Klare Ansage!

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Klare Ansage!

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Was für eine kitzlige Angelegenheit die Neubesetzung einer Dirigentenstelle ist, davon konnten wir uns in dieser Spielzeit wieder überzeugen. Orchesterabstimmungen am geheimen Ort, Spekulationen über Vorlieben und Mehrheiten, schließlich der Anruf: „Maestro, würden Sie’s machen?“

Psychologisch höchst fragile Gebilde sind diese großen Sinfonieorchester, und potenziert stelle man sich besonders die außermusikalischen Diskussiönchen und Verwerfungen bei den ambitionierten Laienensembles vor. Da geht’s oft Mann gegen Mann, mit Zähnen und Klauen verteidigen die Alten ihre angestammten Positionen gegen die jungen Wilden, und dann noch dieser Dirigent, seufz!

Ob es nun an orchesterinternen Streitigkeiten lag, an persönlichen oder musikalischen Dingen: Fakt ist, die Dresdner Universitätsorchester schassten letztes Jahr überraschend ihre langjährige Leiterin Monica Buckland und setzten Probedirigate für die Nachfolge an. An Platz eins gesetzt wurde Filip Paluchowski, 1989 in Nürnberg geboren, ausgebildet an der Bischöflichen Kirchenmusikschule in Trier und gerade frisch diplomiert an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien. Im selben quirligen Neustadt-Café, indem der Autor die Vorgängerin begrüßte und etwas wehmütig aus Dresden verabschiedete, sitzt nun „der Neue“ – und gibt sich auf allersympathischste Weise völlig furchtlos. Die Besetzungs- und Richtungsdiskussionen, die seine beiden Orchester in den vergangenen Jahren immer wieder semi-öffentlich plagten, will er rasch hinter sich lassen. Ambitionierte, gut durchdachte Pläne legt er dafür auf den Kaffeetisch. Der Dirigent hat die Situation umfassend analysiert und einige Stellschrauben ausgemacht, an denen er beherzt drehen will. Als da wären: Motivation. „Die TU-Orchester haben als Laienorchester ja einen Vorteil, die Leute sind unglaublich engagiert. Jeder Einzelne spielt aus Passion“, sagt der Dirigent.  „Ich habe mich also mit dem Orchesterrat zusammengesetzt, wir haben das Programm ausgewählt und schwierige Stellen direkt besprochen. Über- wie Unterforderung führt dazu, dass sich der Spaßfaktor verringert. Das haben wir also jetzt besser im Griff.“ Zweiter Punkt: das künstlerische Selbstverständnis des Klangkörpers. Auch hier hat Paluchowski ein paar Ideen: er will die Orchester wieder stärker an die Technische Universität binden, er will zeigen: wir gehören zur TU! „Mir schwebt da verschiedenes vor: Vorlesungen mit Musik-Untermalung, chemische oder physikalische Experimente während eines Konzerts… Nur ein kleiner Prozentsatz der Dresdner Studenten kennt die Orchester, das kann doch wohl nicht sein!“ Womit wir beim dritten Punkt wären: der Wirkung in die Stadt hinein. Filip Paluchowski fragt: was können die beiden Orchester für Dresden leisten? Was kann sie hervorheben? „Braucht man uns, und wenn ja, warum? Es ist für mich kein ausreichender Grund zu sagen: wir wollen hier zusammen Spaß haben. Die Universität muss die Orchester in die Stadt schicken, eine Wechselwirkung herstellen!“ Erreichen will der Dirigent das auch über eine Imagekampagne, ein neues Logo, neue Plakate, eine bessere Öffentlichkeitsarbeit. „Beide Orchester sollen ein Gesicht haben; und unsere Hilfskräfte brauchen dafür auch mehr Eigenständigkeit in ihren Entscheidungen. Die Musiker müssen dem Vorstand und mir in diesen Dingen  vertrauen…“

Mit größter Liebenswürdigkeit macht Filip Paluchowski über seinem Grüntee  diese klaren Ansagen, berichtet, wie er persönlich in der Mensa den Kartenvorverkauf angekurbelt hat, wie er die großen Pultstars Christian Thielemann und Michael Sanderling angesprochen hat und sich Tipps holen möchte, wie er erste Dirigate außerhalb der Uni an Land gezogen hat und das Dresdner Kulturleben genießen, die Szene erobern will. Das große TU-Orchester und die Kammerphilharmonie dürfen viel von ihm erwarten. Und Dresden wird jetzt öfter von ihm hören. Willkommen, und gutes Gelingen, Maestro!

Der Artikel ist am 13. Juli in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

Nächstes Konzert der TU-Kammerphilharmonie:
Samstag , 18. Juli 2015, 19 Uhr, Lukaskirche Dresden
Klavier: Han-Gyeol Lie
Leitung: Filip Paluchowski

14.07.2015Interviews