Akkordarbeit fürs Abendland

Rezensionen

Akkordarbeit fürs Abendland

Foto: Hindemitt / photocase.deFoto: Hindemitt / photocase.de

Eine Migrantengeschichte wird dieser Tage in den Kirchen der Stadt erzählt. Eine Schwangere bringt ihr Kind in einer Notunterkunft zur Welt, und das Volk fragt sich: „Wie soll ich dich empfangen und wie begegn‘ ich dir?“ In Tagen, da Tausende Dresdner ihre christlich-abendländischen Werte zu verteidigen suchen, indem sie sich gegen vermeintlich feindselige Fremde abschotten, hört man diese Geschichte auf einmal mit ganz anderen Ohren. Von Johann Sebastian Bach in sechs musikalische Teile gegossen, gehört sie längst zum Kernrepertoire, landauf, landab gemocht. So war die Kreuzkirche am Freitag wie jedes Jahr zu diesem Termin wie den folgenden brechend voll: der Kreuzchor und die Philharmonie musizierten gemeinsam. Unter der Leitungs des Kreuzkantors Roderich Kreile sind beide Ensembles vergleichsweise großzügig besetzt. Jahr für Jahr wachsen die neuen Kruzianer in den Klang hinein, man hört aufeinander und feilt am gemeinsamen Ansinnen. Ein in allen Registern abgewogener Orchesterklang trug dazu die gute Nachricht auf die bis auf den letzten Platz gefüllten Ränge. Die Geschichte von Josef aus Nazareth und seinem vertrauten Weibe: der irische Tenor Robin Tritschler erzählte sie als Evangelist einfühlsam, schien das Jesuskind mit Worten zu wiegen. Ihn sehnlichst zu lieben, schickte sich auch die Amerikanerin Rebecca Martin an. Und Anja Zügner verkündete dem Volk die große Freude in so jubelnden Worten, dass man gern die ganzen kleingeistigen Scharmützel der letzten Wochen um Integration und Abschiebung vergessen hätte.

Akkordarbeiter Mertens

Nach seinem besonnenen Auftritt letzte Woche in der Frauenkirche war auch der Bass Klaus Mertens wieder zu Gast und rundete die Aufführung der ersten drei Kantaten in väterlich-begütigender Art. Profund seine Lobesarie „Großer Herr und starker König“, beglückend auch die Sopran-Bass-Arie der dritten Kantate, in der davon die Rede ist, wie Mitleid, Erbarmen und göttlicher Trost den Menschen frei machen. Zwischendurch hat Mertens das Oratorium übrigens in Pirmasens gesungen; nun folgen für ihn bis zum Jahresende noch Aufführungen in Amsterdam, Düsseldorf, Innsbruck, Brugge, Braunschweig, Bordeaux und Flensburg, wo er jeweils helfen wird, „Herz und Sinnen“ der Zuhörer zu laben. Erstaunlich und bewundernswert, dass Solisten wie er, dass auch Kreuzchor und Philharmonie uns diese vorweihnachtliche Akkordarbeit niemals spüren lassen. Weiche, fließende Choräle, schwingende Chöre klangen unangestrengt festlich durchs Kirchenschiff. Unter Roderich Kreiles Leitung erwuchs dieses Jahr die ehrwürdigste Interpretation seit langem.

„Zu einer Zeit, da alles um uns blitzt und kracht, kann diese Stadt (gemeint war Leipzig) so glücklich sein“, und: „Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen, fröhliches Land!“, hieß es in einer weltlichen Kantate, die Johann Sebastian Bach im September 1734 schrieb. Eine feine Sopranarie davon nahm er ein Vierteljahr später und machte daraus eine Bass-Arie für die fünfte Kantate seines Weihnachtsoratoriums, die gemeinhin zu Hochneujahr erklingt. Im neuen Text heißt es: „Erleucht auch meine finstre Sinnen! Dein Wort soll mir die hellste Kerze in allen meinen Werken sein; dies lässet die Seele nichts Böses beginnen.“ Nächstenliebe, Offenheit, nach dem Guten streben und sein eigenes Glück mit anderen Teilen, das war die Botschaft, vor zweihundertachtzig Jahren.

10.1.2015, 17 Uhr, Kreuzkirche: Weihnachtsoratorium BWV 248, Kantaten 4-6. Henriette Gödde (Alt), Tobias Hunger (Tenor), Felix Rumpf (Bass), Kreuzchor und Philharmonie, Roderich Kreile (Leitung). Karten: Tel. 4965807

Eine Textfassung des Artikels ist in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

17.12.2014Rezensionen