Barock & Rock ’n‘ Roll

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Wer vor nunmehr fast zwei Jahren dabei war, wird es nicht vergessen haben. Sonia Prina übernahm für für die erkrankte Dresdner Kollegin Christa Mayer die Partie des Orlando in Georg Friedrich Händels Oper.  Die Dresdner Opernfans und vor allem die Freunde der barocken Gesangskunst hatten lange warten müssen, bis die Sängerin aus Milano, die längst als eine der gefragtesten Interpretinnen gerade dieser anspruchsvollen Kunst galt, nach Dresden kam. Dabei hatte sie selbst auch längst den Wunsch verspürt, hier einmal zu singen, in dieser Stadt, in diesem Opernhaus, hier wo die Traditionen der Barockopern so bedeutsam sind.

Jetzt ist Sonia Prina wieder in Dresden. Am Sonntag wird sie als Giulio Cesare in Georg Friedrich Händels Oper »Giulio Cesare in Egitto« auftreten. Eine schöne Frau gilt es für Giulio Cesare zu erobern, in diesem Falle die sagenhafte Königin Cleopatra, die der nicht weniger sagenhafte Feldherr nach etlichen Irrungen und Wirrungen, Intrigen und Mordkomplotten zur Königin des Ägyptischen Reiches erhebt.
Als Cesare wird Sonia Prina in Dresden ihr Debüt geben. Die Partie hat sie bereits mehrfach gesungen, in anderen Produktionen. Auf diese hier freut sie sich besonders, denn in einer Produktion des Regisseurs Jens-Daniel-Herzog und des Dresdner Bühnenbildners Mathis Neidhardt hatte sie schon in Zürich große Erfolge. Sie schätzt deren frische und zeitgemäße Art, barocke Opern gegenwärtig zu inszenieren. Und dazu in Dresden wieder mit einem auf diese Kunst spezialisierten Dirigenten wie Alessandro de Marchi zu arbeiten, ist Privileg und Vergnügen zugleich.
Aufgeregt sei sie schon, nervös aber nicht, sagt Sonia Prina im Gespräch in einer Probenpause. Sie schätzt die Kolleginnen und Kollegen, die Art der Produktion, sie fühlt sich hier sehr wohl.
Und will mit ihrer Art der Darstellung, musikalisch und szenisch, die barocke Musik in die Moderne holen. Für sie sind nicht nur die Worte verwandt und klingen ähnlich: Barock und Rock haben miteinander zu tun. In dieser „alten“ Musik ist viel vom ungebändigten Anspruch des Rock´n Roll vorgegeben, besonders in den Parts der Orchester.
Für Sonia Prina, die Gesang und Trompete studiert hat, sind die Grenzen zwischen den Bereichen der Musik nicht unüberwindlich, und in der Barockmusik, auf die sie sich spezialisiert hat, sowieso nicht.
Dass sie zum Gesang, zur Oper kam, das war nicht vorgegeben in der Familie. Aber über das Trompetenspiel kam sie zum Gesang, dann an das Konservatorium ihrer Heimatstadt Milano. Und dann war da ein aufmerksamer Lehrer, der die Besonderheit ihrer so herrlich dunkel timbrierten Stimme erkannte, dazu ein völlig natürlich entwickeltes Vibrato, was ihn zu dem Schluss führte: Diese Sängerin muss auf die Opernbühne!
Mit 19 Jahren gewann Sonia Prina ihren ersten Wettbewerb. Die Karriere begann zunächst im Belcantofach, als Rosina, in Rossinis »Il barbiere di Siviglia«. Aber dieses Operndebüt mit Erfolg gibt es nicht etwa irgendwo, nein, gleich am berühmten Teatro alla Scala di Milano. Und auch nicht mit irgendwem, nein, gleich mit Juan Diego Flórez als Partner.
Aber nach einer kurzen Startphase mit weiteren Partien der Belcantokunst begann für Sonia Prina der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg in die schönsten Gefilde der barocken Gesangskunst, auf der Opernbühne oder auf den Konzertpodien mit den ersten Ensembles für Alte Musik.
Und da kann die Sängerin immer wieder neue Facetten entdecken. Jetzt zum Beispiel, als Giulio Cesare. Sieben Arien hat sie zu singen; sechs davon sind heldisch, kunstvoll und mit vielen Koloraturen, sie muss ihre Stimme von tieferen Lagen in die Höhe führen, Brüche als hörbare Registerwechsel sind hier nicht vorgesehen.
Aber diesen Herausforderungen verdankt die Sängerin die jeweils neue, immer wieder spannende Situation, gerade in den Wiederholungen gelte es bei einer schon von der Führung der Melodie her schon vernommenen Passage noch einmal mit anderen Farben und emotionalen Facetten zu überraschen.
Sonia Prina mit ihrer Stimme ist natürlich prädestiniert für die „Hosenrollen“, für jene Partien, die einst für Kastraten geschrieben wurden. Es mache ihr großen Spaß, als Mann auf der Bühne zu stehen, aber mit „Frauen-Power“ zu singen und zu spielen. Sie habe ja die Kraft, sie habe diesen speziellen dunklen Klang einer weiblichen Stimme mit bestens grundierter Tiefe, da müsse sie keine Kopie eines Mannes abgeben.
Sie gebe sich voll ins Geschehen, manchmal, so sagt die Sängerin staune sie selbst, wie sie diese enormen körperlichen Anstrengungen bewältige, die so ein Opernabend ihr abverlange. Ja klar, hinterher, zu Hause oder im Hotel, da spüre sie schon, was da wieder abgegangen sei, es dauere schon manchmal Stunden, bis sie einschlafen könne…
Aber am nächsten Tag wieder, sie könne nicht anders, sie müsse immer alles geben, das wird sie auch jetzt in Dresden tun.
Und die Reaktionen des Publikums, der Kritik, der Opernagenturen und Dirigenten? Sie geben ihr recht. Kaum eines der bedeutenden Opernhäuser in Europa, Südamerika und Japan, Festspiele wie die in Salzburg, Glyndebourne, Maggio Musicale Fiorentino oder die Festtage der Alten Musik in Innsbruck möchte in seinem Repertoire der barocken Opern und Konzerte auf diese Sängerin verzichten.
Und wenn man so gefragt ist, wenn man sich so stark und unverwechselbar einen ganz eigenen Stil erarbeitet habe, hat man da dennoch Vorbilder, Idole? Also, was die Raffinessen, die besonderen Feinheiten des Stils der barocken Gesangs- und Ausdruckskunst angehe, das Finden und Mischen der richtigen Farben, da setze schon die Kunst der Cecilia Bartoli besondere Maßstäbe. Wie Sonia Prina solche Anregungen nutzt, wie sie immer wieder die Möglichkeiten ihrer Interpretationskunst erweitert, wie sie dramatisch und furios sein kann, dann auch wieder sehr zart und verletzlich, das kann man in den Aufnahmen ihrer inzwischen beträchtlichen Diskografie hören.
Aber „live is live“! Deshalb sollte man die Chancen nicht verpassen, Sonia Prina in Dresden jetzt als Giulio Cesare zu erleben und dann ab 17. März wieder als Orlando in Händels Oper

„Giulio Cesare in Egitto“, ab 22. Februar
„Orlando“, ab 17. März

21.02.2015Interviews