Eine Riesenrhapsodie? – Petterssons Siebte erklingt in Radebeul

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Eine Riesenrhapsodie? – Petterssons Siebte erklingt in Radebeul

"Jag är ingen tonsättare, jag är en ropande röst (något som ej får glömmas), som hotar att dränkas i tidsbullret." - "Ich bin gar kein Komponist, ich bin eine ruende Stimme (etwas das nicht vergessen werden darf), die im Zeitgetöse unterzugehen droht." Allan Pettersson„Jag är ingen tonsättare, jag är en ropande röst (något som ej får glömmas), som hotar att dränkas i tidsbullret.“ – „Ich bin gar kein Komponist, ich bin eine rufende Stimme (etwas das nicht vergessen werden darf), die im Zeitgetöse unterzugehen droht.“ – Allan Pettersson

Am 28. Februar 1969 las man in der Ostberliner „Neuen Zeit“ im Kulturteil: ‚Die 7. Sinfonie von Allan Pettersson erwies sich als (…) eine ausschweifende Riesenrhapsodie, daß man in diesem Notenmeer mit seinen Untiefen förmlich ertrank.‘ Der Rezensent schilderte seine erste Begegnung mit diesem Werk in einem Konzert der Berliner Biennale – zu Gast waren damals die Stockholmer Philharmoniker unter Leitung von Antal Dorati, die kurz zuvor die Siebte in Schweden uraufgeführt hatten und deren Gastspielreise im Februar 1969 auch Dresden als Station hatte. Das Stück war für Allan Pettersson (1911-1980), der insgesamt 15 vollendete Sinfonien schrieb (die erste und letzte Sinfonie blieben Fragment) der internationale Durchbruch – so jedenfalls liest es sich in vielen Biografien und Texten zu diesem Werk. Im Gegensatz dazu steht heute die fast komplette Ignorierung seines OEuvres in den Spielplänen der Orchester, obwohl erst jüngst (nicht nur) die MDR-Klangkörper in ihrem „Go North!“-Programmheft anmerkten, Pettersson sei einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Ein Stück von ihm steht dort dennoch nicht auf dem Programm, ebensowenig wie bei den Dresdner Musikfestpielen, die dieses Jahr ebenfalls den Norden thematisieren.

Dabei hatte man vor allem in den 90er-Jahren Hoffnung, dass sich die Bedeutung dieses Komponisten auch im Repertoire durchsetzen würde – ein Zyklus aller seiner Sinfonien fand mit mehreren Orchestern in Nordrhein-Westfalen statt, später gab es die erste Gesamtaufnahme beim Label cpo. Hier und da setzten sich Orchester mit seiner Musik auseinander, so etwa in Essen, wo Stefan Soltesz Sinfonien auf das Programm setzte, auch Peter Ruzicka ist ein Verfechter dieser außergewöhnlichen Musik.  Immer jedoch steht und fällt eine Aufführung mit den Dirigenten, die für diese Musik brennen:  Peter Gülke und Gerd Albrecht zählen zu den frühesten „Pettersson-Jüngern“ in Deutschland. In Gülkes GMD-Zeit in Wuppertal (1985-1995) fallen auch einige deutsche Erstaufführungen, etwa der 6. Sinfonie, deren Aufführung 1989 zu einem Abonnentenskandal geriet, da der Beethoven-Konzertsolist Justus Frantz verspätet zum Konzert eintraf und Gülke kurzerhand  die 60minütige (!), einsätzige (!!) Sinfonie in den ersten Konzertteil platzierte und damit Abonnenten düpierte, die eigentlich in der Pause vor dem neuen Werk geplant hatten zu flüchten. Jan Michael Horstmann war zu dieser Zeit Kapellmeister am Wuppertaler Opernhaus – daraus ist eine bis heute währende Zusammenarbeit mit dem Pina-Bausch-Ensemble entstanden – und lernte Pettersson in Gülkes Interpretationen kennen. Auch die Internationale Allan-Pettersson-Gesellschaft, die sich um die Pflege des Schaffens und die wissenschaftliche Rezeption bemüht, wurde damals in Wuppertal gegründet.

