jemand den lautstarken Landratten glaubhaft erklärt, dass es erst einmal nur um einen Gesetzesentwurf geht. Damit sollte die Gefahr eines untergehenden Abendlandes also noch nicht sogleich verbunden sein. Aber wer hört schon auf Kassandra – und wer auf Realisten? Ein Entwurf ist ein Entwurf und sollte die Chance haben, diskutiert und womöglich auch nachgebessert zu werden.

Die Risiken fauler Kredite und voreiliger Kommentare sind dennoch nicht ohne. Siehe Sirtaki, Grexit und die auf israelischen Pulten verbotenen Banknoten aus Bayreuth. Was, der „Ring“ besteht gar nicht aus Banknoten, handelt aber davon? Das hält einen bislang namentlich nicht bekannten Neutöner aus der deutschen Provinz nicht davon ab, seine Musik lautstark unter Kulturverdacht zu stellen und für den Export zu verbieten. Höchste Zeit, dass ein Herr Mehdorn das Kulturministerium übernimmt. Aber das gibt es ja gar nicht …

Schönen Kultursommer, bis nächsten Freitag –
Michael Ernst

19.07.2015Kolumnen