„Wir Musiker brauchen auch mal Stille“

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„Wir Musiker brauchen auch mal Stille“

Foto: Francois SechetFoto: Francois Sechet

Die Tage der Oboistin Céline Moinet beginnen manchmal schon mit leidenschaftlichem Fachsimpeln über die Interpretation des letzten gemeinsamen Auftritts: mit ihrem Lieblingscellisten am Frühstückstisch nämlich. Danach die Unterrichtsstunden an der Musikhochschule, zwischendurch übt sie selbst… Und abends oft ein Konzert. In das sie schon einmal inkognito als Zuhörerin schlüpft, wie vor einigen Tagen in der Annenkirche. Werke von Heinrich Schütz, Matthias Weckmann und Christoph Bernhard standen auf dem Programm – von drei Komponisten, deren Namen eng mit der Dresdner Hofkapelle verknüpft sind. In der spielt auch Céline Moinet; auch, wenn man manchmal das Gefühl hat, die heutige Staatskapelle habe nur noch sehr von fern mit den Klangwelten der damaligen Zeit zu tun. „Stimmt“, sagt die Oboistin, „unser musikalischer Alltag besteht aus Wagner, Strauss, Bruckner. Umso wichtiger ist es aber, dass wir uns auch mit der Musik des Barock beschäftigen. Die Oboenmusik von damals ist sehr verführerisch, sehr zart…“ Für welche Klangfarben hat Johann Sebastian Bach komponiert? Was hatte Georg Friedrich Telemann im Ohr, als er seine wunderbaren Konzerte schrieb? Solche Fragen treiben Céline Moinet um. „Ich empfehle auch allen meinen Studenten, sich mit der Barockoboe zu befassen; sie erleben dabei, dass das Musizieren viel natürlicher vonstatten gehen kann. Sicher, mit einer modernen Oboe kann man lauter, tiefer, höher spielen. Aber es ist auch ein gewisser Verlust an quasi vokaler Klangkunst.“

Diese Klänge, diese Ursprünge mitschwingen zu lassen im Orchesteralltag – wäre das nicht ein Muss für alle ihre Kapellkollegen? „Natürlich“, lächelt die Oboistin, „aber wenn die Oper Alte Musik auf den Plan setzt, brauchen wir dafür Gäste; Leute, die das deutlich besser können als wir. Vielleicht könnten wir einen Kammerabend pro Saison den kompositorischen Wurzeln der Dresdner Hofkapelle widmen? Das wäre doch ein Anfang!“

Es ist die Neugier auf ​solch ​alte und auch auf ganz neue Klangwelten, die Céline Moinet neben ihrer Anstellung als Solo-Oboistin immer wieder auch auf solistische Pfade führt. Das Konzert am kommenden Samstag in der Frauenkirche ist so eines, aus dem sie als Interpretin viel mitnimmt, und das sie konditionsmäßig ziemlich an ihre Grenzen führen wird. Spielt sie doch beispielsweise ein virtuoses Solokonzert von Bach, das – völlig ungewöhnlich für diesen Komponisten – lange Sechzehntel-Passagen mit Permanent-Atmung enthält. „Ich bin ziemlich fit, aber das ist physisch eines der anstreng​en​dsten Konzerte, das ich je gespielt habe…“ Moment mal, ob Bach das überhaupt für Oboe schrieb? „Tja, ich habe das gerade mit einem Kollegen diskutiert, der meinte, es klänge wohl eher nach einem Violinkonzert…“ Eine Herausforderung bleibt es, und Lernfutter sowieso: „Wir modernen Musiker werden doch sehr schnell ängstlich, man traut sich musikalisch manchmal nicht genug, etwa was Verzierungen angeht. Da nehme ich viel von Bach in den Alltag mit.“
Und der ist, wie gesagt, mit Klängen aller Art vollgepackt. Moinet liebt es, neue Werke zu erkunden, spielte unlängst mit Kollege Kai Vogler die Uraufführung „to and fro“ von Rebecca Saunders und erschließt sich gerade ein neues Werk „mit Multiphonics, Klappengeräuschen, ich bin den ganzen Tag am Probieren…“ Gleichzeitig bricht sie an der Hochschule eine Lanze für die Alte Musik, stupst die Studenten auf Bach, Händel, Couperin, Zelenka. “

​Für uns Oboisten kommt ​ja ​nach dem Barock eine große Lücke, bis ans Ende des 19. Jahrhunderts. Aber wir müssen unsere Ursprünge kennen…“ Dazu komme eben, dass Oboisten im Orchesterleben keine Solisten sein dürfen: man arbeitet in der Gruppe, „das Orchester hält mich umfangen, es ist eine sehr sensible, für uns acht Holzbläser kammermusikalische Arbeit. Daneben tut es mir gut, auch die Herausforderungen solistischer Auftritte zu erleben.“ Und zwischendurch auch mal durchzuatmen, abzuschalten. „Wir Musiker brauchen auch mal Stille…“ Na gut. Umso mehr freuen wir uns darauf, Céline Moinets achtsamen, quasi ​über seine Ursprünge aufgeklärten Oboenton im nächsten Konzert wiederzuhören.

8. November, 20 Uhr, Frauenkirche Dresden. „Junge Klassik: Stars der neuen Generation“. Céline Moinet, Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Paul Goodwin (Leitung). Tickets (12-44€, für Dresdner 15€ auf allen Plätzen): Telefon 0351-65606701, ticket@frauenkirche-dresden.de​

Eine Textfassung des Artikels ist am 3. November in der Sächsischen Zeitung erschienen. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung, ihn hier erneut abdrucken zu dürfen.

06.11.2014Interviews