Und siehe: Alles war gut

Kolumnen

Und siehe: Alles war gut

SommerpauseWir kennen das ja: Vorm Urlaub ist immer noch gaaanz viel zu erledigen. An Schulen und Universitäten wird rasch nochmal geprüft, was das Zeug hält, da geht es um Zeugnisse und Testate, das arbeitende Volk will möglichst schnell noch möglichst viel von den unerledigten Dingen abtragen, die Feuilletons geben Leseempfehlungen für die „schönste Zeit des Jahres“ und von den Pressesprechern der Politiker werden Geheimtipps wie Wolfgangsee und Wandern in Südtirol verbreitet. Aber was macht die Kultur? Sommerzeit ist Festspielzeit, und von Bayreuth über Salzburg und Verona hüpfen die Bettenpreise in die Höhe. So werden Kausalitäten gezeugt, von denen niemand nichts ahnte: Das Angebot regelt die Machtfrage.

Überraschungen aber gibt es diesmal zum Spielzeitschluss in Dresden, man staune und lese. Da wird flugs eine Intendantenfrage geklärt, und zwar so harmonisch, dass einige Stänkerer gleich völlig grundlos an das Dresdner Dorny-Debakel erinnern müssen. Statt dessen könnte man ja erst einmal ein unvoreingenommenes Willkommen aussprechen. Und als wäre die Vorstellung eines künftigen Staatsopern-Intendanten nicht schon ein absolutes Ereignis, das nicht zu toppen ist, setzt die Semperoper doch noch eins drauf und bilanziert ihre Saison 2014/15. Angesichts von mehr als 380 Vorstellungen wird zwar auch von einer sehenswerten Auslastung (knapp 91 Prozent) und einem nennenswerten Kostendeckungsgrad (über 40 Prozent) gesprochen, obendrein geht es aber um „Denkanstöße“, die von der Bühne aus erfolgen. Ja richtig, Theater hat eine gesellschaftliche Funktion, gerade in Zeiten wie diesen!

Wolfgang Rothe, der die Geschicke der Oper als Kaufmännischer Geschäftsführer und inzwischen auch als kommissarischer Intendant leitet, nahm in seiner Bilanz kein Blatt vor den Mund: „Pegida hat uns diese Spielzeit inhaltlich sehr bewegt und zeitlich in Anspruch genommen. Als klar wurde, dass sich da etwas entwickelt, liefen bei uns gerade die ‚Königskinder‘, in dem es auch um Ausgrenzung geht. Ballettänzer sagten mir, englisch zu sprechen in der Öffentlichkeit, damit hätten sie schlechte Erfahrungen gemacht. ‚Sprecht bitte deutsch‘, sagten sie ihren Freunden.“ Er wolle nicht ausschließen, dass auch unter den Mitarbeitern der Oper Pegida-Sympathisanten seien, allerdings habe sich niemand kritisch zu den Aktionen der Oper geäußert. Seine ausgesprochene Hoffnung „Wenn doch nur jede Spielzeit so erfolgreich sein würde!“ weckte durchaus Lust auf die Zukunft der Oper, für die er auch eine spürbare Änderung der Besetzungspolitik versprach. Finanziell sei das machbar: „Wir haben auch in der Vergangenheit künstlerische Budgets nicht ausgeschöpft. Da ist also noch Spielraum.“

Dazu passt irgendwie auch ein angekündigtes Gastspiel der Oper im finnischen Savonlinna: Mitte Juli wird die jüngste Neuproduktion der Semperoper im wohl schönsten Open-Air-Festival des Nordens zu sehen sein. Nicht nur Regisseur Johannes Erath und Dirigent Omer Meir Welber dürften sich über diese vier Vorstellungen im besonderen Ambiente der historischen Burg Olavinlinna freuen.

Eitel Freude auch am Staatsschauspiel, wo die Intendantenfrage ebenfalls gelöst ist, indem durch die Interimsspielzeit unter der Doppelspitze von Jürgen Reitzler und Wolfgang Engel ein sauberer Übergang von Wilfried Schulz auf Joachim Klement ermöglicht werden soll. Rückblickend erklärte der nach Düsseldorf wechselnde Schulz, dass mit einer Auslastung von gut 80 Prozent und einer weiteren Verjüngung des Publikums einmal mehr eine erfolgreiche Saison gestaltet worden sei. Geprägt von Gegenwartsstoffen, modernen Bearbeitungen der Klassiker und publikumsträchtigen Aktionen für Weltoffenheit – denn auch und gerade beim Sprechtheater sei man über die lange Sprachlosigkeit der Politik und den mangelnden Widerstand der Zivilgesellschaft enttäuscht gewesen: „Für uns war der Einbruch im Winter mit Pegida ein Schock.“

Dass am selben Tag wie Staatsoper und Staatsschauspiel auch noch die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zum Pressegespräch eingeladen haben, machte es den Vertretern der als „Lügenpresse“ verunglimpften Medien nicht eben leicht, sich zu sortieren. Doch wenn es den Museen um ein „Dresdner Kunstfest“ geht, sollte man sich schon mal sehen lassen. Zumal es auch in diesem Wechselspiel aus Bildender Kunst und Musik um einen weiteren Weg „hin zu einer frischen Innen- und Außenwahrnehmung der Stadt im Spiegel ihrer Kunst durch Musik“ gehen soll. Am 6. September geht’s los mit dem Kunstfest.

Dann erwachen die Orchester und Bühnen auch wieder aus der Sommerpause und beginnen die nächste Spielzeit. Bei der Elbland-Philharmonie wird es die dritte Saison nach dem Zusammenschluss zweier Vorgängerorchester sein. Man habe sich inzwischen gefunden und sei qualitativ sehr gereift, hieß es zu Wochenbeginn gegenüber der Presse. In der Tat wird nicht nur musiziert ohne Ende, sondern auf inzwischen wieder vertretbarem Niveau. Und mit gezielten Projekten für jugendliches Publikum komme der Klangkörper auch seinem Kulturauftrag nach.

Im Rückblick war also alles sehr gut? Ja, auch im Rückblick, und nicht nur in Dresden.

Schönen Urlaub wünscht –
Michael Ernst

11.07.2015Kolumnen