Jan Michael Horstmann dirigiert Allan Petterssons 7. Sinfonie (Foto: Martin Reißmann)Jan Michael Horstmann dirigiert Allan Petterssons 7. Sinfonie (Foto: Martin Reißmann)

Bisherige Aufführungen in der Region Dresden beschränken sich auf das erwähnte Gastspiel, eine Ballett-Inszenierung 1988 an der Semperoper (die große schwedische Choreografin Birgit Cullberg inszenierte „Rapport“ nach der 7. Sinfonie, damit ging die Kompagnie auch auf Tour) und einige Aufführungen in jüngerer Zeit. Dazu gehören Aufführungen der „Sonaten für 2 Violinen“ 1997 und 2002 am Dresdner Zentrum für zeitgenössische Musik, das 1. Violinkonzert mit dem Leipziger Streichquartett und Yamei Yu samt CD-Aufnahme sowie das Engagement von Jan Michael Horstmann in seiner GMD-Zeit in Freiberg. Horstmann stellte mit der Mittelsächsischen Philharmonie bereits die 7. Sinfonie vor, aber auch das 2. Violinkonzert (mit Rebekka Hartmann, Violine) und die Barfußlieder und Violinsonaten im Jubiläumsjahr 2011 – zu Petterssons 100. Geburtstag. Nun dirigiert er die 7. Sinfonie erneut – vermutlich werden viele der Orchestermusiker Petterssons Musik zum ersten Mal begegnen.

Abgesehen davon, dass man froh sein sollte, dass überhaupt mal wieder ein Werk Petterssons in unseren Konzertsälen erklingt – die einzige weitere Pettersson-Aufführung in dieser Saison findet am 2. April in Göttingen statt, darf der Hinweis auf sein gewaltiges sinfonisches OEuvre erlaubt sein – der Dirigent und Posaunist Christian Lindberg, derzeit Hauptprotagonist einer im Entstehen begriffenen Gesamtaufnahme beim schwedischen Label BIS samt Konzerten bis 2018 beim Norrköping Symphony Orchestra („The Allan Pettersson Project„, auch mit eigener Facebookseite), moniert zu Recht: „Warum denn immer nur die Siebte?“ – Das 42minütige, einsätzige Werk wird gerne als Einsteigerstück für Pettersson bezeichnet, dabei gibt es unter den anderen Sinfonien einige Meisterwerke, die aber Publikum wie Musiker vor extreme Hör- und Spielanforderungen stellen. Nicht, weil die Stücke besonders avantgardistisch daherkommen, sondern weil es sich, wie der Rezensent durchaus richtig bemerkte, um „Riesenrhapsodien“ handelt, deren kompromisslos emotionale Sprache ein Zurücklehnen verbietet. Pettersson, der einen großen Teil seines Lebens schwerkrank war, kämpfte für die Stimme des kleinen Mannes, eines Kindes, das zu singen beginnt. Er scherte sich nicht um Avantgarde oder Konventionen, seine 9. Sinfonie etwa ist ein einziger sinfonischer Riesensatz von 75 Minuten Dauer, seine 12. Sinfonie eine fast rebellisch zu nennende Chorsinfonie mit Texten von Pablo Neruda. Viele seiner Stücke, so auch die 7. Sinfonie, enthalten lange Passagen von Trost und ausschwingender Melancholie nach einem Weltenkampf, der in dieser künstlerischen Authentizität bedrückend realistisch erscheint.

5. Philharmonisches Konzert, Landesbühnen Sachsen, Stammhaus Radebeul, 22. März 2015, 19 Uhr

Mozart: Klarinettenkonzert A-Dur / Pettersson: 7. Sinfonie

Elbland-Philharmonie Sachsen, Jan Michael Horstmann / Solist Helmut Eisel, Klarinette

 

Foto Pettersson: Gunnar Källström

Alexander Keuk ist seit 1989 in der Internationalen-Allan-Pettersson-Gesellschaft aktiv, organisiert und vermittelt Konzerte und verfasste zahlreiche Texte über Allan Pettersson, zuletzt einen Beitrag für den Pettersson-Band der Musik-Konzepte.

18.03.2015Allgemein, Features