Prag ist immer eine Reise wert…

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Prag ist immer eine Reise wert…

Das beginnt bei der bequemen Fahrt mit der Bahn entlang der Elbe und wird gleich bei der Ankunft nach wenigen Schritten über den Wenzelsplatz entweder im herrlichen Café Louvre oder im Café Slavia – hier noch mit dem Panoramablick auf die Burg, sofern man einen günstigen Tisch ergattern kann – belohnt. Bei der letzten Reise stand noch ein Treffen an mit Kokoschka, dessen Bilder, hauptsächlich aus seiner Zeit in Prag, sind gerade in in einer großen Ausstellung in der Nationalgalerie zu sehen. Nicht abschrecken lassen, das Museumsgebäude wirkt zunächst alles andere als einladend, aber es kommt ja darauf an, was drin ist, und da lohnt derzeit eben jene Ausstellung „Kokoschka in Prag“ (bis 29. Juni) und sofern die Zeit noch reicht, schon der Blick auf die Bilder der tschechischen Moderne in der Dauerausstellung. Am Abend dann, was sonst, in die Oper, ins Nationaltheater, an der Moldau, gegenüber das Café Slavia, wichtig zu wissen, kein Rauchverbot und man hat trotzdem nicht den Eindruck in einem verqualmten Raum zu sitzen. Jüngste Opernpremiere, Modest Mussorgsky, „Boris Godunow“, in Dresden eigentlich im Repertoire, aber so gut wie nie gespielt. Das Stück hat es in sich, und gleich vorweg, der Besuch in Prag hat sich gelohnt.

Boris_Godunov_FOTO_Hana_Smejkalová (2)Michail Kazakov (Boris Godunov)

Zuerst war das Drama da. „Boris Godunov“, 1825 uraufgeführt, von Alexander Puschkin. Das ist ein Historiendrama in der Art Shakespeares, nur dass der Held hier nicht ein Herrscher ist sondern das Volk. Entsprechend sind in diesem Drama des Kampfes um die Zarenkrone an der Wende zum 17. Jahrhundert auch die Szenen angelegt. Diese russische Tragödie von Puschkin wurde aber außerhalb Russlands so gut wie nicht bekannt. Aber „Boris Godunov“ ist als Titel bekannt, denn es gibt ja die Oper von Modest Mussorgsky, uraufgeführt 1874 in St.Petersburg, 1913 erstmals an einem deutschen Opernhaus, am Stadttheater in Breslau. Immer wieder reizt es seitdem Dirigenten, Regisseure, sofern die Opernhäuser über die nötigen Vorraussetzungen verfügen, sich den Anforderungen dieses außergewöhnlichen Werkes zu stellen. Boris_Godunov_FOTO_Hana_Smejkalová (7)Wie schon gesagt, der Held ist das Volk, entsprechend sind die Anforderungen an die Chöre, der Bogen spannt sich vom verinnerlichten, feierlichen Gesang liturgisch geprägter Passagen im Stile orthodoxer Gesänge bis hin zu wodkaseligem Übermut. Es gibt die jubelnden Chöre, die den neuen Zaren begrüßen, es gibt die Chöre der verzweifelten und hungernden Menschen, die aber dennoch am Ende wieder blind einem unheilvollen Herrscher folgen wollen. In Prag, am Nationaltheater, wo das Werk jetzt unter der Leitung von Petr Kofroň in einer neuen Inszenierung von Linda Keprtová in der Bühnengestaltung von Jan Štěpánek seine Premiere feierte, kann man sich der besonderen Wirkung des Chorgesanges sicher sein. Hier ist der Chor der Star des Abends, genauer die Chöre sind es, die für den zu erwartenden Gänsehauteffekt sorgen, die den Ton verinnerlichter Andacht ebenso treffen wie den Gestus verzweifelter Aufruhr. Große Anerkennung für diese Leistungen des von Pavel Vanek einstudierten Chores des Nationaltheaters, den Mitgliedern des Prager Philharmonischen Chores in der Einstudierung von Lukáš Vasilek und Kühn´s Kinderchor unter der Leitung von Jiří Chvála.

In Prag hat man sich, wie es heute üblich ist, für eine Fassung gemäß der aktuellen kritischen Ausgabe entschieden, und so erlebt man Mussorgskys originale Version des Werkes, ohne den später hinzugefügten sogenannten Polenakt. Der Dirigent Petr Kofroň und das Orchester des Nationaltheaters bieten nächst dem Chor eine weitere außergewöhnliche Leistung und setzen sich somit bestens dafür ein, die lange verkannte Meisterschaft dieser Partitur Mussorgskys ohne Rimsky-Korsakows Glättungen und Romantisierungen wahrzunehmen. Zu hören ist Musik, die der Komponist aus einem Fundus traditioneller Elemente mit seinerzeit sicher als experimentell und ungewöhnlich empfundenen Ideen zusammenfügt und so die gegensätzlichen Situationen dieses Werkes charakterisiert. Die Kühnheit dieser Musikdramatik kommt klangvoll zum Tragen, das Orchester spielt differenziert und bietet den Sängerinnen und Sängern ein sicheres Fundament. Das Dirigat ist umsichtig, genau in er Zeichengebung, was besonders wichtig wird bei den großen Szenen der Chöre.

