Was bleibt, wenn er geht

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Was bleibt, wenn er geht

Thielemann-Berliner-Philharmonie

 

Was wurden in den letzten Monaten nicht alles für Kandidaten für diese Wahl ins Spiel gebracht. Berufene und weniger berufene Münder raunten sie sich zu, den „Renaissance-Punk“ Teodor Currentzis, die „Neue-Musik-Fräse“ Alan Gilbert, „nicht die schlechteste Option“ sei auch Riccardo Chailly, lasen wir. Dreißig Namen werden auf der Shortlist aller Shortlists stehen; vielversprechende Aufstreber wie Yannick Nézet-Séguin und altersweise Kämpen wie Riccardo Muti

Einige der heißesten Kandidaten haben in den letzten Wochen und Monaten versucht, sich mehr oder minder galant aus dem Spiel zu nehmen. Andris Nelsons fühlte sich eine Zeitlang zu jung – wollte das dann aber doch nicht als Absage verstanden wissen. Mariss Jansons will die Münchner Kulturpolitiker nicht so einfach aus der Pflicht entlassen. Daniel Barenboim will sich wohl die Bitternis, ein drittes Mal nicht gewählt zu werden, nicht antun. Und Kirill Petrenko gingen letztes Jahr scheinbar einfach die Nerven durch.

Und Christian Thielemann? Der ist aus diversen Rumpeleien früherer Jahre taktisch klüger und äußerlich gelassener hervorgegangen. Er hat verstanden: ein guter Dirigent muss vor allem mit sich selber zurande kommen. Allen, die ihn auf das Thema Berlin ansprachen, empfahl er schlicht: „Mund zu.“ Wohl hat er oft angedeutet zu wissen, wie gut es ihm in Dresden momentan geht, den Klang der Kapelle und den einzelner Musiker gepriesen. Auch von ihm existiert ein recht eindeutiges Statement: Vor einem halben Jahr sagte er im Gespräch, zwei Wochen Berliner Philharmoniker pro Jahr reichten ihm völlig aus. Und doch ist es sicher ein lang gehegter Traum des Berliners und Wahl-Potsdamers Thielemann, diese Pultposition einmal innezuhaben. So würde er sich den Avancen der Berliner wohl nicht verschließen: „Natürlich kann es passieren, dass mal jemand anruft“, scherzte er kürzlich, wohl wissend, dass er auch als der Kandidat gilt, der das Orchester (und vielleicht auch die Abonnenten) wohl am deutlichsten spalten würde in heiße Befürworter und kalte Gegner, in eine pro- und eine kontra-Fraktion. Sich an den Berliner Philharmonikern, ihrem Stolz und ihrer Geschichte zu reiben, wäre für Thielemann sicherlich ein ungleich schwierigerer Job als hier in Dresden, wo ihm das Publikum zu Füßen liegt, die Musiker seine Qualitäten öffentlich loben und die Mitarbeiter des Hauses alles tun, um für den vielbeschäftigten Maestro sämtliche internen Abläufe so reibungslos wie möglich zu gestalten.

Sollte Christian Thielemann am Montag zum neuen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker berufen werden, würde seine Dresdner Zeit als der Abschnitt seiner Karriere in Erinnerung bleiben, in der er mit einem Orchester am kompromisslosesten, am emotional intensivsten zusammengearbeitet hat, mit den entsprechenden und schon jetzt legendären klingenden Ergebnissen zuhause und auf Tournee, in Bayreuth (wo die Dresdner Kapellmusiker die größte Orchesterfraktion stellen) und zu Ostern in Salzburg. Wann immer Christian Thielemann in Dresden in den letzten Jahren ans Pult trat, wuchsen die Musiker der Kapelle über sich hinaus. Nicht alles gelang musikalisch, und sicher, es gab auch mal Abende, die einen ratlos zurückließen. Aber der Wille, alles, alles zu geben und gemeinsam mit allen Fasern, mit allem, was man hat und kann, für unvergessliche Musik zu sorgen, der war und ist in Dresden da. Das hebt die Verbindung dieses Orchesters mit diesem Dirigenten nach wie vor ab.

Auch, wenn sich die Berliner Philharmoniker am Montag für einen anderen Namen entscheiden, wird die Beziehung des Dirigenten zu seiner „Wunderharfe“ fortan eine andere sein. Eine geerdete. So kompromisslos und leidenschaftlich, wie sich die Staatskapelle in diese Traumehe geworfen hat, so hätte sie auch ein eindeutiges Liebesbekenntnis ihres Partners erwarten dürfen. Eines Dirigenten, dessen Ästhetik hörbar auf ihrem Höhepunkt ist, der auf den bedeutendsten Podien und in den wichtigsten Orchestergräben dieser Welt dirigiert, der in Salzburg, in Wien, in Bayreuth das Publikum zum Rasen bringt, ebenso in Japan und der neuen Welt. „Wer Christian Thielemann hören will, muss in Zukunft nach Dresden kommen“ – diese Ansage hätte dem Dirigenten die Dankbarkeit seines hiesigen Publikums eingetragen. Die Dresdner hätten ihn ein elbnahes Barockschlösschen beziehen sehen, in das er sich nach Tourneen und Konzertmarathons zurückgezogen hätte, anstatt sich ins Auto nach Potsdam zu setzen. Und sie hätte mit diesem grandiosen, gereiften, gelassenen Künstler eine lange, glückliche Beziehung auf der Konzertbühne, aber vor allen Dingen eben auch im Graben führen können, die ähnlichen Legendenstatus erreicht hätte wie die der Ehe zwischen Karajan und seinen Philharmonikern. Die sich dem schneller-höher-weiter heutiger Dirigentenkarrieren und ihren „Ehen auf Zeit“ selbstbewusst versperrt hätte, im Sinne von: hier stehe ich endlich, und will auch nicht mehr anders. So müssen sich die Musiker nun fragen, was dem Dirigenten noch zum vollendeten partnerschaftlichen Glück fehlen mag. Sind sie, die Thielemann gern als Schwesternorchester der Wiener Philharmoniker bezeichnet, den Vergleich mit den Berlinern aber immer vermeidet, seinen Ansprüchen in den Konzerten und Opernaufführungen am Ende doch nicht in allen Belangen gewachsen? „Ein Generalmusikdirektor alten Stils, der im Haus waltet und immer mal nach Wien oder Berlin fährt, das sehe ich in der jetzigen Situation als nicht lösbare Aufgabe“, sagte Thielemann im März über seinen Status in Dresden. Wir hätten noch einmal nachbohren sollen: ja, wieso eigentlich nicht?

10.05.2015Features