Vom klirrenden „grrrr“ bis zum feurigen „olé!“

Rezensionen

Vom klirrenden „grrrr“ bis zum feurigen „olé!“

An diesem Abend war einiges anders. Und um es vorweg zu nehmen: Die Entscheidung des Organisationsteams rund um den Intendanten Jan Vogler, statt einer typischen Eröffnung in der immer auch exklusiven, sprich exkludierenden Atmosphäre von schwerem Brokat und Goldpatina und dem zugegebenermaßen angenehm umschmeichelnden Samt großer Orchestersinfonik diesmal auf ein in jeder Hinsicht offenes Veranstaltungskonzept zu setzen, war mutig. Wagemutig geradezu. Aber es war eine gute Entscheidung. Das konnte man bereits im vom Abendlicht durchfluteten Eingangsbereich der Messe Dresden erleben. So jung war das Publikum der Dresdner Musikfestspiele im Durchschnitt vielleicht noch nie.

Ein loungiges Plätzchen... (Fotos: O.G.)Ein loungiges Plätzchen… (Fotos: O.G.)

Und ‚durchschnittlich‘ war es auch nicht hinsichtlich dessen Zusammensetzung, sondern es war so heterogen, vielfältig und auch unterschiedlich im Habitus wie die Stadt selbst. Spezielle Angebote für Familien und sozial Benachteiligte bis hin zur Einladung an Flüchtlinge machten deutlich, wie leicht Inklusion eigentlich im Konkreten zu verwirklichen ist. (Und selten war der Eröffnungsempfang hinterher so lebhaft-laut, bunt und unterhaltsam!) Sicherlich war es in der zur Klassik-Arena umgebauten Großen Messehalle mitunter etwas unruhiger, als man sich das für’s Zuhören wünscht.

Aber so ist es eben einfach, wenn man die Rede von der Zuwendung zu anderen, neuen Besucherkreisen und vor allem zu jüngerem Publikum ernst nehmen will und verwirklicht. Und angesichts der vielen Konzerte der kommenden Festspieltage wird ja auch der Freund der gediegenen Opern- und Konzertsaalatmosphäre noch auf seine Kosten kommen.

Gewöhnungsbedürftig, ambitioniert: die "Klassik-Arena" zum EröffnungsabendGewöhnungsbedürftig, ambitioniert: die „Klassik-Arena“ zum Eröffnungsabend

Kreischwürdig: Lil Buck

Der Abend war als Gala konzipiert, dessen dramaturgische Klammer die Begegnung von Peer Gynt und Carmen war. Waren wir also zunächst in der klirrenden Kälte der Halle des Bergkönigs, endete der Abend mit einer glühenden Carmen-Suite. Musikalisch lag die Eröffnung in den Händen von Ivor Bolton und seinem Festspielorchester. Vielleicht waren die Puristen unter den Klassikliebhabern mit der technischen Verstärkung des Klangs nicht glücklich – die hohe Qualität des Orchesters dürfte aber niemandem entgangen sein. Vor allem die Bläsersektion verdient eine besondere Würdigung. Das waren großartige Klangmomente und wunderbar sinnliche Soli. Wie insgesamt überraschende Hörerlebnisse eintreten, wenn man Edvard Griegs allseits bekannten Tonmalereien des „Peer Gynt“ einmal im Klangbild historischer Aufführungspraxis folgt. Vieles war transparenter, aber, wo gefordert, auch schroffer, ohne den notwendigen schwelgerischen Ton romantischen Musizierens zu verlieren. Unter Ivor Boltons tänzerischem und stets rhythmisch pulsierendem Dirigat gelang ein idealer Einstieg in den diesjährigen Festivaljahrgang.