Optisch gelingen der Regisseurin bei der stilisierten und bisweilen genau choreografierten Führung der singenden Massen die größten und eindrücklichsten Momente dieser Aufführung in der gefängnishaften Ausstattung zwischen hohen grauen Wänden des Einheitsraumes, in dem minimale Veränderungen den Wechsel der Szenen andeuten. Manchmal allerdings verlässt die Regisseurin die angemessene Sachlichkeit und verliert sich in so kleinlichen wie geschmäcklerischen Spielereien, etwa in der Szene mit den Kindern des Boris und der opulenten Amme, die einem russisch gemeinten Märchenbuch entsprungen zu sein scheint. Ähnlich in der Übertreibung gerät die alkoholisierte Szene in der Schenke an der Grenze zu Litauen, wenn Grigori als falscher Dimitri geschickt seiner drohenden Verhaftung entkommt und sich nach Polen absetzen kann. Sehr hoch erhebt das Inszenierungsteam den Zeigefinger flinker politisierender und aktualisierender Deutungsbesessenheit, wenn zum Geläut der Krönungsglocken, zur Präsentation des Zaren Boris Godunow, der Bühnenhimmel voller Bomben oder Raketen hängt. Frömmigkeit und Wodka spielen natürlich ein große Rolle, mitunter werden diese Arten des Wassers auch vertauscht wenn der Schnaps zum geweihten Wasser wird oder umgekehrt. Die Grundidee der Inszenierung allerdings geht nicht verloren: Das russische Volk und seine Sehnsucht nach dem starken Mann, der starke Mann, der seine Leiche im Keller hat, der an der eigenen Stärke zweifelt und am Ende verzweifelt, der durch Wahn und Tod erlöst wird, während das Volk dem nächsten starken Mann hungernd und blind folgen wird.

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Am Ende, in der achten Szene, „Revolution“ genannt im Programmheft, wird in Prag der Gottesnarr, eindrücklich und charaktervoll gesungen von Josef Maravec, auf dem Sessel des Zaren sitzen, der Zar als so armselige Erscheinung wie das von ihm verführte Volk tritt ab. Und dieser Zar, dieser Boris Godunov, an diesem Abend, ist der russische Sänger Mikhail Kazakov mit einer außergewöhnlichen Leistung, gesanglich wie optisch. Kazakov wirkt jung. Er vermeidet jenen pastösen, balsamischen Gesang, entzieht sich jedem Klischee des gerne als Ausdruck der russischen Seele beschrieben wird und erreicht dennoch ein Höchstmaß an beseeltem Gesang. Jedem seiner drei großen Monologe gibt er eigene Farben. Da ist zunächst, wenn er als Zar präsentiert wird, dieses ambivalente Schwanken zwischen der erwarteten Geste des Herrschers und den aufklingenden, inneren Widersprüchen. Vollends versteht er es, diesen Umschlag seiner Stimmung zu gestalten, wenn er nach dem liebevollen Umgang mit seiner Tochter, die um den verstorbenen Bräutigam trauert und dem freundlichen Umgang mit seinem Sohn im erschütternden Monolog schuldvoller Erinnerungen in die gesanglich gestalteten Grenzbereiche depressiver Einsamkeit vordringt. Dabei versteht es dieser Sänger die Stimme schmal und kernig zu führen, um dann im blitzschnellen Bruch weichere Töne zuzulassen, in einer grausigen Ambivalenz zwischen Selbstmitleid und vernichtendem Selbstzweifel.

Und weil aller guten Dinge drei sind krönt Mikhail Kazakov diesen Abend mit seiner so wohl selten vernommenen intensiven, berührenden, zerbrechlichen Gestaltung seines Schlussmonologes als sterbender Boris Godunow. Diesem Sängerdarsteller gilt auch der stärkste Beifall eines Premierenpublikums dessen ansonsten auffällig zurückhaltende Reaktionen angesichts der immensen Leistung, bei aller kritischen Sicht auf einige Passagen der Inszenierungen, ungewöhnlich kühl wirken. Wenn mich meine Erinnerungen nicht täuschen, dann hat Mikhail Kazakov auch schon in Dresden, an der Staatsoper, gesungen, als Großinquisitor, in Verdis „Don Carlo“. Ein Renner von Verdi wird demnächst auch am Prager Nationaltheater, dann aber in der Staatsoper, herauskommen, „Macbeth“, Premiere ist am 11. Juni, zuvor aber, wieder am Nationaltheater gibt es eine neue Inszenierung der Oper „Aus einem Totenhaus“, von Leoš Janáček, am 14. Mai, im Rahmen des Festivals „Prager Frühling“.

direkt zum Nationaltheater Prag: http://www.narodni-divadlo.cz/en

Fotos: Hana Smejkalová

30.03.2015Allgemein, Rezensionen