Schostakowitsch im Sommer

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Schostakowitsch im Sommer

isang-scheuneIhr erstes halbes Jahrzehnt lang haben die Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch stets im September stattgefunden. Der sechste Jahrgang hält Einzug im Juni. Pünktlich zum Sommeranfang kehrt diesee einzigartige Festival wieder an den Ort seines Ursprungs zurück und wird in der großen Scheune von Gohrisch ausgetragen. Dort hat im Jahr 2010 alles begonnen. Genau fünfzig Jahre, nachdem der Komponist Dmitri Schostakowitsch in diesem ältesten Kurort in der Sächsischen Schweiz sein 8. Streichquartett c-Moll op. 110 schuf – das einzige nicht in seinem Heimatland entstandene Werk –, wurde aus der Idee eines Festivals Realität. Und schon bald darauf waren die Schostakowitsch-Tage aus dem internationalen Musikleben nicht mehr wegzudenken. Sie sind weltweit das einzige Ereignis, das sich dermaßen konzentriert mit dem Schaffen von Dmitri Schostakowitsch beschäftigt.

Auch im sechsten Jahrgang 2015 wird dessen Werk selbstverständlich im Mittelpunkt der Schostakowitsch-Tage stehen. Neben dem 1960 in Gohrisch entstandenen 8. Streichquartett werden auch das 3. in F-Dur sowie das 6. in G-Dur und das 13. in a-Moll erklingen. Selbst für Schostakowitsch-Kenner dürfte es diesmal aber auch eine Reihe von Entdeckungen geben, so die Suite aus der in den 1920er Jahren geschriebenen Filmmusik zu „Das neue Babylon“ (sein Opus 18!), die Vertonungen von Gedichten Marina Zwetajewas und obendrein eine unvollendet gebliebene Violinsonate aus dem Jahr 1945.

Seit 2011 wurde für die Schostakowitsch-Tage jedes Jahr ein Konzertzelt errichtet, das wird von nun an nicht mehr nötig sein, denn vor der Erntezeit steht die Scheune leer, ist also die denkbar beste Konzertstätte zwischen Dresden und Prag. Erstmals wird das Gestühl für das Publikum podestartig errichtet, so das ein optimaler Blickkontakt die faszinierende Akustik ergänzen dürfte.

In dieser Scheune nun werden sich im Juni 2015 große Namen ein Stelldichein geben: Das 1945 gegründete und längst legendäre Borodin-Quartett gastiert im Rahmen seiner weltweiten Jubiläumstournee frü zwei Konzerte in Gohrisch, Musiker der Sächsischen Staatskapelle werden wie jedes Jahr prägend mit von der Partie sein, erstmals geben sich Mezzosopranistin Maria Gortsevskaya und Countertenor Andreas Scholl die Ehre, wiederholt werden die Schauspielerin Isabel Karajan und der Pianist Jascha Nemtsov in Gohrisch dabei sein. Isabel Karajan knüpft an ihren vorjährigen Erfolg von „Fräulein Tod trifft Herrn Schostakowitsch“ an und wird gemeinsam mit dem Cellisten Isang Enders ein musikalisch-literarisches Programm gestalten, das aus Schostakowitschs Cellosonate und Gedichten von Christine Lavant besteht. Jascha Nemtsov wiederum wird das Publikum insbesondere mit der Musik von Vsevolod Zaderatsky bekanntmachen.

Der lebte von 1891 bis 1953 und ist heute ein nahezu vergessener Komponist, was gewiss an seiner Vergangenheit als Klavierlehrer der letzten Zarenfamilie lag. Zaderatsky wurde in der Sowjetunion unter Stalin mehrfach verhaftet und hinterließ ein bis heute weitgehend unbekanntes OEuvre. Große Teile seines Schaffens wurden sogar vernichtet. Als späte Rehabilitation wird Jascha Netsov die im Gulag komponierten 24 Präludien und Fugen von Vsevolod Zaderatsky in Gohrisch als Uraufführung herausbringen. Dieses Opus ist wahrscheinlich als erster Zyklus dieser Art nach Johann Sebastian Bachs gleichnamigem Klavierwerk entstanden. Als weitere Zaderatsky-Uraufführung gibt es die Idylle „Der Nachtigall Garten“ für Flöte und Klavier.

Im Eröffnungskonzert der diesjährigen Schostakowitsch-Tage erklingen zudem mehrere Erstaufführungen von Arvo Pärt. Der bald 80jährige Este setzt mit seinem kompositorischen Schaffen in diesem Jahr einen weiteren Schwerpunkt in Gohrisch und wird nach Krzysztof Meyer, Lera Auerbach und Sofia Gubaidulina als ein Komponist von Weltrang bei den Schostakowitsch-Tagen präsent sein. Im Aufführungsabend der Staatskapelle erklingen mehrere Kompositionen von ihm sowie von Schostakowitsch und dessen Komponistenfreund Benjamin Britten. In diesem Konzert wird Vladimir Jurowski seinem über mehrere Jahre eng mit Gohrisch verbundenen Vaters Michail Folge leisten. Auch das Abschlusskonzert ist mit Kompositionen von Schostakowitsch, Zaderatsky und Pärt dramaturgisch bestens gewürzt.

Auch in diesem Jahr, in dem das bisher im Herbst stattfindende Festival erstmals im Sommer und obendrein wieder am Ursprungsort in der Konzertscheune ausgetragen wird, ergänzt ein umfangreiches Schulprojekt die gewaltigen Vorhaben. Im Rahmen von „Rhapsody in School“ sollen ganz junge Leute an Schostakowitschs Schaffen herangeführt werden. Der Vorverkauf für die 6. Internationalen Schostakowitsch-Tage Gohrisch, die vom 19. bis zum 21. Juni 2015 stattfinden werden, startet sofort. Sämtliche CTS-Stellen sowie die Schinkelwache Dresden sind mit dabei.

Herzlich, bis nächsten Freitag –

Michael Ernst

27.03.2015Kolumnen