Ein Gesellschaftsdrama aus Pappe

Rezensionen

Ein Gesellschaftsdrama aus Pappe

Foto: Palucca Hochschule für TanzFoto: Palucca Hochschule für Tanz

Der Stoff, aus dem die Träume sind, kommt aus dem Pappkarton. Klamotten, die von der vermeintlichen Luxusmarke „HeeHoo“ an die sonst am Hungertuch nagenden Fabrikarbeiter geliefert, die so wenigstens einen Tropfen Lebensfreude in der Konsumwelt erhaschen. Nur gibt es da das eine Findelkind – Treemonisha – die, statt Klamottenkisten zu stapeln, lieber Bücher liest. Ein Hauch von Intelligenzija im Proletariat. Dass das dem HeeHoo-Boss missfällt, liegt auf der Hand. Treemonisha wird entführt, befreit, beschützt die Entführer vor Rache und wird so zum gesellschaftlichen Idol.

Scott Joplins Oper, die ursprünglich nur als Klavierauszug existiert, gibt von der Handlung nicht viel her. Sie könnte aus der Feder eines arbeitslosen Hollywood-Screenwriters stammen. Und doch war es dem Ragtime-König wichtig, seine Geschichte von der Alphabetisierung der black community (das Original spielt auf einer Plantage) unter die Massen zu bringen. Den Druck der ersten Auflage 1911 finanzierte er aus eigenen Mitteln.

Für diese deutsche Erstaufführung, die jetzt in einer Koproduktion aller künstlerischen Hochschulen in Dresden im Kleinen Haus stattfand, wurde von den Studenten Keno Hankel und Felix Klinger (Kompositionsklasse Thomas Zoller) eine Orchesterfassung des Werks entworfen. Eine Mischung aus Ragtime Filmmusik und rhythmischen Marschklängen ist da aus dem Graben zu hören. Zwischen Stummfilm und Star Wars entsteht eine sehr amerikanische, musikalische Klangwelt, die etwas zwischen den Zeiten und Stilen springt und manchmal so dick aufträgt, dass den angsterfüllt blickenden Sängern die Orchesterwogen bis zum Hals stehen. Ein bisschen wild ist das schon, manchmal auch etwas hilflos, etwa, wenn Joplins Klaviergerippe unterm Orchestermantel durchscheint, doch nach einer kurzen Weile stellt man fest: das klingt cool, geht gut ins Ohr und passt hervorragend zum Anlass. Das Studentenorchester, geleitet von Franz Brochhagen, füllt den Raum des kleinen Hauses mit einem fast immer präzisen, manchmal etwas zu sprödem Klang und insgesamt ordentlich Groove.

Treemonishas Welt ist eine minimalistisch anmutende Pappkarton-Gesellschaft. Die Bühne ist zurückhaltend schlicht, sodass Details schnell zur Geltung kommen. Anna Brotanková und Sarah Hoemske haben ihr Handwerk an der HfbK Dresden gelernt. Ihre Arbeiter stecken in Joggern oder Latzhosen, die einen Tick zu pittoresk daherkommen.

Von der Bühne sind glänzende Stimmen zu hören. Ausnehmend gut in der Premierenbesetzung Jelena Josic als Treemonisha sowie Martin Rieck in der Rolle ihres Freundes und Befreiers Remus. In der zweiten Runde, am Sonntag, glänzt vor allem Maria König als Treemonisha. Mitreißend schön, wie sie das junge, gebildete Findelkind gibt, wie eine Hermine Granger Bücher verschlingt, wie sie sich mit jugendhaft klarer, zarter aber schillernder Stimme vor ihre Entführer stellt. Und Jessica Graeber schafft mit ihrer Darstellung der Stiefmutter Monisha das, was selbst den Profis der Branche meist misslingt: ihre rührend sanfte Stimme kombiniert sie mit hoher schauspielerischer Leistung. Herzzerreißend, wie sie auf einem Pappkarton stehend bittet: „ich will mein Kind wiedersehen“. Sen Li macht seinen Zodzetrick zu einem echten James Bond Bösewicht, auch wenn seine Stimme diese Botschaft nicht immer ins Publikum tragen kann. Die trockene Akustik des Hauses ist aber eine Herausforderung für jede Stimme. Da verzeiht man den anderen Herren (Yichi Xu als Remus, Felix Schwandtke als Ned) auch kleinere Stimmprobleme. Die Solisten werden tatkräftig unterstützt von einem technisch perfekten Chor (Karl Hänsel, Philip Townley), der den Ensembleszenen den nötigen Kick verleiht.

