Hellerauer Herbsttage

Rezensionen

Hellerauer Herbsttage

Pipa-Solistin Dong Ya (Foto: Stephan Floss)Pipa-Solistin Dong Ya (Foto: Stephan Floss)

Unter dem Motto ‚New Sounds from the Far East‘ lockte Intendant Dieter Jaenicke in sein „Klanghaus“, wie er das Festspielhaus in seiner Eröffnungsrede betitelte. Besser hätte man es nicht formulieren können. In allen Räumen und Gängen des Hauses klirrte und flirrte es. Die Unterhaltungen der Festivalbesucher mischten sich mit den Tönen der Klanginstallationen, die die Gäste zum Ziehen, Drehen, Klopfen, Drücken und Lauschen anregen sollten. So war es die Intention Jaenickes, Musik „hörbar, fühlbar, sichtbar und manipulierbar“ zu machen.

Das Klangerlebnis wurde durch das Eröffnungskonzert China Sounds fortgeführt. Das MDR-Sinfonieorchester spielte vier Werke zeitgenössischer Komponisten, die sich während eines Projektes des National Centre for the Perfoming Arts in Peking die Frage nach dem Klang Chinas stellten. Kristjan Järvi dirigierte die Werke des Abends, die durch ihre Melodien und Tonimitationen vorm inneren Auge der Zuhörer Bilder von Reisfeldern, schneebedeckten Berggipfeln und boomenden Großstädten mit geschäftigen Straßen entstehen ließen.

Erstes Stück: Beijing Harmony (2012). Der Komponist Michael Gordon ließ sich von der Echomauer inspirieren, einem Teil des Himmelstempels in Peking. Die immer gleichen Bogenstriche der Ersten Violinen zog sich wie eine Welle über alle Streicher und war als Echo in den Kontrabässen zu hören. Es bildete sich ein Strudel, mit Järvi als Auge, der Intensität und Geschwindigkeit der Wogen kontrollierte. Das Schlagwerk gab den Puls der Stadt an, der in großes Getöse gesteigert wurde. Nach einem gewaltigen Schlag war nur noch die Piccoloflöte zu hören, die wie davonziehende Vögel den Himmel über der Stadt wieder klar werden ließen.
Mit The Cloud on a Wishful Side (2013) von Xao Ying begab sich der Zuhörer auf eine Reise, deren hektischer, atonaler Beginn über eine steinige Etappe bald durch das flirrende Spiel der Pipa von Solistin Dong Ya in wohlklingende, verschlungene Bergwege aufgelöst wurde. In dichten fünf Sätzen wechselten sich Peitschenknallen mit asiatisch anmutenden Klängen der Streicher und Holzbläser ab. Auf eine kurze Einlage der Mezzosopranistin Klaudia Zeiner im zweiten Satz folgte das freudige Jauchzen der Pipa-Solistin Dong Ya im dritten. Die Streicher schwangen ihre Bögen durch die Luft – und immer wieder Peitschenhiebe. Aus den Bildern des inneren Auges wurde ein visuelles Spektakel auf der Orchesterbühne.

Kritische Seitenblicke hätten nicht geschadet

Erschöpft nach dieser aufregenden Reise, konnte sich der Zuhörer zurücklehnen und dem Erwachen des Biotops Bitasee lauschen. Komponist Ye Yanchen ließ sich von dem See in der Provinz Yunnan inspirieren, der Lebensraum zahlreicher seltener Vogelarten ist. Bei The Morning of Bita Lake (2013) simulieren kreischende Geigen den Aufgang der Sonne. Die ersten Strahlen lassen den See und seine Bewohner erwachen. Die Vögel beginnen ihren Morgengesang. Ein gewaltiger Klangteppich entsteht, der die Naturgewalten eindrucksvoll nachstellt. Die Piccoloflöte hüpft abschließen wie ein unschuldiges Vögelchen über allen Lärm hinweg.
Die Klänge Chinas wurden noch einmal im letzten Werk des Abends, Gejia – Chinese Images for Orchestra (2012) in all ihrer Schönheit und Vielfalt präsentiert. Geija ist eine Ethnie im Südwesten Chinas, die Kalevi Aho bei der Komposition des Stückes im Sinn hatte. Drei Perkussionisten bearbeiteten zahlreiches Schlagwerk – darunter zwei Theatergongs und eine Operntrommel – und erzeugten dadurch Bilder von Straßenfesten mit bunten Lampions und Feuerwerk. Bratsche oder Piccoloflöte steuerten tradionell asiatisch anmutende Klänge bei.

Doch sprach Intendant Jaenicke in seiner Eröffnungsrede nicht davon, dass Kunst auch manchmal weh tun müsse? Auch wenn dieser Abend als gelungene Eröffnung des TONLAGEN-Festivals 2014 zu Ende geht, zeichnete China Sounds ein einseitiges, romantisch verklärtes Bild des Industrieriesens, dem ein paar kritische Seitenblicke nicht geschadet hätten.

Bis zum 25. Oktober haben nun alle Interessierten Gelegenheit, das „Klanghaus“ zu besuchen und sich zeitgenössischer Musik auf „unangestrengte Art und Weise“, wie es sich Dieter Jaenecke wünscht, zu nähern. Sei es bei den spannenden Konzertreihen zum Thema Sounds of the Far East oder der Entdeckung neuer Instrumente unter dem Motto when things are hopping – neue Instrumente, neue Klänge oder aber beim Klirren und Flirren zwischen den Klanginstallationen im Foyer des Festspielhauses. Der Hellerauer Herbst wird spannend.

Letizia Graul

16.10.2014Rezensionen