Mauern einreißen – Freundschaften erwarten

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Mauern einreißen – Freundschaften erwarten

KND-Banner-EinstuerzendeMauern-courage„Musik kann Mauern einreißen.“ Eine Redensart, die oft im Zusammenhang mit kultur- oder sprachübergreifenden Projekten genutzt wird. Musik spricht keine Sprache. Sie klingt. Sie schafft Emotionen, die die Zuhörer miteinander verbindet. Sie wirkt grenzüberschreitend. Die Konzertreihe „Einstürzende Mauern“ vom KlangNetz Dresden e.V. thematisierte eine Grenze, die vor 25 Jahren fiel. Seit Februar wurde in insgesamt sieben Konzerten dem Fall der deutsch-deutschen Grenze gedacht. Dabei stellte sich unter anderem das Dresdner Vokalensemble AUDITIVVOKAL die Frage nach dem „Danach“ bei dem Konzert Was bleibt… von Mauern und Menschen am 27. Februar. Am 3. Juli ging es um die Unterschiede zwischen Ost und West, die sich auch in der Entwicklung Neuer Musik widerspiegelte. Das elole-Klaviertrio stellte Werke von Fritz Geißler (Ost), Georg Katzer (Ost) und Bernd Alois Zimmermann (West) vor, die auch musikalische Grenzen überschritten. Aber nicht nur zeitgenössische Komponisten wurden in das Programm der Konzertreihe aufgenommen. Am 8. Oktober widmeten sich Mitglieder der Dresdner Philharmonie dem Amerikanischen Traum, den Antonín Drořak bereits 1893 in seinem Amerikanischen Quartett vertonte. Betitelt mit dem Ausspruch von Ronald Reagon Tear down this wall! stellte man dem tschechischen Dirigenten zeitgenössische Musik des U.S.-Amerikaners Philip Glass gegenüber. Am 6. November bildete das Konzert vom Dresdner Ensemble Courage den Abschluss der Reihe.

Die beiden Komponisten, deren Stücke an diesem Abend gespielt wurden, lernten sich im Jahr 1989 in Darmstadt kennen. Juliane Klein aus Berlin, die damals gerade ihr Studium beendete und der aus Emden stammende Hans-Joachim Hespos, der zu diesem Zeitpunkt schon mehrere Jahre erfolgreich als freischaffender Komponist arbeitete, befanden sich in ganz unterschiedlichen Stationen ihres Lebens. 25 Jahre nach diesem Aufeinandertreffen – und 25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer – wurden Stücke beider Künstler an einem Abend interpretiert.

Beim ersten Aufgang von Pianist Frank Gutschmidt und Sopranistin Claudia Herr verschluckte der hohe Saal im Seitenflügel des Hygienemuseums den Applaus der Zuhörer. Skepsis machte sich breit. Wie würden die beiden Musiker sich dieser akustischen Herausforderung stellen können?
Alle Zweifel legten sich nach dem Erklingen des ersten Tons. Stimmgewaltig und ausdrucksstark trug Herr die drei Strophen von Nur zwei Dinge, eine Komposition von J. Klein, vor. Genau wie bei 3 Lieder nach Klopstock harmonisierten Flügel und Sopran wunderbar miteinander. Trotz der überdimensionierten Räumlichkeit schafften es die Künstler eine Nähe zum Publikum aufzubauen. Diese Mauer wurde also schnell eingerissen.
Einen tiefen Eindruck hinterließ Hespos‘ IKAS. Nachdem die Künstler des vorherigen Stückes die Bühne verließen, entstand eine lange Pause. Doch das Publikum wagte nicht einmal im Programm nachzuschauen, was nun passieren würde. Das Knistern des Papiers hätte die Spannung gestört, die sich im Raum aufgebaut hatte. Nach einer Weile wurde man auf Georg Wettin mit seiner Bassklarinette aufmerksam, der in der hinteren Reihe im Publikumsraum saß und nach kurzem Verharren seinen Weg Richtung Bühne aufnahm. Eine schwere Eisenkette an seinem Bein rasselte bei jedem Schritt, während der Musiker seufzende Töne aus der Klarinette presste. Immer wieder stieß er Luft in das Instrument, das höchstens aufjaulte, aber meistens störrisch die Luft tonlos wieder ausblies. Dieser Kampf wurde durch Wettins wütende, qualvolle Aufschreie unterstützt. Beklemmung und Mitleid machten sich im Publikum breit. Letztendlich fand Wettin seinen Weg zur Bühne und konnte sich von seinen Ketten befreien. Ein Seufzer der Erleichterung war auch bei den Zuhörern zu vernehmen.

Die Harmonie zwischen den Künstlern und die Stückauswahl sorgten für einen Abend, an dem die Spannung im Raum erst mit dem letzten Ton des letzten Stückes verhalte. Die performativen Elemente wurden ausdrucksstark und mitreißend interpretiert. Ein gelungener Abschluss einer Konzertreihe, die erinnern und zum Nachdenken anregen wollte. Wenn alle Mauern und Grenzen überwunden sind, können sich neue Freundschaften bilden. „Freundschaft“ wird auch das Thema der Konzertreihe vom KlangNetz im nächsten Jahr sein, die mit Spannung zu erwarten ist.

Letizia Graul

Eine Textfassung des Artikels ist am 8. November in den Dresdner Neuesten Nachrichten erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

10.11.2014Rezensionen