So beeindruckend die jungen Kräfte sind, so enttäuschend ist die Inszenierung, die über lange Strecken des Abends nur das Material zusammenträgt, konfus wirkt, von allem zu viel und vieles nur banalisiert abliefert: zu viel, zu laut, zu lang. Der Choreograf Massimo Gerardi, der mit dieser Oper auch seine Premiere im Musiktheater feiert, schafft es, den eh schon kargen Plot so zu vereinfachen, dass am Ende gar nichts mehr passiert. Und diese Nichtigkeiten werden dann wieder aufgeblasen, zur nervenden Redundanz getrieben, immer mehr Protagonisten auf der Bühne versammelt, Treemonisha gar von zwei Tänzerinnen begleitet, die ständig ihren Seelenzustand nach außen stülpen – uaah. Dass die Hauptheldin in ein Fifty-Shades-of-Grey-Unterweltchen entführt wird, ist einfallslos, plakativ. Kooperationen und Experimente solcher Art erfordern Sand und nicht Schmierfett, Chuzpe und nicht Haargel!

Der moralische Höhepunkt: im Dreivierteltakt wird das Buch der Erkenntnis im Kreis herumgereicht, dann fassen sich alle an den Händen. Im ketzerisch-stolzen Ton schreibt der Regisseur-Choreograph dazu im Programmheft, man habe sich in der Deutung der Geschichte von den Vorgaben des Originals entfernt. Mit demselben pseudoavantgardistischen Stolz hat Gerardi drei Tänzerinnen und drei Tänzer in einer Szene in eine Choreographie gedrängt, in der sich ein weiblich/weibliches, ein männlich/männliches und ein gemischtes Paar auf der Bühne unwohl fühlen müssen. Und glaubt, dem schmissigen Schluss eine Regie-Pointe hinzufügen zu müssen: aha, jetzt macht der böse Modezar in Bücher und unterwandert so die lernhungrige Proleterie…

Was dem Abend schlicht fehlt, ist eine versierte Auseinandersetzung mit dem musikalischen Material, mit den Spannungslinien des Plots, eine clevere Personenführung. Diese Pappkameraden, die da nach Arbeitsschluss gelangweilt in ihre Fernseher blicken (deren Widerschein verrät, dass wenigstens drei verschiedene Programme einschaltbar sind in dieser schönen neuen Welt), hätten mindestens anderthalb Dimensionen mehr verdient gehabt. Diese müssen wir als Publikum nun liefern, und gleichzeitig die Studenten ermutigen, sich als Streiter und Argumentierer, als immerwährende Kämpfer und Piekser zu verstehen für Hochschulinszenierungen, die den großen Häuser mal bitte zeigen, wo’s langgehen könnte (Wo sonst sollte man die Grenzen des Genres kampfesmutig ausleuchten als an der Hochschule?). Deswegen: Kopf anschalten! Anhören! Meinung bilden! Figuren selber weiterdenken! Und den Dozenten auch mal kontra geben. Blinde Folgsamkeit kommt, hört man sich in der Theaterszene um, noch früh genug.

Oleg Jampolski und Martin Morgenstern

Nächste Aufführungen: siehe www.hfmdd.de/veranstaltungen/opernauffuehrungen/

27.04.2015Rezensionen