Musik für den ganzen Kopf

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Musik für den ganzen Kopf

Die große Jazz-Pause ist vorbei. Ausgestanden und vorüber. Der ungetrübte Blick auf Innovativkunst darf wieder nach vorn gehen. Im Jazzclub Tonne gab es dieser Tage gleich bereits herausragende und sehr unterschiedliche Abende – erst eine Cocktail-Nacht mit ziemlich anregenden Mixgetränken und einer noch wesentlich anregenderen Hommage an den Jazzkönig Charlie Mingus, dann ein brasilianisch-deutsches Aufeinandertreffen durch die Band Conexao, schließlich das einmalige Erlebnis von Mictlan. Und weitere Höhepunkte stehen bevor.

Aber der Reihe nach: Zur 5. Cocktail-Nacht, einer reichlich event-geschwängerten Maßnahme zur verkaufsträchtigen Popularisierung des sogenannten Barockviertels, kredenzte die Tonne einen Drink namens JazzClub. Anderswo gab es Manhattan, Martini und Miss Marple sowie ausgefallenere Mixturen à la Einseifer, Horst, Uhrenöl und Zeitlos. Aber nirgendwo mit so klangvoller Musik. Unter dem Titel „King Mingus“ haben sich zwei Saxofonisten, Michal und Tomasz Skulski, mit Christoph Hermann, Posaune, Jochen Aldinger, Klavier, Toralf Schrader, Bass, und Matthias Macht, Schlagzeug, getroffen. Bei freiem Eintritt überraschten sie Laufpublikum und Stammgäste mit drei Sets, in denen die springlebendige Virtuosität von Mingus zum Aufblühen gebracht wurde, was Kenner ebenso wie Neugierige durchweg begeistert hat. Ob wir diese Besetzung jemals wiederhören können? Wünschenswert wäre es, auch ohne Cocktail.

Jochen Aldinger (Fotos: PR)

Ähnlichen Ausnahmestatus besaß Mictlan am vorigen Samstag, denn auch dieses Trio wird sich so rasch nicht wieder in dieser Form zusammenfinden. Am Klavier wirkte ein geradezu ausgetauschter Jochen Aldinger, der in Wahrheit natürlich nur seine Wandelbarkeit unter Beweis stellte, mit dem Saxofon setzte Michael Schulz zentrale Punkte dieser Begegnung, und an der Gitarre zauberte der Amerikaner Todd Clouser ein saitenhaftes Flechtwerk, das er zudem mit seinem Sprechgesang garnierte. Ein nahezu einstündiges Stück hat diesen Abend eingeleitet und der Band den Namen gegeben. Mictlan steht in Mexiko, wo der in Dresden geborene Erzmusikant Michael Schulz das vergangene Jahr verbracht hatte, für den besonderen Übergang vom Leben ins Totenreich.

Da geisterten herbe Kaskaden des Saxofons zu widerhallenden Tönen des Flügels, wurden der Gitarre geradezu mysthisch scheinende Riffs abgerungen. Die Collage einer Geschichte um den aztekischen Totenkult. Zwar kannten die Ureinwohner des heutigen Mexiko weder Saxofon noch Flügel, von der E-Gitarre mal gänzlich zu schweigen. Doch alle drei Instrumente mitsamt ihrer elektronischen Verwandlung (wegen einer technischen Panne leider mit heftigen Störgeräuschen verbunden) wurden von Schulz & Co. so akkurat bedient, dass man bei sämtlichem Mit- und Gegeneinander von Zupfen und Zerren und Tasten und Gebläse durchaus hätte annehmen können, hier gehe es ums Warten auf Einlass ins Totenreich. Auch mit diesem modernen „westlichen“ Instrumentarium wurde sehr überzeugend bewiesen, dass sich die Mythen um menschliche Endzeit auf dieser Welt gar nicht so sehr unterscheiden.

Schulz will ja nur spielen! Kaum ist er nach seiner sowohl kreativ als auch pädagogisch wirksamen Auszeit in Mexiko wieder in Sachsen, wird er erst im Kulturhaus Loschwitz, gleich darauf in einer Galerie von Pirna und nun eben auch in der Tonne aktiv. Überall mit wechselnden Besetzungen, überall in anderer Bedeutung. Und schon bald auch zu einer Vernissage beim Architektenbüro Baarß + Löschner in Radebeul (26.9., 19 Uhr, www.baarss-loeschner.de/aktuell.html).

Michael Schulz

Grenzüberschreiten ist Michael Schulz auch im ganz realen Sinn wichtig. Sich ausprobieren, um zu erfahren, wie seine Kunst anderswo wirkt; reisen, um fremde Einflüsse aufzunehmen und sie mit dem eigenen Werk zu verschmelzen; Eindrücke sammeln, um neue Spielarten in Konzerten zu präsentieren.

Und wie er da spielt! Spröde Töne und immer wieder die Suche nach ganz besonderen Hörerlebnissen. Was auch mal Zurücknahme beinhaltet, um die Mitstreiter zu Ton oder auch Wort kommen zu lassen. Ungebremste Energie ist da gepaart mit hoher Fingerfertigkeit, um einen am treffendsten wohl wirklich mit Schulzmusik zu umschreibenden Klang zu generieren. Das ist Musik für den ganzen Kopf und alle Sinne. Da gerät auch das Auditorium sehr rasch an die Grenzen zur Atemlosigkeit.

Es hat allen Grund, recht bald wieder in die Tonne unterm Dresdner Kulturrathaus an der Königstraße hinabzusteigen. Denn neben dem Mitmachen am Festival „Literatur jetzt!“ stehen viele weitere klangvolle Highlights ins Haus. Eine Saison, die übrigens nicht nur im eigenen Keller stattfinden wird, sondern – am 2. November – auch in der Kreuzkirche. Dort gibt es eine „Ermutigung“ der ganz besonderen Art: Zum „revolutionären Jubiläumsjahr“, ein Vierteljahrhundert nach 1989, trifft dann das legendäre Zentralquartett auf den Barden Wolf Biermann.

15.09.2014Features