Danach breitete sich in Windeseile ein gewisser Kreischfaktor im Saal aus, denn Lil Buck betrat die Bühne. Er ist einer der angesagtesten amerikanischen Streetdancer, der mit Stars wie Madonna auftrat, im Cirque du soleil begeisterte und auch schon Juror einer Tanzshow war. Seine Interpretation des „Schwans“ von Camille Saint-Saëns wurde auf Youtube fast drei Millionen mal aufgerufen und sorgte auch im analogen Modus der Liveperformance für einen Gänsehautmoment im Publikum. Nicht erst seit „Red Bull Flying Bach“ ist das Potential der Verbindung von Street Dance und klassischer Musik deutlich sichtbar geworden. Mit Lil Buck kommt da aber nun eine faszinierende Entschleunigung und Ästhetisierung dieser Verbindung jenseits aller sportlich-technischer Aspekte ins Spiel. Diesem Künstler künftig einmal einen eigenen Aufführungsabend zu widmen, wäre absolut wünschenswert. Der Schwan schwebte jedenfalls derart bezaubernd über den Tanzboden, dass Lil Buck mit tosendem Jubel verabschiedet wurde.
Danach betrat Simone Kermes die Szene. Mit ihrer Energie und Bühnenpräsenz wusste sie das Publikum zu begeistern. Und die Interaktion mit Ivor Bolton ließ spürbar den Funken zu den rund 2.000 Besuchern überspringen. Da hörten viele dann auch bereitwillig über ein paar Wackler im Zusammenspiel mit dem Orchester hinweg.
Gerade im Wechselspiel der Akteure im ersten Teil zeigt sich aber eine gewisse Problematik dieser Gala. Die einzelnen Künstler und Programmpunkte nahmen sich gegenseitig etwas Kraft weg. Die Programmpunkte waren so eigenständig in ihrer Ausdruckskraft, dass die Übergänge von Edvard Grieg zu Lil Buck und dann zu Simone Kermes mitunter recht harte Brüche waren, wo auch organischere Dramaturgie denkbar gewesen wäre. Aber angesichts des Festivalmottos „FEUER EIS“ muss das wohl einfach so sein.

Der zweite Teil der Eröffnungsgala gehörte dann über 100 Dresdner Schülerinnen und Schülern, die in einem Tanz- und Musikvermittlungsprojekt die Carmen-Suite von George Bizet einstudiert hatten und nun ihren großen Abend erlebten. Und so wurde er auch: groß. Das auch hier hervorragend agierende, temperamentvolle und energetische Festspielorchester soll keinesfalls übergangen werden, aber es kann ja am Sonntag noch mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sodass hier die jungen Tänzerinnen und Tänzer den Vortritt bekommen sollten. Es steckte so viel natürliche Energie, Gestaltungslust und allseits spürbarer Kunstanspruch in den 12-18-jährigen, dass die tänzerische Interpretation der Carmen mit wunderbaren Gruppenbildern und bemerkenswerten solistischen Sequenzen aufwartete. Glückwunsch an alle Mitwirkenden, die den Aufwand nicht gescheut haben – und das, obwohl einige ja ganz nebenbei im April und Anfang Mai auch noch Abiturprüfungen zu absolvieren hatten! Die Choreografin Monica Delgadillo Aguilar sprach unmittelbar vor der Suite von der kreativen Kraft der Veränderung, die vom Tanz ausgehe und die Schüler als Persönlichkeiten und junge Künstler gewandelt und gestärkt aus einem solchen Projekt hervorgehen lasse. Gerade auch, weil ein solches Projekt kulturelle und soziale Unterschiede letztlich als gänzlich irrelevante Größen erscheinen lässt, ging von der Aufführung ein wertvoller gesellschaftlicher Impuls aus. So können Kunst und Ästhetik politisch wirken ohne politisiert zu werden.
Einen Aspekt der Veränderung hatte die Choreografin nicht erwähnt: Vielleicht verließ ja auch das mit vielen Ehrengästen durchmischte Publikum etwas verändert diesen Abend angesichts eines offenen Konzepts, das dazu angetan war, die Rituale von Festivaleröffnungen spielerisch zu hinterfragen. In jedem Fall wurde deutlich, dass inklusive Konzepte und exklusive Abende kein Widerspruch sein müssen.

15.05.2015Rezensionen