Manches Mal zu zaghaft

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Manches Mal zu zaghaft

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Das Konzert der portugiesischen Sängerin Mariza im Albertinum bildete gestern den Abschluss der 38. Dresdner Musikfestspiele. Melancholische Passagen, einige unerwartete Ausbrüche, Anekdoten von ihrem letzten Gastspiel in China und einige Kleidungswechsel: Mariza musste alle Register ziehen, um die leicht höflich-unterkühlten Dresdner für die Leidenschaft des Fado zu erwärmen. Am Ende jedoch klatschte der Saal im Rhythmus, während sie sich per Handschlag („Obrigado! Obrigado!“) von Dutzenden von Hörern verabschiedete.

Die nackten Zahlen des 2015er Jahrgangs: über 1.500 Mitwirkende musizierten in Dresden unter dem Festspielmotto »FEUER EIS« an 26 Tagen bei 48 Aufführungen an 23 Spielstätten. 11 Prozent mehr Zuschauer gegenüber 2014 besuchten die Konzerte, die zu 93 Prozent ausgelastet waren.  930.000 EUR nahm man aus Kartenverkäufen ein.

Stilistische Vielfalt war wohl eine der Konstanten der Musikfestspiele in diesem Jahr, denn das Motto wurde nicht nur über die Temperatur der Elemente Feuer und Eis bestimmt. Man zog auch die Himmelsrichtungen hinzu, so dass mediterranes Flair und skandinavische Herbheit nebeneinander standen – hatte das gastierende Orchester dann noch russische oder amerikanische Musik im Gepäck, passte dies ebenso. Manches allerdings gelang dann zu zaghaft oder zu plakativ: ein Residenzorchester, was sich schlicht auf einer Europatournee befindet, gerät dann ebenso zu einer Marke, wie eine „Bohème“ 2020, die nur am Rande Aufmerksamkeit findet und unter der Ägide „Wir machen mal was zusammen“ eher nicht das 21. Jahrhundert repräsentieren sollte.

Reich war der Jahrgang an Höhepunkten, die ausverkaufte Säle mehrfach zu Standing Ovations hinrissen – es ist die besondere Qualität der Musikfestspiele, dass Künstler von Weltrang im Mai ebenso nach Dresden finden wie auch Ensembles und Künstler, die es zu entdecken gilt – als Beispiel seien hier das Danish String Quartet und der Pianist Jan Lisiecki genannt. Manch im Klassikgeschäft populärer Künstler entpuppte sich dann aber auch als seichte Unterhaltung. Auch diese Erfahrung macht man während der Festspiele.

Als Höhepunkte des Jahrgang seien genannt: das Philadelphia Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin und das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Sir Antonio Pappano, die Barockorchester aus Helsinki und Venedig, das Schwedische Rundfunk-Sinfonieorchester mit Daniel Harding und Nikolaj Znaider und die Bamberger Symphoniker mit Christoph Eschenbach und Martin Grubinger. Im Kammermusikbereich sorgten u. a. das Quatuor Ebène, Avi Avital, Hélène Grimaud oder Olga Peretyatko für eindrückliche Erlebnisse. Für besondere Aufmerksamkeit sorgten auch Dresdner Künstler wie der Dresdner Kammerchor mit seiner Rossini-Aufführung, das Vocal Concert Dresden mit einer Ehrung für Mikis Theodorakis – oder, ein heimlicher Höhepunkt der Festspiele, das Heimspiel des Geburtstagskindes Peter Rösel, der sich den letzten Klaviersonaten von Haydn, Schubert und Beethoven im Palais im Großen Garten widmete. Eine spannende Auseinandersetzung mit einem anderen Spätwerk gelang Kent Nagano und dem Ensemble Modern in der VW-Manufaktur: dort erklang eine neue Ensemblefassung der Bernstein-Oper „A Quiet Place“.

 Alexander Keuk & Martin Morgenstern

Die Dresdner Musikfestspiele 2016 finden vom 05. Mai bis 05. Juni statt. Das Programm wird Ende September veröffentlicht.

08.06.2015Rezensionen